Stuttgarter Ballett Blog


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Kabatek bloggt!: Danke, Reid!

Höhepunkt und Abschied: Der krönende Abschluss der Festwoche A Reid Anderson Celebration

Es ist nicht zu fassen. Kurz vor halb vier öffnen sich die Schleusen des Himmels. Platzregen! Der hält auch eine ganze Weile an. Und trotzdem gibt es viele, viele Tapfere, die sich davon nicht schrecken lassen und mit Schirm und Regencapes Ballett im Park genießen. Belohnt werden sie mit einem mehr als fünfstündigen, umwerfenden Programm!

Vor der Gala treffe ich mich mit der wunderbaren Sue Jin Kang. Vom Stuttgarter Publikum vergöttert, tanzte sie vor zwei Jahren bei der Festwoche zur 20-jährigen Intendanz von Reid Anderson ihre Abschiedsvorstellung – Onegin mit Jason Reilly. Wie ist es, zurück in Stuttgart zu sein?
„Immer schön“, lacht sie, diese wunderschöne Frau, die überhaupt nicht zu altern scheint. „Ich war so viele Jahre hier, Stuttgart ist immer noch meine zweite Heimat.“
Die zweite Frage, nämlich, ob die Leute sie immer noch erkennen, kann ich mir eigentlich sparen. Unser Gespräch wird nämlich ständig von Freudenschreien unterbrochen, und dann stürzen sich Ballettbesucher auf Sue Jin und küssen und umarmen sie. Keine Frage, das Publikum kennt und liebt sie noch immer!
„Tanzen Sie noch?“ Sie schüttelt den Kopf. „Die letzte Vorstellung hier, das war meine Abschiedsvorstellung. Das bleibt mir für immer. Wenn ich noch auf der Bühne stehen wollte, dann müsste ich viel trainieren, dann könnte ich meine Arbeit nicht machen. Ich trainiere für mich, dass schon, aber nur so viel, wie mein Körper braucht, und damit ich gegebenenfalls meiner Compagnie etwas vortanzen kann. Als ich früher beim Ballett war, habe ich immer sehr viele Übungen gemacht, und ich habe das als Gewohnheit beibehalten.“
Vermisst sie das Tanzen nicht? „Ich bin nicht traurig, dass ich nicht mehr tanze. Ich habe immer Schmerzen gehabt, als ich getanzt habe, aber das war nicht schlimm – ich wollte immer etwas weitergeben an die nächste Generation. Aber es ist schön, dass ich jetzt keine Schmerzen mehr habe!“ Nicht umsonst nannte Anderson Sue Jin seinen „Eisernen Schmetterling!“
„Wie geht es Ihnen in Korea, als Direktorin des Koreanischen Nationalballetts?“
„Es geht mir gut! Ich habe 90 Tänzerinnen und Tänzer und 120 Leute für das Drumherum. Ich bin jetzt gut ausgestattet, besser als am Anfang. Ballett wird in Korea immer mehr wertgeschätzt! Nicht ganz so wie Fußball, aber doch!“
„Ich habe mir mal das Repertoire angeschaut. Sie haben auch Christian Spuck im Programm. Wie kam das in Korea an?“
„Sehr gut! Bevor ich kam, wurden in Korea vor allem klassische Stücke wie Schwanensee getanzt. Die Tänzerinnen und Tänzer waren auch sehr klassisch, und sie mussten sich erst umstellen, dass sie nun ganz unterschiedliche Stücke machen – anfangs fiel ihnen das schwer. Jetzt sind sie viel flexibler. Christian Spucks Anna Karenina hat das Publikum sofort geliebt. Auch Der Widerspenstigen Zähmung kam sehr gut an, und den Tänzerinnen und Tänzern hat das sehr viel Spaß gemacht. Handlungsballette sind ein Geschenk für das Publikum!“
„Hat Reid Anderson Sie schon in Korea besucht?“
„Bisher hat er keine Zeit gehabt. Ich hoffe, er schafft es irgendwann!“
„Was geht Ihnen heute, bei seinem Abschied durch den Kopf?“
„Wir haben immer viel miteinander geredet, er war immer hilfsbereit. Ich kann nur ein Wort sagen: Danke! Das hat ganz viele Bedeutungen, nicht nur eine, und er weiß, was ich meine. Ich hoffe, er genießt das Leben jetzt, in dieser anderen Etappe. Ich wünsche ihm ein gesundes, ein happy life!“ Wir sind kaum aufgestanden, da strahlt ein älterer Herr Sue Jin an. „Sie waren die Allerbeste!“, ruft er aus.

Danke, Reid!, das wird das Motto des Abends. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Balletts tragen dieses Danke auf schwarzen T-Shirts. Tamas Detrich hat noch einen draufgesetzt, sein Danke-T-Shirt glitzert. Nach dem fulminanten Gala-Auftakt – die John Cranko Schule zeigt noch einmal einen Ausschnitt aus den Etüden, bevor die komplette Compagnie zum festlichen Defilee ganz in weiß auf die Bühne kommt – begrüßt der designierte Ballettdirektor die Galagäste. Er kündigt eine Retrospektive XXL an und bittet dann seinen Chef – „Ich sage ganz stolz: Er ist noch mein Boss!“ – auf die Bühne. „I’m going!“, ruft Reid aus der Königsloge, wo er heute zur Feier des Abends sitzt. Nicht in der üblichen Hausloge! Von dort winkt huldvoll Marcia Haydée herunter. Auf der Bühne stehen ein Rednerpult und zwei verschnörkelte Sessel. Reid nimmt Platz und Winfried Kretschmann dankt ihm als Ministerpräsident von Baden-Württemberg in einer sehr persönlichen Rede für die „Ära Anderson.“ Er bedankt sich für 2,5 Millionen Zuschauer, 94 Prozent Auslastung und dafür, dass 62 Prozent der Tänzerinnen und Tänzer „selbstgebacken“ aus der John Cranko Schule kamen. Er bescheinigt Reid Anderson, dass er Stuttgart durch die Internationalität offener und toleranter gemacht hat. „Und dass sich das Ballettwunder im protestantischen Schwaben ereignet hat, macht es noch größer!“ Zum Abschluss gelingt es Winfried Kretschmann nun sogar, den ansonsten wirklich nicht auf den Mund gefallenen Noch-Intendanten sprachlos zu machen – und gerührt. Er überreicht ihm nämlich die Große Staufermedaille in Gold – „Die seltenste Auszeichnung des Landes Baden-Württemberg!“

Als Nächstes – das Ballett wird zur einen Hälfte vom Land, zur anderen von der Stadt Stuttgart finanziert – bedankt sich Oberbürgermeister Fritz Kuhn für alles, was Reid Anderson für die Stadt getan hat. Er hofft, dass ihm noch ein langes Leben beschieden ist – „Aber wenn Sie dann in den Himmel kommen, dann werden Sie sicher als Erstes mit den Engeln eine Tanzcompagnie gründen!“

Dann hält Marcia Haydée eine Laudatio, in der sie sich nicht nur dafür bedankt, dass Reid Anderson sie nach dem offiziellen Ende ihrer Karriere von der Schwäbischen Alb zurück ans Ballett gelockt hat, und ihr mit Altersrollen wie der Amme in Onegin oder Romeo und Julia eine zweite Karriere beschert hat, sondern sie erzählt auch sehr lustige Anekdoten aus der Zeit, als sie mit Reid zusammen getanzt hat. Vor allem aber dankt sie ihm dafür, dass sie bis heute Teil des Stuttgarter Ballettwunders ist!

Alicia Amatriain und Friedemann Vogel nach Onegin, © Elisabeth Kabatek

Nun aber, endlich, nach all den Reden, wird getanzt! Und WIE getanzt wird. Um siebzehn Uhr hat die Gala begonnen; als die Gäste das Opernhaus verlassen, ist es kurz vor dreiundzwanzig Uhr! Wenn man alle Stücke dieses Abends zusammenzählt, kommt man auf zweiundzwanzig. Zweiundzwanzig Stücke für zweiundzwanzig Jahre Intendanz, chronologisch mit Romeo und Julia (1996/97) beginnend und (nicht chronologisch) mit Onegin endend, bevor das rauschende Finale beginnt. Es sind zu viele Stücke, um sie einzeln zu beschreiben. Es sind überwiegend Pas de deux, zu jeder Choreographie wird ein riesiges Foto mit Namen und Bild der ursprünglichen Besetzung projiziert. Dies ist der Abend, an dem vor allem die Solistinnen und Solisten Reid Anderson ihre Referenz erweisen. Eine Leistungsschau sondergleichen, und das nach einer kräftezehrenden Festwoche! Aber niemand wirkt an diesem Abend müde. Nicht Hyo-Jung Kang und Jason Reilly, die die Balkonszene aus Romeo und Julia auch ohne Balkon herzzerreißend tanzen. Nicht Alicia Amatriain, Roman Novitzky und Martí Fernández Paixà, die in der Suite von Uwe Scholz einen wunderschönen Pas de trois tanzen, in dem Alicia wie das Bindeglied zwischen den beiden Männern wirkt, eine Choreographie, die mit einem wunderschönen Moment der Verbundenheit endet. Und schon gar nicht Elisa Badenes und Gasttänzer Daniel Camargo, die das Publikum gleich zweimal zu Begeisterungsstürmen und lauten Bravo-Rufen hinreißen, einmal in Maximiliano Guerras Don Quijote und einmal in Crankos Der Widerspenstigen Zähmung. Wie Daniel springt und wie Elisa Pirouetten dreht – das ist einfach sensationell! Dies ist ein Abend der Höchstleistungen, und man spürt, wie hier alle noch einmal ihre Kräfte mobilisieren, um sich bei ihrem geliebten Intendanten zu bedanken und zu verabschieden. Der Gänsehaut-Moment des Abends ist der Pas de deux aus John Neumeiers Othello, getanzt von Gast-Tänzerin Anna Laudere und Jason Reilly. Kann man die Liebesbeziehung zweier Menschen zärtlicher und anrührender darstellen – und tanzen? Wohl kaum! Jedenfalls hält das ganze Publikum hörbar den Atem an.

Elisa Badenes und Jason Reilly, © Elisabeth Kabatek

In der zweiten Pause bin ich kurz hinter der Bühne, für ein kurzes Interview mit Sonia Santiago, die Ballett im Park moderiert. „Noch immer nicht im Tutu?“, fragt mich Friedemann Vogel grinsend. Äh – nein, und das ist auch besser so! Haben Sie sich schon einmal gefragt, was Ballettstars in der Pause machen? Hängen sie erschöpft in der Ecke und saugen an ihrer Wasserflasche? Nein, sie sind alle irgendwo auf der Bühne und dehnen, und sie sehen kein bisschen müde aus! Nach der zweiten Pause geht es Schlag auf Schlag: Friedemann Vogel tanzt ein Solo aus Marco Goeckes Orlando, das Publikum tobt, und so geht es nun weiter bis zum Schluss, denn nach jedem Stück gibt es Grund zu toben. Natürlich darf Die Kameliendame nicht fehlen, Roman Novitzky tanzt die Rolle des Vaters, die John Neumeier 1978 für Reid Anderson kreierte. Übrigens wird die Kameliendame in der nächsten Spielzeit wieder aufgenommen! Kurz vor Schluss gibt es noch das saukomische Spuck-Stück Le Grand Pas de deux. Man merkt Elisa Badenes und Jason Reilly an, was sie für einen Riesen-Spaß haben. Elisa tanzt mit Brille und Handtäschchen und macht mit ihrem Tanzpartner, der sie auch mal reichlich unsanft über die Bühne schleift, so einiges mit. Humor im Ballett, das ist sauschwer, hat Rolando D’Alesio vor ein paar Tagen zu mir gesagt. Die Mischung aus Komik und tänzerischer Höchstleistung machen das Stück zu einem der umjubelsten des Abends. Das letzte Stück vor dem Finale ist der Schluss von Onegin, getanzt von Alicia und Friedemann. Wie die beiden es schaffen, von Null auf Hundert in diese hochdramatische Szene einzutauchen und das Publikum zu Tränen zu rühren – unfassbar!

Unfassbar ist auch das Programm, das Tamas Detrich zusammengestellt hat, um seinem Chef zu danken und ihn zu verabschieden. Wie im Flug ist der Abend mit diesen Weltklasse-Tänzerinnen und – Tänzern vergangen. Beim rauschenden Finale, mit dem Tamas Detrich den Bogen schlägt zur Gala vor zwei Jahren, erweist die ganze Compagnie ihrem scheidenden Intendanten singend und tanzend die Referenz, bevor die Solistinnen und Solisten im Hintergrund aufmarschieren. „Danke, Reid!“, wird in riesigen Buchstaben auf die Decke des Opernhauses projiziert, und nun, endlich, darf sich auch das Publikum bedanken, mit den Plakaten, die es Reid entgegenstreckt, und auf denen – wie könnte es anders sein – Danke, Reid!, steht. Der kommt endlich auf die Bühne, und nun wird umarmt und geküsst und gelacht und sicherlich auch geweint, bevor viele Gäste und Wegbegleiter Reid mit einer Rose und einer Umarmung verabschieden – Sue Jin, Bridget Breiner, Christian Spuck. Eric Gauthier wirft sich vor Reid auf den Boden, und der wiederum schnappt sich Georgette Tsinguirides und hebt sie hoch und drückt sie. All dies unter dem tosenden Applaus des Publikums, das längst aufgesprungen ist, auch den Ministerpräsidenten und den Oberbürgermeister hält es nicht mehr auf ihren Sitzen, und noch immer streckt das Publikum Reid seine Dankes-Herzen entgegen – und der bedankt sich schließlich mit einer sehr, sehr komischen, selbstironischen Stepp-Improvisation zwischen Luftballons beim Publikum, bis zum Schluss der perfekte Entertainer.

Schlussapplaus, © Elisabeth Kabatek

Und nun ist alles gut. Es ist gut, dass es ein Ende gefunden hat, denn irgendwann muss auch die schönste Festwoche zu Ende gehen, auf Dauer hält das ja kein Mensch durch, der scheidende und der neue Intendant nicht, die Tänzerinnen und Tänzer nicht, die Leute hinter den Kulissen nicht, das Publikum nicht, und auch nicht die Bloggerin. All die Emotionen der vergangenen Tage, sie müssen erst einmal verarbeitet und verdaut werden, all diese traumhaft schönen Momente im Ballett. Es wird gut sein, wieder zu normalen Zeiten ins Bett gehen zu dürfen. Auch wenn ich schon befürchte: Morgen wird etwas fehlen, es wird ein wenig leer sein und ein wenig melancholisch. Aber die gute Nachricht ist: Es ist ein Abschied. Kein Ende! Ein Neuanfang im Herbst mit Tamas Detrich. Oder, um Alicia Amatriain noch einmal zu zitieren: Ein Weitergehen. Danke, Reid. Alles Gute! Und alles Gute, Tamas Detrich – wir freuen uns drauf!

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Kabatek bloggt: Danke, Sue Jin!

Was soll man jetzt bloß schreiben. Was für ein Abend, was für eine Frau! 30 Jahre lang war Sue Jin Kang beim Stuttgarter Ballett, und heute Abend tanzt sie mit Jason Reilly zum Abschied Crankos Onegin, das Ballett, das 1969 in New York den Beginn des Stuttgarter Ballettwunders markierte, das Ballett, dem sich Sue Jin persönlich verbunden fühlt wie keinem anderen.

Anastasia Schneider ist fünfzehn und war vier Jahre lang auf der John Cranko Schule. Sue Jin ist ihre Lieblingstänzerin. Warum? „Wegen ihrer Perfektion, ihrer Eleganz, und der Art, wie sie ihre Gefühle zeigt.“ Na, das ist doch mal auf den Punkt gebracht. Ein älteres Ehepaar hat Sue Jin schon öfter bei Empfängen erlebt und zeigt sich sehr beeindruckt von ihrer reizenden, zurückhaltenden und bescheidenen Art. „Wenn man nur so aussehen würde wie sie!“, sagt die Dame und lacht. Sie ist sich auch sicher, dass sie später nicht mehr lachen, sondern ein paar Tränen vergießen wird. Ja, Sue Jins Aussehen. Diese zeitlose Schönheit. Ich würde gerne in denselben Jungbrunnen hineinfallen wie sie. Wie sonst kann man es erklären, dass eine 49jährige als verliebtes junges Mädchen durchgeht? Was heißt hier durchgeht. Sie sieht aus wie ein junges Mädchen im 1. Akt! Wie sie Onegin hinterhersieht, wie ihr das Herz bebt! Und wie der sich im wahrsten Sinne des Wortes nur um sich selber dreht, wie er ein bisschen mit ihr tanzt und sie dann stehen lässt. Wie er ihr das Kinn hebt und dann gelangweilt zur Seite blickt. Einfach großartig, wie Jason Reilly diesen Superschnösel gibt – stell dir vor, du brichst jemandem gerade das Herz und merkst es nicht. Wir im Publikum aber merken es, an diesem jungen Mädchen, das keines ist.

Als ich nach dem 1. Akt ins Foyer trete, entdecke ich Marjin Rademaker. Was für eine Überraschung! Vor anderthalb Jahren hat der Publikumsliebling Stuttgart Richtung Amsterdam verlassen, um zum Niederländischen Nationalballett zu gehen. Bei seinem Abschied tanzte er mit Sue Jin Kang einen Pas de deux aus der „Kameliendame“, ebenjenem Ballett, das ihm an der Seite von Sue Jin Kang den Durchbruch in Stuttgart bescherte. Wie geht es ihm heute Abend? „Die Tränen sind nah“, sagt er. „Ich werde sie sehr vermissen. Sie hat mich so viel gelehrt, und wir haben so viel miteinander getanzt.“ Was wird ihm von diesem gemeinsamen Tanzen am meisten im Gedächtnis bleiben? „Ihre Augen.“

Signierstunde in der Pause mit Hyo-Jung Kang, Foto: Elisabeth Kabatek

Signierstunde in der Pause mit Hyo-Jung Kang, Foto: Elisabeth Kabatek

Nach dem 2. Akt (ich gestehe: Ich habe schon da geheult, und nicht zum ersten Mal) signieren im 1. Rang Hyo-Jung Kang, die die Olga getanzt hat, und Pablo von Sternenfels, der wiederauferstandene Lenski. Signieren ist das falsche Wort. Sie schreiben sich die Finger wund. Nur mit Mühe schaffen sie es, zwischendurch ein Glas Wasser hinunterzustürzen, schließlich kommen sie direkt von der Bühne. Besonders Hyo-Jung Kang ist von einer riesigen Traube von Fans umlagert, von denen viele ganz offensichtlich asiatischer Herkunft sind. Ich habe mich kurz mit einer Gruppe Koreaner unterhalten, die aus Frankfurt angereist ist. Es ist nicht zu übersehen, dass heute sehr viele Gäste aus Asien im Publikum sitzen, und es ist eine schöne Geste, dass Reid Anderson die zweite große weibliche Hauptrolle an diesem Abend ebenfalls mit einer Koreanerin besetzt hat, auch als Hommage an den Ort, an dem Sue Jin in Zukunft ihren Lebensmittelpunkt haben wird, als Direktorin des Koreanischen Nationalballetts.

Nun beginnt der 3. Akt, und die Spannung steigt, vor und auf der Bühne. Spiegel und Vorhänge, Trugbilder und Täuschungen: Zu spät erkennt Onegin den Irrtum seines Lebens. In keinem Cranko-Ballett ist die Seelenpein so groß. Wie sich die Rollen vertauscht haben! Wie Tatjana zur stolzen Frau des Fürsten Gremin gereift ist, während Onegin nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Wie Onegin Tatjana anfleht, wie sie jetzt seinen Brief zerreißt. Wie sie immer wieder von ihm fortstrebt, und er sie zu halten versucht. Ja, die Rollen haben sich vertauscht, und doch gibt es einen großen Unterschied zum Anfang. All das Blasierte, Arrogante, was Onegin auszeichnete, ist Tatjana fremd. Sie kämpft den Kampf ihres Lebens gegen ihre eigenen Gefühle, und wie sich dieser Kampf in jeder Sekunde in Sue Jins Gesicht und in jeder Faser ihres Körpers ausdrückt, wie man genau sieht, dass dieser Kampf nur haarscharf zuungunsten Onegins ausgeht, das ist es, was diese Tänzerin so einzigartig macht.

Sue Jin Kang mit Jason Reilly in John Crankos Onegin, Foto: Stuttgarter Ballett

Sue Jin Kang mit Jason Reilly in John Crankos Onegin, Foto: Stuttgarter Ballett

Nun weist sie Onegin die Tür, mit diesem ausgestreckten Arm, in den sie alles legt, was ihr an Würde und Respekt vor sich selber geblieben ist, und Onegin erkennt, dass er verloren hat, und läuft zur Tür hinaus, ein gebrochener Mann. Tatjana bleibt zurück, sie steht in der Mitte der Bühne, ganz allein, und man liest in ihrem Gesicht und ihrem Körper, wie ihre Seele schreit, und der Vorhang schließt sich langsam und ist noch nicht richtig zu, da fängt das Publikum schon an zu schreien und zu toben. Es ist ein seltsamer Moment, denn eigentlich ist Sue Jin noch Tatjana, mitten in ihrer Rolle, eisern bis zur allerletzten Sekunde. Das Publikum kann es aber gar nicht so lange aushalten, schließlich hat es den ganzen Abend auf diesen Augenblick hingefiebert. Der Vorhang geht wieder auf, und man sieht ihr an, wie bewegt sie ist, aber schon beim zweiten Vorhang hat sie sich wieder gefasst und strahlt endlich, und Jason umarmt sie, dass es kracht. Das Publikum ist längst aufgesprungen, das Staatsorchester hat wieder zu spielen begonnen, und nun regnet es Blumen, sie fliegen in hohem Bogen von allen Seiten auf die Bühne, die ganze Bühne ist ein einziges buntes Blumenmeer – denn was Sue Jin nicht weiß, und was ich nicht verraten durfte, obwohl ich mir beinahe die Zunge abgebissen hätte, die ZuschauerInnen haben sich verabredet und untereinander diesen Blumenregen organisiert, um ihrer Sue Jin zu danken. Im Hintergrund der Bühne wird jetzt ein riesiges blaues Plakat entrollt, auf dem in weißer Schrift zu lesen steht, „Liebe Sue Jin, Danke für alles, we love you, we will miss you, alles Gute.“

Auch die Compagnie sagt Danke!, Foto: Elisabeth Kabatek

Auch die Compagnie sagt Danke!, Foto: Elisabeth Kabatek

Und nun kommt das große Defilé. Das komplette Ballett, und damit meine ich wörtlich das komplette Ballett, soweit man das überblicken kann in all dem Durcheinander, nicht nur etwa diejenigen, die heute Abend getanzt haben, sondern alle SolistInnen, Tamas Detrich, das Corps de Ballet, sämtliche MitarbeiterInnen des Balletts, WeggefährtInnen und ehemalige TänzerInnen, sie alle marschieren nun in einer langen Reihe auf die Bühne, und jede/r überreicht Sue Jin eine langstielige rote Rose, und Sue Jin küsst und umarmt sie alle. Von Marjin Rademaker kann sie nichts gewusst haben, denn sie schlägt die Hände völlig entzückt vors Gesicht und die beiden umarmen sich wild. Das Publikum klatscht übrigens durch, ohne auch nur eine Sekunde innezuhalten. Als ob das der großen Gefühle noch nicht genug wäre, kommt jetzt die Zuschauerüberraschung, die ich bisher noch nicht erwähnt habe, um ihnen beim Lesen nicht die Überraschung zu verderben. Auf jedem Platz im Opernhaus liegt nämlich ein Plakat mit einem roten Herz und dem Text „Danke, Sue Jin.“

1400 Herzen für Sue Jin, Foto: Elisabeth Kabatek

1400 Herzen für Sue Jin, Foto: Elisabeth Kabatek

Die Anweisung darauf lautet, auf Reid Andersons Zeichen hin das Plakat nach oben Richtung Bühne zu halten. Jetzt kommt Reid Anderson als Letzter auf die Bühne, mit einem riesigen Bukett aus roten Rosen, und nachdem er Sue Jin umarmt hat, hält er das Plakat Richtung Publikum und klappt es als Startzeichen auf, und das ganze Publikum des Opernhauses streckt Sue Jin das Plakat entgegen. Weil alle Hände an den Plakaten kleben, kann kein Mensch mehr klatschen, und so wird es auf einen Schlag fast gespenstisch ruhig. Die plötzliche Stille ist noch ergreifender als der Applaus, und Sue Jin kann es nicht fassen, dieses Meer aus roten Herzen, und langsam setzt der Applaus wieder ein, und Sue Jin verneigt sich in alle Richtungen, zum Publikum hin, zum Orchester, zum Ballett, sie formt mit den Händen ihrerseits ein Herz und streckt dieses Herz allen hin. Es dauert ziemlich lange, bis der Vorhang sich endgültig schließt und das völlig erschöpfte, völlig euphorische Publikum langsam zu sich kommt und aus den Reihen geht. Da öffnet sich der Vorhang ganz überraschend noch einmal, und nun steht Sue Jin ganz alleine da, so wie vorher während ihres letzten Bühnenmoments, und verneigt sich noch einmal ganz tief in alle Richtungen, als Hommage an das Publikum, das sie dreißig Jahre lang begleitet hat.

Stille im Saal: Das Publikum nimmt Abschied, Foto: Elisabeth Kabatek

Stille im Saal: Das Publikum nimmt Abschied, Foto: Elisabeth Kabatek

Unglaublich viele WeggefährtInnen strömen hinter die Bühne und formieren einen Kreis um Sue Jin herum. Sue Jin hält eine Rede, von der ich nicht viel mitbekomme, außer dem Dank am Schluss. Danach wird sie umarmt, geküsst, es werden unzählige Fotos gemacht, Marjin umarmt sie noch einmal richtig, und sie bekommt ein Porträt von sich geschenkt. Nein, sie ist nicht in Tränen aufgelöst. Sie ist unglaublich souverän und fröhlich, selbst in diesem Augenblick. Für jeden nimmt sie sich einen Moment Zeit, nichts scheint ihr zu viel. Sie hat auch unser kleines Interview nicht vergessen, auf das ich angesichts des Trubels schon beinahe verzichtet hätte. Ich stelle ihr nur eine einzige Frage. Woran wird sie sich erinnern, wenn sie achtzig ist und an das Stuttgarter Ballett zurückdenkt? „Ich werde an die Liebe denken“, sagt sie. „Die Liebe in meinem Herzen zum Stuttgarter Ballett, und diese Liebe werde ich mit ins Grab nehmen.“ Und dann küsst sie auch mich. Der eiserne Schmetterling mit dem riesigen Herzen, in das offensichtlich ganz Stuttgart und ganz Korea hineinpasst, ohne Platzprobleme. Der eiserne Schmetterling, bis zum Schluss. Danke, Sue Jin!


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Kabatek bloggt: Warum Ballett glücklich macht

Am Sonntagmorgen vor dem Eisernen: Alle Ballettdirektoren der Next Generation vereint!, Foto: Stuttgarter Ballett

Am Sonntagmorgen vor dem Eisernen: Alle Ballettdirektoren der Next Generation vereint!, Foto: Stuttgarter Ballett

„Ballettdirektor/in zum nächstmöglichen Zeitpunkt gesucht …“ Nein, solche Stellenanzeigen gibt es nicht, zumindest nicht in der Zeitung. Wie man an einen Posten als Ballettdirektor/in kommt, das war eine der spannenden Fragen, die am Sonntagmorgen im Parkett des Opernhauses diskutiert wurden. Kurz vor elf Uhr strömen die unermüdlichen Ballettfans trotz schönsten Sommerwetters ins Innere des Opernhauses. Viele von ihnen waren am Abend zuvor in der Vorstellung „Next Generation.“ Die Gesprächsrunde an diesem Morgen stellt gewissermaßen die Ergänzung dazu dar.„Suchen Sie schon wieder Ihren Platz!“, sagt ein Besucher zu mir, als ich meinen Platz in Reihe vier nicht finde, und es klingt ein klein wenig vorwurfsvoll. Die Gäste von Vivien Arnold, Pressechefin des Balletts, die die Gesprächsrunde leitet, haben kein Problem, ihren Stuhl zu finden. Acht Stühle stehen für sie bereit, aber es sind doch nur sieben Gäste angekündigt? Bridget Breiner, Sue Jin Kang, Filip Barankiewicz, Ivan Cavallari, Robert Conn, Eric Gauthier und Christian Spuck waren alle Publikumslieblinge des Stuttgarter Balletts, sie alle haben die Seiten gewechselt und sind heute BallettdirektorInnen, oder treten demnächst ihre Posten an. So auch Überraschungsgast Nummer acht, Tamas Detrich, der in zwei Jahren die Nachfolge von Reid Anderson antreten wird.

Was macht ein Tänzer oder eine Tänzerin, wenn die zeitlich begrenzte, aktive Karriere zu Ende geht? Tanzen ist so zeitintensiv, da kann man nicht nebenher studieren oder eine Ausbildung machen, wie es manche Sportler tun. Im Gespräch wird deutlich, wie ungemein ernst Reid Anderson seine Sorgfaltspflicht als Arbeitgeber nimmt, wie er sich um die berufliche Zukunft seiner Leute Gedanken macht, wie er versucht, im Gespräch herauszufinden, wo sie ihre Stärken sehen, und wohin die Reise möglicherweise gehen kann. Unterrichten, choreographieren, eine Compagnie leiten? Headhunter rufen beim Intendanten an. Wer könnte sich für den Posten eignen? Robert Conn, der heute das Ballett Augsburg leitet, hat seinen ehemaligen Intendanten ein ganzes Jahr lang wie ein Schatten begleitet, um herauszufinden, wie das ist, der Alltag eines Ballettdirektors, der aus sehr viel wenig glamourösem Verwaltungskram, Sitzungen und Dreijahresplänen besteht. Vom Alltag in Zürich berichtet auch Christian Spuck. Wie schwierig der Anfang war, wie man seinen eigenen Stil erst entwickeln und durchsetzen muss, und dass es ein paar Jahre dauert, bis man seinen eigenen Weg gefunden hat. Auch Eric Gauthier erinnert sich an die schwierigen Anfänge von Gauthier Dance. „Wenn ich jetzt zurückdenke, ich würde es nicht mehr machen!“ Jetzt, nach neun Jahren, plant die Stadt gar ein eigenes Tanzhaus für Gauthier Dance und die freie Tanzszene. Was für ein Erfolg! Tamas Detrich wiederum berichtet davon, wie schwierig und nervenaufreibend das Auswahlverfahren für die Nachfolge von Reid Anderson war. Er musste es genauso wie alle anderen BewerberInnen durchlaufen, bis endlich, endlich die erlösende Zusage kam.

Publikumsliebling Sue Jin Kang bei der Gesprächsrunde Next Generation, Foto: Stuttgarter Ballett

Publikumsliebling Sue Jin Kang bei der Gesprächsrunde Next Generation, Foto: Stuttgarter Ballett

Die Abräumerin an diesem Morgen ist aber eindeutig Sue Jin Kang. Mit ihrem umwerfenden Charme hat sie das Publikum ruckzuck eingewickelt. Am Freitag wird sie ihren Bühnenabschied in Crankos „Onegin“ geben, und da wird auf der Bühne und im Publikum mehr als nur das eine Tränchen fließen, das sie sich verstohlen aus den Augenwinkeln wischt, als sie ihren Redebeitrag mit den Worten „Danke Stuttgart, danke Korea!“ beendet.

Seit dreißig Jahren tanzt sie fürs Stuttgarter Ballett, einfach unfassbar. „Schatzi, ich will das machen!“ Immer wieder hat das Koreanische Nationalballett versucht, Sue Jin als Direktorin zu gewinnen. Immer wieder hat sie abgelehnt, bis sie dann eines Tages einen ganzen Tag im Stuttgarter Schlossgarten saß und mit Reid Anderson alles von vorn bis hinten durchsprach – und endlich zusagte. Nicht einfach sei das für ihren Schatzi, ihren Mann, mit der so völlig fremden Mentalität zurechtzukommen. Ungeheuer komisch berichtet sie davon, welche Schwierigkeiten sie selbst mit dieser Mentalität hat, nach so vielen Jahren in Europa. Sie, ganz schwäbische Schafferin, will immer arbeiten, die TänzerInnen ihrer Compagnie haben aber eine geregelte Fünftagewoche, wo gibt’s denn so was? Und sie muss dem koreanischen Publikum erst schmackhaft machen, dass Ballett nicht nur aus „Schwanensee“ besteht. „Nicht nur Kimchi, auch Maultaschen!“, sagt sie, und das Publikum wirft sich weg. Was wird sie uns fehlen! Sie und all die anderen. Diese geballte Kreativität, Energie und Lust, ihren Job zu machen, die diese acht auf der Bühne ausstrahlen.

Nach der Gesprächsrunde: Elisabaeth Kabatek und Filip Barankiewicz

Nach der Gesprächsrunde: Elisabaeth Kabatek und Filip Barankiewicz

Hinter der Bühne treffe ich Filip Barankiewicz. Ich frage ihn, ob ihm eine bestimmte Rolle, eine bestimmte Vorstellung aus seiner Zeit als Erster Solist beim Stuttgarter Ballett besonders in Erinnerung geblieben ist. Ich selber fand ihn vor allem als Petrucchio umwerfend, und das Stuttgarter Publikum lag ihm zu Füßen. Und was sagt er? „Viel mehr noch als das Tanzen liebe ich das Unterrichten! Die ganzen tollen Rollen, die ich selber getanzt habe, an andere weiterzugeben, das macht mich vollkommen glücklich!“ Und dabei strahlt er. Prag, du kannst dich freuen auf diesen überzeugten Ballettpädagogen! Dort wird Filip in der Spielzeit 2017/18 seinen Posten als Ballettdirektor des Tschechischen Nationalballetts antreten. Übrigens hatte ihm Reid Anderson einen Job bei der John Cranko Schule angeboten. Und was macht Filip? Er lehnt ab, obwohl er zu diesem Zeitpunkt kein anderes Angebot vorliegen hatte. Weil er ganz genau wusste, was er wollte, nämlich mit professionellen Tänzern zu arbeiten. Erst Monate später kam das Angebot aus Prag. Dieser Mann weiß, was er will! 82 TänzerInnen und 4 Bühnen warten auf ihn. Wie sagte Vivien Arnold so schön? Nach Prag kann man auch mal übers Wochenende. Und schauen, was der Filip dort so auf die Beine stellt. Zürich und Augsburg sind übrigens auch nicht weit, und ein Ausflug in den Ruhrpott lohnt sich sowieso…

Kunal Jamsandekar mit seinen Freunden aus der John Cranko Gesellschaft, Foto: Elisabeth Kabatek

Kunal Jamsandekar mit seinen Freunden aus der John Cranko Gesellschaft, Foto: Elisabeth Kabatek

Als ich aus der Oper trete, werde ich von einer fröhlichen Gruppe begrüßt, die noch auf der Operntreppe schwätzt. „Sie sind doch die Bloggerin!“ Ja, genau. Wenigstens fehlt diesmal der Zusatz, Sie wissen schon… Die Gruppe besteht aus Hardcore-Ballettfans, die sich über die John Cranko Gesellschaft kennengelernt haben. „Da gehst du nie allein ins Ballett!“ Mittendrin: Kunal Jamsandekar aus Pune in Indien. Allein unter Schwaben, aber nicht mehr allein, seit er mit ihnen ins Ballett geht. Er schafft bei Bosch in Schwieberdingen, wie könnte es anders sein, und hat sich anfangs ziemlich einsam gefühlt in schwäbischen Landen. Bis der junge Mann mit der umwerfenden Ausstrahlung, der selber indischen Tanz praktiziert und Ballett liebt, auf die John Cranko Gesellschaft stieß, und alles ein glückliches Ende nahm, denn dort hat er Freunde gefunden. Zum Beispiel Renate Frommer, die sich 1969 einen Job in Stuttgart suchte. Aus welchem Grund? Wegen des Stuttgarter Balletts. Sie nahm Ballettunterricht und ihre Lehrerin schwärmte ihr immer von Haydée vor. Kunal wird übrigens ständig gefragt, ob er der Bruder von Constantin Allen ist, weil er ihm so ähnlich sieht. Constantin hat am Donnerstag sein Rollendebüt als Petrucchio in der „Widerspenstigen“, und ich werde nach Kunal Ausschau halten. Es ist einfach unglaublich, was für Geschichten dieses Stuttgarter Ballett beim Publikum schreibt!

Elisabeth Kabatek


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Kabatek bloggt: Der Große Multiplikator

(Fast) alle Balletdirektoren mit ihren Tänzern und Reid Anderson nach der Vorstellung, Foto: Stuttgarter Ballett

(Fast) alle Balletdirektoren mit ihren Tänzern und Reid Anderson nach der Vorstellung, Foto: Stuttgarter Ballett

Erst ganz am Schluss kommt er auf die Bühne. Als Reid Anderson am Ende des Ballettabends „Next Generation“ ganz vorne an den Rand der Bühne tritt, nur für ein paar Momente, da hält es niemanden mehr auf den Sitzen. Stehende Ovationen für den Intendanten, dem diese Festwoche gilt. Stehende Ovationen, Toben und Trampeln aber auch für die fünf Tanzcompagnien, die da auf der Bühne versammelt sind, und die sieben Ballettdirektoren, die alle eines gemeinsam haben: Sie alle haben einmal unter Reid Anderson getanzt.

Jetzt geht sie richtig los, die Festwoche. Sie hat zwar schon am Freitag begonnen, mit dem SWR-Film übers Stuttgarter Ballett, aber nun wird endlich getanzt. Die Stuttgarter Compagnie darf nochmal pausieren und im Publikum sitzen. Christian Spuck kommt direkt aus Moskau. Kaum hat er das Opernhaus betreten, da wird er schon von Jason Reilly gepackt und zu einer Hebefigur verdonnert, was ziemlich komisch aussieht. Heute tanzen die Gäste. Ein Abend, den es in dieser Form nur einmal geben wird, wie Tamas Detrich in seiner Begrüßung sagt. Und einmalig wird es in der Tat. Dieser Abend gehört der Nächsten Generation. Bridget Breiner, Sue Jin Kang, Filip Barankiewicz, Ivan Cavallari, Robert Conn, Eric Gauthier und Christian Spuck: sie alle haben in Stuttgart glänzende Karrieren als TänzerInnen hingelegt, sie alle waren Publikumslieblinge, und irgendwann sind sie einfach gegangen. Sie sind gegangen und leiten jetzt eigene Compagnien. Reid Anderson hat sie nicht nur ziehen lassen, ohne ihnen Steine in den Weg zu legen. Er hat sie gefördert, bestärkt, bei den Bewerbungen unterstützt, und wenn sie Hilfe oder einen Rat brauchen, dann greifen sie bis heute zum Telefon und rufen Reid an. Das ist, im besten Sinne, großmütig und großzügig. Anstatt Ballett in Stuttgart zu bunkern, wird multipliziert. In die Welt hinausgetragen: Nach Gelsenkirchen, Augsburg, Korea, Tschechien, Zürich. Und an den Pragsattel.

Eric Gauthier mit seinen Tänzern nach einem erfolgreichen Gastspiel im Opernhaus, Foto: Stuttgarter Ballett

Eric Gauthier mit seinen Tänzern nach einem erfolgreichen Gastspiel im Opernhaus, Foto: Stuttgarter Ballett

Der Ballettabend beginnt mit einem Heimspiel. Eric Gauthier und die Erfolgsgeschichte von Gauthier Dance im Theaterhaus Stuttgart sind der beste Beweis dafür, dass Reid Andersons Philosophie funktioniert, nicht etwa in Western-Manier zu sagen, „diese Stadt ist zu klein für uns beide, Cowboy.“ Nein. Reid Anderson hat Eric Gauthier von Anfang an darin unterstützt, am Theaterhaus Stuttgart eine zweite Tanzszene aufzubauen und zu etablieren. Es hat funktioniert. Längst füllt Gauthier Dance im Theaterhaus Pragsattel den Saal T1. 1630 Plätze, und ständig ausverkauft! Am Pragsattel trifft sich ein jüngeres, tanzungewohnteres Publikum als am Eckensee, und wie selbstverständlich pilgern Stammgäste des Stuttgarter Balletts auch ins Theaterhaus. Unser Eric! Unser Schätzle! Völlig wurscht, dass er Kanadier ist, wir lieben ihn, er ist längst einer von uns, auch wenn es mit seinem Schwäbisch noch ein wenig hapert. Entsprechend umjubelt sind die beiden frech-frivolen Auftritte seiner Truppe an diesem Abend.

Filip Barankiewicz mit den Tänzern des Tschechischen Nationalballetts Giovanni Rotolo, Alina Nanu und Mathias Deneux und Ballettdirektor Petr Zuska, Foto: Stuttgarter Ballett

Filip Barankiewicz mit den Tänzern des Tschechischen Nationalballetts Giovanni Rotolo, Alina Nanu und Mathias Deneux und Ballettdirektor Petr Zuska, Foto: Stuttgarter Ballett

Das Tschechische Nationalballett, das zur Spielzeit 2017/18 von Filip Barankiewicz übernommen wird, zeigt dagegen ungemein komisch die ganze Bandbreite einer Beziehung: Sie lieben sich, sie trennen sich, sie pfeffert ihm die Ballettschuhe hinterher, sie sind allein, sie treffen sich wieder und streiten sich – wie im richtigen Leben eben.

Bridget Breiner (im Hintergrund) mit ihren Tänzern und Reid Anderson nach der Vorstellung, Foto: Stuttgarter Ballett

Bridget Breiner (im Hintergrund) mit ihren Tänzern und Reid Anderson nach der Vorstellung, Foto: Stuttgarter Ballett

In der Pause bietet die lange Schlange am Damenklo die ideale Gelegenheit, ein Stimmungsbild einzufangen. Allgemeine Begeisterung. Sehr kurzweilig findet Nadine Richter den Abend, der innige Pas de Deux des Koreanischen Nationalballetts hat ihr im ersten Teil am besten gefallen. Sie war sogar mal bei Bridget Breiners „Ballett im Revier“ in Gelsenkirchen. Begeisterung auch bei der Dame, die mir an der Sektbar im 1. Rang erzählt, dass ihre Liebe zum Stuttgarter Ballett Anfang der siebziger Jahre mit Marcia Haydée begann. Karten für die Festwoche hat sie gleich am ersten Vorverkaufstag ergattert. „Da standen alte Damen an, die hatten sich um sieben Uhr früh verabredet und frühstückten in der Schlange, damit sie Karten in der 3. Reihe kriegen“, erzählt sie. Stuttgarter Publikum eben. Es bejubelt jedes Stück an diesem Ballettabend, auch die Videobotschaft des Züricher Balletts. Weil in Zürich schon Theaterferien sind, kann Christian Spuck seine TänzerInnen nicht persönlich nach Stuttgart schicken. Aber die Züricher grüßen mit einem Video, und das bietet ein Wiedersehen mit den Stuttgarter Publikumslieblingen Katja Wünsche und William Moore. Fulminant endet der Abend mit dem Koreanischen Nationalballett. Es folgt dem Puls einer Trommel, tanzt sich in rauschhafte Ekstase, und verharrt dann wieder, unbeweglich. Tanzbilder wie Gemälde. Nicht endenwollender Applaus, und alle auf die Bühne!

Sue Jin Kang mit ihren Tänzern vom Koreanischen Nationalballett und Reid Anderson nach der Vorstellung, Foto: Stuttgarter Ballett

Sue Jin Kang mit ihren Tänzern vom Koreanischen Nationalballett und Reid Anderson nach der Vorstellung, Foto: Stuttgarter Ballett

Der Vorhang ist gefallen, aber dahinter ist der Teufel los. Die TänzerInnen der verschiedenen Compagnien fallen sich in die Arme, machen Gruppenfotos und Selfies. Bridget Breiner muss erst einmal losgeeist werden für unser kurzes Gespräch. Seit 2012 ist die ehemalige erste Solistin des Stuttgarter Balletts Direktorin des Ballett im Revier Gelsenkirchen. Heute Abend hat ihre Compagnie zwei umjubelte Auftritte hingelegt. Sie kam 1996 nach Stuttgart, mit Reid Anderson. Und wie fühlt es sich jetzt an, zwanzig Jahre später? „Alles wie früher, und doch wieder nicht. Ich war sehr nervös, und meine Tänzer auch. Ich kenne nur noch ein gutes Viertel der Stuttgarter Compagnie. Eric und Christian kenne ich natürlich von damals.“ Was hat sie von Reid Anderson mitgenommen nach Gelsenkirchen? „Man muss Chancen geben, ein Risiko eingehen. Die Tänzer wachsen mit ihren Rollen.“ Fehlt ihr das nicht, sich ganz auf den Tanz zu konzentrieren, so wie früher in Stuttgart? „Manchmal wünsche ich mir, mehr tanzen zu können. Aber ich hätte niemals geglaubt, dass es so viel Spaß macht, all das zu tun, was ich jetzt mache. Tanzen, choreographieren, Direktorin sein. Wir haben in Gelsenkirchen mehr Grenzen als in Stuttgart, finanziell zum Beispiel. Aber Grenzen geben Freiheit. Man sucht dann eben andere Wege.“ Und jetzt habe ich sie genug aufgehalten, jetzt soll sie endlich feiern. Mit ihren Tänzern, den alten Weggefährten und dem Intendanten, der sie ziehen ließ.

Schnappschuss nach dem Gespräch hinter der Bühne: Bridget Breiner und unsere Autorin Elisabeth Kabatek

Schnappschuss nach dem Gespräch hinter der Bühne: Bridget Breiner und unsere Autorin Elisabeth Kabatek

Elisabeth Kabatek


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EMAIL AUS … SEOUL (CONSTANTINE ALLEN)

Constantine Allen mit Sue Jin Kang, Foto: privat

Constantine Allen mit Sue Jin Kang, Foto: privat

Liebe Stuttgarter,

heute Abend habe ich meine erste Vorstellung mit dem Koreanischen Nationalballett in John Crankos Der Widerspenstigen Zähmung! Die letzten zwei Wochen haben mir großen Spaß gemacht, sie waren aber auch voll mit harter Arbeit. Ich vermisse natürlich meine Freunde und Kollegen in Stuttgart, aber mithilfe von Sue Jin Kang und Filip Barankiewicz habe ich mich hier fast wie zuhause gefühlt. Ich hoffe auf eine tolle Vorstellung heute Abend mit meiner Partnerin Ji Young Kim, mit der es fantastisch war zusammen zu arbeiten! Ich freue mich aber auch schon darauf, wieder nach Hause zu kommen, ein gutes Schnitzel zu essen und vor allem auf mein Stuttgarter Debüt als Petrucchio am 21. Juli! Bis dahin hoffe ich, es geht euch allen gut!

Alles liebe,

Constantine