Stuttgarter Ballett Blog


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Kabatek bloggt!: „Stuttgart war und ist mein Leben“

Reid Andersons One-Man-Show wird zu einem sehr persönlichen Best-of aus 22 Jahren Intendanz

Roman Novitzky und Nikolai B. Forstbauer, © Elisabeth Kabatek

Es ist Sonntagnachmittag, dreizehn Uhr, es ist heiß, man könnte ins Freibad oder in einen Biergarten gehen, aber das Schauspielhaus ist voll. Roman Novitzky hat gerade im Foyer vor sehr viel Publikum seinen Fotoband Der tanzende Blick präsentiert. Das Multitalent ist nicht nur ein fabelhafter Tänzer – erst gestern Abend war er in Lulu zu sehen, in der Verfilmung von Romeo und Julia tanzte er Graf Paris – sondern auch ein hervorragender Fotograf. Hauptsächlich geht es heute aber um den, der geht: Reid Anderson, der scheidende Ballettchef. Er wird später sagen, dass er seinen Tänzerinnen und Tänzern einen freien Tag gönnen musste, bevor der Kraftakt der sieben kommenden Vorstellungen beginnt. Als ob diese Veranstaltung ein Lückenfüller wäre! Als ob nicht alle wüssten, dass eine One-Man-Show von und mit Reid Anderson eine fabelhafte Mischung aus kurzweilig, informativ und amüsant werden würde! Und ja, es wird viel gelacht in diesen zwei Stunden. Der Noch-Ballettdirektor betont am Anfang, dass sein Rückblick auf die 22 Jahre seiner Intendanz ein subjektiver und persönlicher ist, dass er nicht versucht hat, es jedem Recht zu machen: Er will seine persönlichen Highlights präsentieren.

Die nächsten zwei Stunden füllt Reid Anderson mit Filmclips – sehr kurzen, wie er betont – Anekdoten und Geschichten. Selbstverständlich haben die meisten hier das, was in den Filmausschnitten gezeigt wird, auf der Bühne gesehen. Reid Anderson beginnt mit der Anekdote, wie er innerhalb eines Tages zum Stuttgarter Intendanten gekürt wurde, nachdem er ein Gremium von 22 strengen Politikern überstanden hatte. Dann begann er seine Intendanz mit Romeo und Julia und feierte erste Erfolge mit Margaret Illmann, Robert Tewsley, Yseult Lendvai und Vladimir Malakhov. Es gibt ein Wiedersehen mit einem sehr jungen Eric Gauthier, einem ebenfalls sehr jungen Jason Reilly, dem tanzenden designierten Intendanten Tamas Detrich, mit Sue Jin Kang – die im Publikum sitzt! – mit Filip Barankiewicz, Bridget Breiner, Katja Wünsche und William Moore. Dann geht es um die Choreographen, um Christian Spuck, Marco Goecke, Edward Clug. Viele, viele weitere Namen fallen in diesen zwei Stunden, viele sehr kurz Filmausschnitte werden gezeigt, bis einem fast der Kopf schwirrt, und zu jedem Namen weiß Reid Anderson eine Anekdote zu erzählen, bis wir dann (fast) in der Gegenwart angekommen sind, bei Krabat von Demis Volpi, einem der größten Publikumsrenner des Balletts, permanent ausverkauft. Seinen Rückblick, ganz Teamplayer, beendet Reid Anderson mit Der Tod in Venedig und er betont, wie wichtig und großartig diese Kooperation von Oper und Ballett war, und wie fabelhaft der Sänger Matthias Klink.

Reid Anderson am Ende seiner One-Man-Show, © Elisabeth Kabatek

Es ist jetzt kurz vor drei, Reid Anderson erinnert an sein Versprechen, pünktlich Schluss zu machen und kickt einen imaginären Fußball in die Luft. „Sie hätten ja Ihre Zelte mitbringen können, dann wären wir eine Woche hiergeblieben.“ Man traut ihm das ohne Weiteres zu, dass er stunden- und tagelang so weiterplaudern könnte, ohne dass es einem auch nur eine Sekunde langweilig werden würde. Aber nun wird der scheidende Intendant ein wenig feierlich. „In fast jedem Interview, das ich in den letzten Tagen geführt habe, und es waren viele, kam die Frage nach dem berühmten Stuttgarter Publikum. Und jetzt möchte ich mich bei Ihnen bedanken, beim berühmten Stuttgarter Publikum. Ich bin nicht traurig, ich möchte aufhören. Aber Stuttgart war und ist mein Leben. Ich sage das nicht, um Ihnen zu schmeicheln, es ist die Wahrheit. Sie kennen alles, Sie wissen alles.“ Und dann geht er mit einem echt schwäbischen „Adele“ von der Bühne. Das Publikum aber springt auf und beginnt wie verrückt zu applaudieren. Reid Anderson kehrt zurück und nimmt gerührt die Standing Ovations des Stuttgarter Publikums, seines Stuttgarter Publikums entgegen, und nun müssen viele ein paar Tränchen verdrücken. Es ist ein bewegender, berührender und sehr intimer Moment. Eine Ära geht zu Ende, eigentlich ja erst am nächsten Sonntag bei der Gala, aber dieser Augenblick gehört nicht der Compagnie, nicht den Politikern und nicht den Gästen, er gehört Reid Anderson und SEINEM Stuttgarter Publikum.

Für unser kleines Interview setzen wir uns auf die Bänke vor dem Schauspielhaus. Auf dem Weg dorthin muss Reid Anderson immer wieder Fotos und Programmhefte signieren, Hände schütteln, Dankesworte entgegennehmen. Das Publikum beweist seine Treue, bis zum Schluss, und der scheidende Intendant ist bei jeder Begegnung gleichbleibend freundlich und nimmt sich Zeit, auch für unser Gespräch. Die Liste der Dinge, die ihm in den letzten 22 Jahren gelungen sind, ist lang, aber was erfüllt ihn am meisten mit Stolz? „Die Schule“, sagt er ohne Zögern. „Johns Name ist damit verbunden, und das Gebäude ist da und bleibt für immer. Das macht mich superglücklich. Es macht mir nichts aus, dass die Schule erst nach meiner Zeit als Intendant eingeweiht wird.“ Wir erinnern uns: Wie ein Löwe hat Reid Anderson gekämpft, bis er von der Politik die Zusage für den dringend notwendigen Neubau der John Cranko Schule bekam. Nicht nur die Bedingungen für den tänzerischen Nachwuchs werden damit verbessert, die Compagnie wird auch endlich einen Probenraum haben ohne Säulen im Weg, wie es bisher der Fall und eigentlich unvorstellbar ist für ein Ballett von Weltrang. Mich interessiert, was er aus seiner täglichen Routine im Opernhaus am meisten vermissen wird. „Kein Tag war wie der andere und der Fokus wechselte ständig. Man muss sich das so vorstellen, ich plane ein Gastspiel in Tokio in drei Jahren und dann gehe ich zum Training und sage zu einem Tänzer, dass er sein Bein mehr strecken soll. Das ging alles immer Schlag auf Schlag, den ganzen Tag durch. Jetzt kann ich mir vorstellen, nichts mehr zu machen. Mein neues Leben fängt an und ich freue mich drauf.“ Man kann sich nicht wirklich vorstellen, dass Reid Anderson nichts macht, zumal er Anfragen aus der ganzen Welt hat, Cranko-Ballette einzustudieren, und schon viele Verpflichtungen eingegangen ist. Auch wenn Stuttgart seine Heimat bleibt, wird er viel unterwegs sein. Wie sieht das aus, wenn jemand wie Reid Anderson nichts macht? „Ich habe in meiner ganzen Laufbahn in der spielfreien Zeit im Sommer nichts gemacht. Ich kann das gut.“

„Sind Sie dann viel gereist?“
„Nein, gar nicht! Ich habe dann viel gelesen, Fitness gemacht, war schwimmen. Und während der Spielzeit habe ich abends nie gearbeitet.“
„Aber es gab doch praktisch keine Vorstellung, bei der Sie nicht präsent waren!“
„Das zählt nicht. Das war für mich eine Berufung, kein Beruf, ich bin bezahlt worden für das, was ich liebe. Vorstellungen waren für mich immer sehr entspannt, ich bin da immer mit dem Gefühl reingegangen, jetzt kannst du eh nichts mehr machen. Aber wenn ich abends zu Hause war, habe ich nie gearbeitet!“ Und was hat ihm keinen Spaß gemacht? Erst fällt ihm nichts ein. Aber dann. „Sitzungen! Ich hasse Sitzungen. Eine Qual!“ Wird er denn nun ein neues Hobby anfangen? Er schüttelt vehement mit dem Kopf. „Ich hatte nie ein Hobby und brauche auch keins. Ich will schreiben. Mein Deutsch verbessern, meinen Wortschatz erweitern. Und lesen, viel lesen!“

Diesen Blog wird er übrigens nicht lesen. Reid Anderson ist berühmt dafür, dass er keinen Computer hat – der Qualität seiner Arbeit hat es keinen Abbruch getan. Sein einziges Zugeständnis an die modernen Technologien ist sein Smartphone. „Vielleicht werde ich mir jetzt einen Computer anschaffen. Großes Interesse habe ich ehrlich gesagt nicht. YouTube, Facebook, das war mir immer egal. Ich google auch fast nie etwas.“ Alle Fans von Reid Anderson müssen jetzt sehr stark sein: Einen twitternden Ex-Ballettchef wird es auch in Zukunft nicht geben.

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Kabatek bloggt!: Sag zum Abschied leise Lulu

Mit Christian Spucks erfolgreichem Handlungsballett beginnen die Vorstellungen der Festwoche

„Sie werden trotzdem einen schönen Abend haben“, verabschiedet Sonia Santiago die aufmerksamen Zuhörer trocken, nachdem sie im Opernhaus in Lulu eingeführt hat, und alle lachen. In der Tat. Die Handlung von Lulu, dem großen ersten Handlungsballett von Christian Spuck klingt mit ihren zahlreichen Toten und zwielichtigen Gestalten eher nach einem Splatter-Movie als nach einem stimmungsvollen Ballettabend. Tatsächlich geht es jedoch um eine Frau, eben jene Lulu, die dem Ballett seinen Namen verliehen hat, eine Figur, die bis zum Schluss schwer zu beschreiben, schwer zu greifen und noch schwerer zu begreifen ist. Sie mordet die Männer, im übertragenen wie im wörtlichen Sinne, und wird am Ende selber ermordet – nein, lustig ist das nicht.

Wir schreiben den zweiten Abend der Festwoche für Reid Anderson, und der scheidende Intendant hat sich von seinem ehemaligen Hauschoreographen Christian Spuck zum Abschied eines der ersten Handlungsballette, die er in Auftrag gegeben hat, gewünscht. 2003 wurde Lulu in Stuttgart uraufgeführt und war ein riesiger Erfolg, ein Erfolg, der auch dazu beigetragen hat, dass Christian Spuck mittlerweile selber Ballettdirektor in Zürich ist, und ein sehr erfolgreicher noch dazu. Er hat Reid Anderson seinen Wunsch erfüllt, sechs Wochen mit dem Stuttgarter Ballett gearbeitet und einige Dinge wie Kostüme und Bühne überarbeitet, wie Sonia Santiago berichtet. Am 6. Juni war die Premiere der Neufassung. Die Leute lauschen bei der Einführung so ernsthaft und so konzentriert, als würde der Stoff hinterher abgefragt. Ob es das in anderen Ballett-Städten wohl auch so gibt? Dass das Publikum nicht nur in die Vorstellungen strömt, sondern sich sogar um die Plätze bei der Einführung reißt, schon vor Öffnung der Türen im Foyer ansteht, um nur ja nichts zu verpassen? So sind sie eben, die Stuttgarter Ballettfans!

Ich habe Lulu damals mit Katja Wünsche gesehen und freue mich nun auf Alicia Amatriain in der Hauptrolle. Neben mir sitzen Maggie Foyer von Dance Europe und David Mead, Ballettkritiker des Londoner Online-Magazins Seeing Dance. „I love Christian’s work!“, schwärmt Maggie. Sie fängt an, mir von der Londoner Ballettszene zu berichten und von den Ängsten, dass der Brexit die Kulturlandschaft zerstört, aber nun geht das Licht aus und das Ballett beginnt. Es ist ein Ballett, das viele Momente hat, die schwer auszuhalten sind, vor allem, wenn man selber weiblichen Geschlechts ist. Lulu wird herumgeschubst, betatscht und missbraucht, ein Opfer der Männer, manchmal vieler Männer gleichzeitig, sie erscheint hilflos und ausgeliefert, und andererseits inszeniert sie sich und ihren Körper als sei sie eine Göttin, frivol, obszön und selbstbewusst. Sie treibt diejenigen, die sie lieben, in den Wahnsinn, ohne dabei allzu sichtbare Reue zu empfinden. Man kann es kaum in Worte fassen, dieses komplexe Ballett, in dem jeder letztlich versucht, den anderen zu manipulieren. Alicia Amatriain tanzt und verkörpert diese Rolle mit solcher Intensität und Verletzlichkeit, dass es beinahe quälend ist, ihr zuzuschauen.

Alicia Amatriain als Lulu © Carlos Quezada

Bis zum Schluss bleibt Lulu rätselhaft und widersprüchlich. Ihr Ende, die Ermordung durch Jack the Ripper, ist brutal anzuschauen. Es ist wie bei Romeo und Julia, man weiß es zwar vorher, aber das macht es nicht besser. „Nicht gerade ein Happy End“, murmelt Maggie Foyer neben mir. „Romeo und Julia war gestern auch kein Happy End vergönnt“, meine ich. „Aber die haben wenigstens vorher ein paar gute Zeiten!“, kontert sie. Ja, das stimmt. So richtig gute Zeiten hat Lulu nicht gehabt. Der Vorhang schließt sich, Applaus brandet auf, dann öffnet er sich wieder, und da steht sie, ganz allein, Alicia Amatriain als Lulu, sichtlich erschöpft, und Bravorufe schallen ihr entgegen. Was für eine Rolle! Was für eine Ausnahme-Tänzerin! Dann folgt die ganze Compagnie, und weiterer tosender Applaus, auch für das Staatsorchester Stuttgart unter James Tuggle, das an diesem Abend grandios die nicht unbedingt einfache Musik von Dmitri Schostakowitsch, Alban Berg und Arnold Schönberg gespielt hat.

Nachdem man sich nun einen ganzen Abend den Kopf über Lulu, diese schwer zu verstehende Frau zerbrochen hat, wird es spannend sein zu hören, wie die, die sich am intensivsten mit ihr auseinandersetzt und diese unfassbar anspruchsvolle Rolle so bravourös meistert, Lulu charakterisiert. „Ich denke, sie ist eine Frau, die im Kopf ein Kind ist, die nicht wirklich weiß, was sie tut. Sie kann gar nicht ohne Männer an ihrer Seite sein, sie braucht Männer, aber sie macht es nicht bewusst“, meint Alicia Amatriain nach der Vorstellung in einer Garderobe hinter der Bühne. Ihre langen blonden Haare sind nicht mehr unter der Pagenkopf-Perücke versteckt, sondern frisch gewaschen. Sie wirkt erstaunlich frisch nach dieser Anstrengung. Und wie ist es, die Körperlichkeit dieser Rolle auszuhalten? Schließlich wird sie ständig angefasst, oft sehr grob, oft sehr intim. Auch, wenn es eine Bühnensituation ist, ist das nicht brutal, selbst für einen Profi? „Das ist nun mal die Rolle“, meint sie achselzuckend. Gibt es etwas, das ihr hilft, sich vor der Vorstellung mental darauf vorzubereiten? „Ich habe immer die gleiche Routine vor jeder Vorstellung, egal, ob ich Julia oder Lulu tanze“, erklärt Alicia. „Ich bin immer zwei Stunden vor Vorstellungsbeginn im Theater. Dann mache ich mein Make-Up und meine Haare und dann ein paar Übungen an der Stange, dann gehe ich auf die Bühne und probiere ein bisschen was aus, dann gehe ich wieder zurück hinter die Bühne, das sind so meine Abläufe. Und wenn es dann losgeht, bin ich voll vorbereitet. Ich habe nie Hektik vor einer Vorstellung, ich bin nicht am Rennen. Ich brauche diese Zeit.“ Alicia Amatriain arbeitet nun seit zwanzig Jahren mit Reid Anderson zusammen, eine lange Zeit. „Ich werde alles an ihm vermissen“, sagt sie. „Ich bin mit ihm aufgewachsen, er ist meine ganze Karriere. Aber man muss immer nach vorn gucken! Reid geht uns ja nicht verloren, und wir haben jetzt einen spannenden und überraschenden Anfang mit Tamas Detrich vor uns, und ich bin offen für das, was kommt. Wobei…“, überlegt sie, „es ist ja eigentlich kein Anfang, es ist ein Weitergehen. Genau – das ist kein Ende und kein Anfang, das ist ein Weitergehen.“ Und mit diesen schönen, geradezu poetischen Worten verabschieden wir Alicia, die jetzt endlich ihre Freunde in der Kantine treffen und sich erholen will nach diesem Kraftakt und dieser grandiosen Vorstellung!

Heute Nachmittag geht es schon weiter – um 13 Uhr dreht sich bei der One-Man-Show im Schauspielhaus alles um den Mann, um den sich alles dreht – Reid Anderson, und es gibt sogar noch Karten für Spontanentschlossene. Auf das Gespräch mit ihm freue ich mich besonders! Davor präsentiert Roman Novitzky, der nicht nur ein ausdrucksstarker Tänzer ist, wie er gestern Abend in Lulu wieder einmal bewiesen hat, sondern das Ballett auch fotografisch in Szene setzen kann, um 12 Uhr im Foyer des Schauspielhauses seinen Fotoband Der tanzende Blick (Eintritt frei).


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Kabatek bloggt wieder: Ganz nah dran an Romeo und Julia

Nun geht es also endlich los. Festwoche A Reid Anderson Celebration! Anders als vor zwei Jahren, als 20 Jahre Intendanz von Reid Anderson begangen wurden, wird am Ende ein Abschied stehen. Aber daran wollen wir jetzt erst einmal nicht denken, nicht an die Wehmut und nicht an die Tränen, die ganz sicher fließen werden. Erst einmal wird gefeiert – zehn Tage Ballettfieber in Stuttgart! Jeden Tag wird die Temperatur ein klein wenig ansteigen, bis zum großen Finale, bis zur großen Gala mit Ballett im Park, über die niemand vom Ballett auch nur ein Sterbenswörtchen nach außen dringen lässt. Es soll schließlich eine Überraschung sein, fürs Publikum natürlich, vor allem aber für den scheidenden Intendanten! Doch der erste Abend der Festwoche ist in jeder Hinsicht eine Überraschung. Im Metropolkino wird die Aufzeichnung von John Crankos Romeo und Julia gezeigt, und niemand, wirklich niemand vom Stuttgarter Ballett hat den Film bisher gesehen, weder Elisa Badenes in der Rolle der Julia, noch David Moore, der den Romeo tanzt, nicht einmal Reid Anderson selbst! So ist der Abend nicht nur eine echte Premiere für die Festwochengäste – der Film läuft exklusiv als Preview und dann am 22. Juli bundesweit in den Kinos – sondern auch für die Tänzerinnen und Tänzer, die ganz aufgeregt ins Foyer des Kinos strömen und sich auf dem roten Teppich ablichten lassen. Man umarmt und herzt sich, es geht zu wie im Taubenschlag. Die Tänzerinnen haben sich alle sehr schick gemacht, wann sieht man sie schon mal in luftigen Sommerkleidchen und mit High Heels, die Tänzer sind eher sportlich-leger. Reid Anderson kommt mit einem Eis in der Hand herbei geschlendert, offensichtlich bester Laune und sehr entspannt, auch die Grande Dame der Choreologie Georgette Tsinguirides lässt sich den Abend nicht entgehen, und natürlich ist auch der Nachfolger Tamas Detrich da. Es dauert eine ganze Weile, bis alle im Kinosaal auf ihren Plätzen sitzen, was auch daran liegt, dass sich nahezu alle Tänzerinnen und Tänzer mit Cola und Popcorn eindecken. Nicht etwa mit kleinen Bechern, nein, mit ziemlich großen. Um mich herum schwirren nicht nur die Sprachen dieser internationalen Compagnie, Englisch, Italienisch, Spanisch, Brasilianisch, es knuspert auch ziemlich laut. Wie das eben normal ist im Kino, bloß, bei Tänzern denkt man eben immer, dass die nur an Salatblättern nagen, damit sie schön schlank und leicht bleiben. „Stimmt nicht“, sagt Sinéad Brodd vom Corps de ballet, die neben mir sitzt, lacht, und greift wie zur Bekräftigung in ihren Popcornbecher. „Die Leute denken immer, wir würden nichts essen. Dabei lieben wir Essen! Wir verbrauchen ja auch wahnsinnig viel Energie.“

Bevor der Film nun tatsächlich losgeht, stehen noch die Filmemacher auf der Bühne. Reid Anderson bedankt sich bei der Produktionsfirma Unitel und bei Prof. Dr. Joachim Lang vom SWR. Jahrelang hegte der Intendant den Wunsch, Romeo und Julia, Onegin und Der Widerspenstigen Zähmung aufzeichnen zu lassen, und dann kam Lang genau mit diesem Vorschlag auf ihn zu. „Kunstwerke zu erhalten und zu konservieren und sie so der Vergänglichkeit zu entreißen“, das sei sein Ziel gewesen, erklärt Lang. Was für ein glückliches Zusammentreffen! Magie nennt Reid Anderson es. Er erzählt aber auch noch ein paar Anekdoten. Aus insgesamt drei Vorstellungen wurde die Aufzeichnung zusammengeschnitten. In der ersten tanzte Jason Reilly den Tybalt, aber dann wurde Jason Papa und fiel aus, und nun ist Robert Robinson ein wunderbar finsterer Tybalt.

Und dann endlich: der Film! Als zu Beginn die einzelnen Rollen vorgestellt werden, johlt das ganze Ballett, Marcia Haydée als Amme bekommt Applaus. Aber dann wird es ganz still. Kein Wunder. Wie man hineingesogen wird in diese Geschichte! Die man natürlich kennt, und deren Ausgang auch, und doch. Wie unglaublich intensiv ist es, alles so nah zu sehen. Ich weiß bei den Gruppenszenen nie, wo ich hinschauen soll, weil so viel gleichzeitig passiert. Die Kamera aber selektiert, sie lenkt den Blick, und das macht es in gewisser Weise einfacher, und gleichzeitig wird die große Kunst Crankos noch deutlicher, als wenn man im Opernhaus sitzt, wenn man nämlich kapiert, aus wie viel unzähligen, oft sehr liebevollen Details diese Szenen bestehen. Das Stuttgarter Ballett tanzt diese Gruppenszenen mit einer Energie, die einen schier vom Kinosessel reißt. Einen Riesenspaß macht natürlich auch das Wiedersehen mit Marcia Haydée als Amme, Reid Anderson als Graf Capulet und Egon Madsen als Pater Lorenzo. Gleichzeitig macht die Aufzeichnung vieles auch sehr viel dramatischer. All die Szenen, die Romeo und Julia gehören! Wie sie sich verlieben, so unschuldig anfangs, und dann so unendlich traurig nach der Hochzeitsnacht. Alle Leichtigkeit ist dahin, und wie sie das spielen und tanzen, Elisa Badenes und David Moore, das ist ergreifend, hinreißend und in den Nahaufnahmen kaum zum Aushalten. Ja, man weiß vorher, wie es ausgeht – es so nah zu sehen, das geht unter die Haut. Und so fließen schon an diesem ersten Abend Tränen, und soviel darf verraten werden: Auch Männer weinen im Kinosaal, als Romeo und Julia am Ende sterben.

Nach dem Film dauert es eine Weile, bis Elisa Badenes und David Moore in der Lage sind, Fragen zu beantworten, sie werden natürlich von allen Seiten umarmt und beglückwünscht. Reid Anderson gratuliert David Moore zu seiner tänzerischen Leistung. Elisa Badenes ist irgendwo im Tumult steckengeblieben und kann sich endlich loseisen. Romeo und Julia strahlen beide. Wie war’s denn nun, sich im Film zu sehen? „Man fühlt sich ein bisschen wie ein Filmstar“, lacht Elisa. „All die vielen Details zu sehen ist schon ziemlich unglaublich. Und dann auf so einer riesigen Leinwand!“ – „Ja, am Anfang war’s klasse“, bestätigt David. „Aber wenn man dann sieht, dass der Kamera wirklich kein Detail entgeht, wird einem auch ein bisschen mulmig. Du siehst ja immer etwas, wo du denkst, das hättest du eigentlich besser machen können, die Szene hätte ich eigentlich gern nochmal wiederholt.“ – „Wir sind immer ziemlich kritisch mit uns selber“, nickt Elisa. „Aber ich denke, im Film geht es sehr viel mehr um die Dramatik und die Emotionen, weniger um die Technik.“ Waren die Vorstellungen, die gefilmt wurden, denn anders als „normale“ Vorstellungen? Auf jeden Fall, da sind sich beide einig. „Zu wissen, dass dein Gesicht in Großaufnahme gefilmt wird!“, meint Elisa. Auch David bestätigt, dass die Filmaufnahmen eine Ausnahmesituation dargestellt haben. „Du tanzt da eine Rolle, die so groß ist, und die schon von Tausenden von Tänzern vor dir getanzt worden ist, und plötzlich ruht da die Kamera auf dir, das war schon ein großer Druck. Aber wir hatten ja die Unterstützung der ganzen Compagnie!“ Und warum sollten sich die Ballettfans den Film unbedingt anschauen? „Weil es eine andere Erfahrung ist“, meint David. „Diese Details sieht man so bei einer normalen Vorstellung nicht“, bestätigt auch Elisa.

Reid Anderson und David Moore

Beide arbeiten schon seit Jahren mit Reid Anderson. Was wird ihnen fehlen? Sie sind sich einig: „Dass er immer an uns geglaubt hat, selbst, wenn wir nicht an uns geglaubt haben – dieses Vertrauen ist etwas ganz Besonderes und es überträgt sich auf dich!“ Und worauf freuen sie sich jetzt selber am meisten, in den kommenden zehn Tagen? „Dass wir so viele Stücke aus der Vergangenheit tanzen“, meint Elisa. „Das wird ein wenig nostalgisch und sentimental werden. Aber schön.“ „Und dann natürlich die Gala“, ergänzt David. „Aber da dürfen wir nichts verraten…“

Verraten werden soll noch so viel: Die beiden durften dann endlich mit Sekt und Fingerfood feiern, zusammen mit der Compagnie. Und kein Geheimnis ist außerdem, dass heute Abend Lulu auf dem Programm steht, mit Alicia Amatriain in der Hauptrolle. Und zu guter Letzt sei noch verraten, dass Onegin im Herbst ins Kino kommt.


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CHINA // OKTOBER 2016 (Tag 10)

Gestern hatten alle einen langen Arbeitstag im National Center for the Performing Arts, mit der ersten Bühnenprobe am Abend …


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CHINA // OKTOBER 2016 (Tag 4)

Gestern war unsere erste Bühnenprobe mit dem Orchester – dem Shanghai Philharmonic Orchestra. Zuvor gab es noch einen kleinen Pressetermin im Ballettsaal mit Reid Anderson und unseren Ersten Solisten Constantine Allen und Alicia Amatriain, die heute Abend in unserer ersten Vorstellung in Shanghai die Titelrollen in Romeo und Julia tanzen werden. Also wünscht uns toi toi toi für heute Abend! Wir melden uns bad wieder zurück – bis dahin dürft ihr einen Blick in die Bildergalerie vom gestrigen Tag werfen …