Stuttgarter Ballett Blog


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Kabatek bloggt!: Danke, Reid!

Höhepunkt und Abschied: Der krönende Abschluss der Festwoche A Reid Anderson Celebration

Es ist nicht zu fassen. Kurz vor halb vier öffnen sich die Schleusen des Himmels. Platzregen! Der hält auch eine ganze Weile an. Und trotzdem gibt es viele, viele Tapfere, die sich davon nicht schrecken lassen und mit Schirm und Regencapes Ballett im Park genießen. Belohnt werden sie mit einem mehr als fünfstündigen, umwerfenden Programm!

Vor der Gala treffe ich mich mit der wunderbaren Sue Jin Kang. Vom Stuttgarter Publikum vergöttert, tanzte sie vor zwei Jahren bei der Festwoche zur 20-jährigen Intendanz von Reid Anderson ihre Abschiedsvorstellung – Onegin mit Jason Reilly. Wie ist es, zurück in Stuttgart zu sein?
„Immer schön“, lacht sie, diese wunderschöne Frau, die überhaupt nicht zu altern scheint. „Ich war so viele Jahre hier, Stuttgart ist immer noch meine zweite Heimat.“
Die zweite Frage, nämlich, ob die Leute sie immer noch erkennen, kann ich mir eigentlich sparen. Unser Gespräch wird nämlich ständig von Freudenschreien unterbrochen, und dann stürzen sich Ballettbesucher auf Sue Jin und küssen und umarmen sie. Keine Frage, das Publikum kennt und liebt sie noch immer!
„Tanzen Sie noch?“ Sie schüttelt den Kopf. „Die letzte Vorstellung hier, das war meine Abschiedsvorstellung. Das bleibt mir für immer. Wenn ich noch auf der Bühne stehen wollte, dann müsste ich viel trainieren, dann könnte ich meine Arbeit nicht machen. Ich trainiere für mich, dass schon, aber nur so viel, wie mein Körper braucht, und damit ich gegebenenfalls meiner Compagnie etwas vortanzen kann. Als ich früher beim Ballett war, habe ich immer sehr viele Übungen gemacht, und ich habe das als Gewohnheit beibehalten.“
Vermisst sie das Tanzen nicht? „Ich bin nicht traurig, dass ich nicht mehr tanze. Ich habe immer Schmerzen gehabt, als ich getanzt habe, aber das war nicht schlimm – ich wollte immer etwas weitergeben an die nächste Generation. Aber es ist schön, dass ich jetzt keine Schmerzen mehr habe!“ Nicht umsonst nannte Anderson Sue Jin seinen „Eisernen Schmetterling!“
„Wie geht es Ihnen in Korea, als Direktorin des Koreanischen Nationalballetts?“
„Es geht mir gut! Ich habe 90 Tänzerinnen und Tänzer und 120 Leute für das Drumherum. Ich bin jetzt gut ausgestattet, besser als am Anfang. Ballett wird in Korea immer mehr wertgeschätzt! Nicht ganz so wie Fußball, aber doch!“
„Ich habe mir mal das Repertoire angeschaut. Sie haben auch Christian Spuck im Programm. Wie kam das in Korea an?“
„Sehr gut! Bevor ich kam, wurden in Korea vor allem klassische Stücke wie Schwanensee getanzt. Die Tänzerinnen und Tänzer waren auch sehr klassisch, und sie mussten sich erst umstellen, dass sie nun ganz unterschiedliche Stücke machen – anfangs fiel ihnen das schwer. Jetzt sind sie viel flexibler. Christian Spucks Anna Karenina hat das Publikum sofort geliebt. Auch Der Widerspenstigen Zähmung kam sehr gut an, und den Tänzerinnen und Tänzern hat das sehr viel Spaß gemacht. Handlungsballette sind ein Geschenk für das Publikum!“
„Hat Reid Anderson Sie schon in Korea besucht?“
„Bisher hat er keine Zeit gehabt. Ich hoffe, er schafft es irgendwann!“
„Was geht Ihnen heute, bei seinem Abschied durch den Kopf?“
„Wir haben immer viel miteinander geredet, er war immer hilfsbereit. Ich kann nur ein Wort sagen: Danke! Das hat ganz viele Bedeutungen, nicht nur eine, und er weiß, was ich meine. Ich hoffe, er genießt das Leben jetzt, in dieser anderen Etappe. Ich wünsche ihm ein gesundes, ein happy life!“ Wir sind kaum aufgestanden, da strahlt ein älterer Herr Sue Jin an. „Sie waren die Allerbeste!“, ruft er aus.

Danke, Reid!, das wird das Motto des Abends. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Balletts tragen dieses Danke auf schwarzen T-Shirts. Tamas Detrich hat noch einen draufgesetzt, sein Danke-T-Shirt glitzert. Nach dem fulminanten Gala-Auftakt – die John Cranko Schule zeigt noch einmal einen Ausschnitt aus den Etüden, bevor die komplette Compagnie zum festlichen Defilee ganz in weiß auf die Bühne kommt – begrüßt der designierte Ballettdirektor die Galagäste. Er kündigt eine Retrospektive XXL an und bittet dann seinen Chef – „Ich sage ganz stolz: Er ist noch mein Boss!“ – auf die Bühne. „I’m going!“, ruft Reid aus der Königsloge, wo er heute zur Feier des Abends sitzt. Nicht in der üblichen Hausloge! Von dort winkt huldvoll Marcia Haydée herunter. Auf der Bühne stehen ein Rednerpult und zwei verschnörkelte Sessel. Reid nimmt Platz und Winfried Kretschmann dankt ihm als Ministerpräsident von Baden-Württemberg in einer sehr persönlichen Rede für die „Ära Anderson.“ Er bedankt sich für 2,5 Millionen Zuschauer, 94 Prozent Auslastung und dafür, dass 62 Prozent der Tänzerinnen und Tänzer „selbstgebacken“ aus der John Cranko Schule kamen. Er bescheinigt Reid Anderson, dass er Stuttgart durch die Internationalität offener und toleranter gemacht hat. „Und dass sich das Ballettwunder im protestantischen Schwaben ereignet hat, macht es noch größer!“ Zum Abschluss gelingt es Winfried Kretschmann nun sogar, den ansonsten wirklich nicht auf den Mund gefallenen Noch-Intendanten sprachlos zu machen – und gerührt. Er überreicht ihm nämlich die Große Staufermedaille in Gold – „Die seltenste Auszeichnung des Landes Baden-Württemberg!“

Als Nächstes – das Ballett wird zur einen Hälfte vom Land, zur anderen von der Stadt Stuttgart finanziert – bedankt sich Oberbürgermeister Fritz Kuhn für alles, was Reid Anderson für die Stadt getan hat. Er hofft, dass ihm noch ein langes Leben beschieden ist – „Aber wenn Sie dann in den Himmel kommen, dann werden Sie sicher als Erstes mit den Engeln eine Tanzcompagnie gründen!“

Dann hält Marcia Haydée eine Laudatio, in der sie sich nicht nur dafür bedankt, dass Reid Anderson sie nach dem offiziellen Ende ihrer Karriere von der Schwäbischen Alb zurück ans Ballett gelockt hat, und ihr mit Altersrollen wie der Amme in Onegin oder Romeo und Julia eine zweite Karriere beschert hat, sondern sie erzählt auch sehr lustige Anekdoten aus der Zeit, als sie mit Reid zusammen getanzt hat. Vor allem aber dankt sie ihm dafür, dass sie bis heute Teil des Stuttgarter Ballettwunders ist!

Alicia Amatriain und Friedemann Vogel nach Onegin, © Elisabeth Kabatek

Nun aber, endlich, nach all den Reden, wird getanzt! Und WIE getanzt wird. Um siebzehn Uhr hat die Gala begonnen; als die Gäste das Opernhaus verlassen, ist es kurz vor dreiundzwanzig Uhr! Wenn man alle Stücke dieses Abends zusammenzählt, kommt man auf zweiundzwanzig. Zweiundzwanzig Stücke für zweiundzwanzig Jahre Intendanz, chronologisch mit Romeo und Julia (1996/97) beginnend und (nicht chronologisch) mit Onegin endend, bevor das rauschende Finale beginnt. Es sind zu viele Stücke, um sie einzeln zu beschreiben. Es sind überwiegend Pas de deux, zu jeder Choreographie wird ein riesiges Foto mit Namen und Bild der ursprünglichen Besetzung projiziert. Dies ist der Abend, an dem vor allem die Solistinnen und Solisten Reid Anderson ihre Referenz erweisen. Eine Leistungsschau sondergleichen, und das nach einer kräftezehrenden Festwoche! Aber niemand wirkt an diesem Abend müde. Nicht Hyo-Jung Kang und Jason Reilly, die die Balkonszene aus Romeo und Julia auch ohne Balkon herzzerreißend tanzen. Nicht Alicia Amatriain, Roman Novitzky und Martí Fernández Paixà, die in der Suite von Uwe Scholz einen wunderschönen Pas de trois tanzen, in dem Alicia wie das Bindeglied zwischen den beiden Männern wirkt, eine Choreographie, die mit einem wunderschönen Moment der Verbundenheit endet. Und schon gar nicht Elisa Badenes und Gasttänzer Daniel Camargo, die das Publikum gleich zweimal zu Begeisterungsstürmen und lauten Bravo-Rufen hinreißen, einmal in Maximiliano Guerras Don Quijote und einmal in Crankos Der Widerspenstigen Zähmung. Wie Daniel springt und wie Elisa Pirouetten dreht – das ist einfach sensationell! Dies ist ein Abend der Höchstleistungen, und man spürt, wie hier alle noch einmal ihre Kräfte mobilisieren, um sich bei ihrem geliebten Intendanten zu bedanken und zu verabschieden. Der Gänsehaut-Moment des Abends ist der Pas de deux aus John Neumeiers Othello, getanzt von Gast-Tänzerin Anna Laudere und Jason Reilly. Kann man die Liebesbeziehung zweier Menschen zärtlicher und anrührender darstellen – und tanzen? Wohl kaum! Jedenfalls hält das ganze Publikum hörbar den Atem an.

Elisa Badenes und Jason Reilly, © Elisabeth Kabatek

In der zweiten Pause bin ich kurz hinter der Bühne, für ein kurzes Interview mit Sonia Santiago, die Ballett im Park moderiert. „Noch immer nicht im Tutu?“, fragt mich Friedemann Vogel grinsend. Äh – nein, und das ist auch besser so! Haben Sie sich schon einmal gefragt, was Ballettstars in der Pause machen? Hängen sie erschöpft in der Ecke und saugen an ihrer Wasserflasche? Nein, sie sind alle irgendwo auf der Bühne und dehnen, und sie sehen kein bisschen müde aus! Nach der zweiten Pause geht es Schlag auf Schlag: Friedemann Vogel tanzt ein Solo aus Marco Goeckes Orlando, das Publikum tobt, und so geht es nun weiter bis zum Schluss, denn nach jedem Stück gibt es Grund zu toben. Natürlich darf Die Kameliendame nicht fehlen, Roman Novitzky tanzt die Rolle des Vaters, die John Neumeier 1978 für Reid Anderson kreierte. Übrigens wird die Kameliendame in der nächsten Spielzeit wieder aufgenommen! Kurz vor Schluss gibt es noch das saukomische Spuck-Stück Le Grand Pas de deux. Man merkt Elisa Badenes und Jason Reilly an, was sie für einen Riesen-Spaß haben. Elisa tanzt mit Brille und Handtäschchen und macht mit ihrem Tanzpartner, der sie auch mal reichlich unsanft über die Bühne schleift, so einiges mit. Humor im Ballett, das ist sauschwer, hat Rolando D’Alesio vor ein paar Tagen zu mir gesagt. Die Mischung aus Komik und tänzerischer Höchstleistung machen das Stück zu einem der umjubelsten des Abends. Das letzte Stück vor dem Finale ist der Schluss von Onegin, getanzt von Alicia und Friedemann. Wie die beiden es schaffen, von Null auf Hundert in diese hochdramatische Szene einzutauchen und das Publikum zu Tränen zu rühren – unfassbar!

Unfassbar ist auch das Programm, das Tamas Detrich zusammengestellt hat, um seinem Chef zu danken und ihn zu verabschieden. Wie im Flug ist der Abend mit diesen Weltklasse-Tänzerinnen und – Tänzern vergangen. Beim rauschenden Finale, mit dem Tamas Detrich den Bogen schlägt zur Gala vor zwei Jahren, erweist die ganze Compagnie ihrem scheidenden Intendanten singend und tanzend die Referenz, bevor die Solistinnen und Solisten im Hintergrund aufmarschieren. „Danke, Reid!“, wird in riesigen Buchstaben auf die Decke des Opernhauses projiziert, und nun, endlich, darf sich auch das Publikum bedanken, mit den Plakaten, die es Reid entgegenstreckt, und auf denen – wie könnte es anders sein – Danke, Reid!, steht. Der kommt endlich auf die Bühne, und nun wird umarmt und geküsst und gelacht und sicherlich auch geweint, bevor viele Gäste und Wegbegleiter Reid mit einer Rose und einer Umarmung verabschieden – Sue Jin, Bridget Breiner, Christian Spuck. Eric Gauthier wirft sich vor Reid auf den Boden, und der wiederum schnappt sich Georgette Tsinguirides und hebt sie hoch und drückt sie. All dies unter dem tosenden Applaus des Publikums, das längst aufgesprungen ist, auch den Ministerpräsidenten und den Oberbürgermeister hält es nicht mehr auf ihren Sitzen, und noch immer streckt das Publikum Reid seine Dankes-Herzen entgegen – und der bedankt sich schließlich mit einer sehr, sehr komischen, selbstironischen Stepp-Improvisation zwischen Luftballons beim Publikum, bis zum Schluss der perfekte Entertainer.

Schlussapplaus, © Elisabeth Kabatek

Und nun ist alles gut. Es ist gut, dass es ein Ende gefunden hat, denn irgendwann muss auch die schönste Festwoche zu Ende gehen, auf Dauer hält das ja kein Mensch durch, der scheidende und der neue Intendant nicht, die Tänzerinnen und Tänzer nicht, die Leute hinter den Kulissen nicht, das Publikum nicht, und auch nicht die Bloggerin. All die Emotionen der vergangenen Tage, sie müssen erst einmal verarbeitet und verdaut werden, all diese traumhaft schönen Momente im Ballett. Es wird gut sein, wieder zu normalen Zeiten ins Bett gehen zu dürfen. Auch wenn ich schon befürchte: Morgen wird etwas fehlen, es wird ein wenig leer sein und ein wenig melancholisch. Aber die gute Nachricht ist: Es ist ein Abschied. Kein Ende! Ein Neuanfang im Herbst mit Tamas Detrich. Oder, um Alicia Amatriain noch einmal zu zitieren: Ein Weitergehen. Danke, Reid. Alles Gute! Und alles Gute, Tamas Detrich – wir freuen uns drauf!

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Kabatek bloggt!: Happy-End hinter dem Vorhang

Mit Onegin auf die Zielgerade

Wir sind auf der Zielgeraden. Der Countdown läuft! Noch drei Abende. Drei, zwei, eins: Drei, Onegin, zwei, Gala der John Cranko Schule und Ballett im Park, eins, Gala des Stuttgarter Balletts, viele Tränen und Ballett im Park. Dass auf Platz drei des Finales ein Cranko-Handlungsballett stehen musste: Keine Frage. Aber warum ausgerechnet Onegin? Ganz einfach: Es ist eines der Lieblingsballette, wenn nicht gar das absolute Lieblingsballett des scheidenden Intendanten. Er hat es zudem nicht nur selbst getanzt, sondern während der letzten 25 Jahre weltweit einstudiert. Im Programmheft zur Festwoche – übrigens ein absolutes Muss für jeden Ballettfan! – steht ein ganz wunderbares Zitat. Als Reid Anderson 1969 als Ballettabsolvent aus London nach Stuttgart kam, sah er das erste Mal Onegin auf der Bühne: „Das war das Schönste, was ich je gesehen hatte. Ich habe geweint, weil ich in so einer Compagnie gelandet war, wo die Leute so tanzen können.“ Reid Anderson selbst tanzte zunächst den Fürsten Gremin, obwohl der eigentlich altersmäßig nicht so recht zu ihm passte, und dann die Titelrolle. Das Programmheft zeigt einen wunderbar blasierten Onegin mit sehr starken Koteletten und dicken Augenbrauen, und dahinter eine vollkommen entsetzt-verzweifelte Marcia Haydée als Tatjana – was für ein Bild! Was für ein Schnösel! Einfach großartig.

Nicht zuletzt spielt Onegin auch in der Geschichte des Stuttgart Balletts eine entscheidende, wenn nicht sogar die entscheidende Rolle: Beim Gastspiel in New York 1969 brachte das Stück den entscheidenden Durchbruch für das Stuttgarter Ballett. Ein Wunder geschah, das Ballettwunder, und es hält bis heute an! Am 22. Juli, bei der Festwoche „20 Jahre Intendanz Reid Anderson“ gab Sue Jin Kang ihren Abschied mit Onegin. Was war das für ein Abend, als das ganze Opernhaus Herzen in die Luft hielt: Danke, Sue Jin! Ich habe das kleine Plakat noch heute. Ihr Partner damals: Jason Reilly. Und damit sind wir in der Gegenwart angekommen – denn wer tanzt heute Abend Andersons Abschieds-Onegin? Natürlich Jason Reilly, nach seiner kurzen Verletzungspause in Topform. Seine Partnerin heute: Hyo-Jung Kang, die vor zwei Jahren die Olga tanzte!

Es geht los. Hach, wie wunderbar gibt Jason Reilly den arroganten Onegin! Wie er über die Bühne schreitet, mit diesem verächtlichen Mir-kann-keiner-was-Blick! Man möchte ihm ihn den Hintern treten, als er den Liebesbrief Tatjanas vor ihren Augen zerreißt und ihr die Papierschnipsel verächtlich in die Hand drückt. Was für eine große Kunst beherrschte Cranko, eine Geschichte zu erzählen, ohne dass man eine Inhaltsangabe braucht! Auf der ganzen Welt wird jede/r, der/die schon einmal unglücklich verliebt war – und ich wage zu behaupten, dass ein Großteil der Weltbevölkerung diese Erfahrung schon einmal gemacht hat – ohne Worte begreifen, wie verletzend sich dieser Onegin von Anfang an benimmt. Tatjana schmachtet ihn an, aber Onegin nimmt sie zerstreut nur am Rande wahr und widmet sich stattdessen ganz seinem eigenen Weltschmerz und seiner Melancholie. Man könnte auch sagen, der Typ ist auf einem gnadenlosen Ego-Trip. Mit ihren großen Augen und ihren zarten Gesichtszügen passt Hyo-Jung Kang ganz wunderbar in die Rolle der sensiblen Tatjana, die ihr Herz ausgerechnet leider an den völlig Falschen verliert. Das Kontrastprogramm bieten die extrovertierte Olga, federleicht getanzt von Elisa Badenes, und ihr Verlobter Lenski, getanzt von David Moore. Die beiden haben in den vergangenen Tagen nahezu jeden Abend auf der Bühne gestanden, immer zauberhaft, immer perfekt, ein wunderschönes Paar – was für ein Mammutprogramm!

Höhepunkt des I. Aktes: Der Pas de deux von Tatjana und Onegin in Tatjanas Schlafzimmer. Wie tragisch, dass die einzige wirkliche Liebesszene zwischen Tatjana und Onegin nur eine geträumte ist! Jason und Hyo-Jung tanzen das so großartig, dass die Augen förmlich an ihnen festkleben, damit man nur ja keine Sekunde verpasst. Ehrlich gesagt habe ich mich immer gefragt, wie die Spiegelszene eigentlich funktioniert. Sie wissen schon, Tatjana erblickt erst ihr eigenes Spiegelbild, dann erscheint ihr Onegin im Spiegel, schreitet durch das Glas und tanzt mit ihr. Heute Abend habe ich dann aus sicherer Quelle erfahren, dass es keinen Spiegel gibt. Auf der anderen Seite des nicht vorhandenen Glases tanzt eine zweite Tänzerin. Wahrscheinlich war das allen Zuschauern außer mir längst klar (aber ich kapiere auch nie, wie Zaubertricks funktionieren).

Reid Anderson am Signierstand, © Elisabeth Kabatek

In der ersten Pause signiert der Intendant persönlich. Die Schlange ist lang. „I’m a people person“, hat er am Mittwoch vor der Vorstellung von Party Pieces gesagt, ich kann gut mit Leuten, und genau so ist es. Hier ist keiner, der sich abschottet, hier ist einer, der gern mit den Zuschauern quatscht, der alle gleichbehandelt, geduldig signiert. Zwei Besucherinnen, die Reid Anderson noch als Tänzer gesehen haben, diskutieren darüber, in welcher Rolle er ihnen damals am besten gefallen hat. Sie einigen sich auf den Vater in Die Kameliendame und William Forsythes Orpheus. Die Dame mit den Dackeln, die aus Berlin, ist übrigens auch wieder da. Ich habe sie vor zwei Jahren bei der Festwoche kennengelernt. Damals hatte sie drei Dackel, jetzt vier. Die bleiben brav und ganz leise im Hotel, erzählt sie mir, während sie die ganze Festwoche abends ins Ballett geht; Liebe zu Dackeln und Liebe zum Ballett, das muss sich nicht gegenseitig ausschließen. Sehr hübsch ist auch der Kommentar einer Besucherin auf der Terrasse in der zweiten Pause. „Jetzt isch der au he“, kommentiert sie Lenskis tragischen Duell-Tod. Für alle, die des Schwäbischen nicht mächtig sind: „Jetzt ist der auch tot.“ Ja, der schwäbische Dialekt verfügt über erstaunliche Fähigkeiten, wenn es darum geht, den Tatsachen ins Auge zu sehen und grausame Fakten in nüchterne Worte zu fassen. Übrigens ist der Prozentsatz an eleganten Kleidern an diesem Abend im Vergleich zu den letzten Tagen deutlich nach oben gegangen. Da sich am Sonntag Ballett-, Politik- und Kulturprominenz die Ehre geben wird, darf man gespannt sein, was dann klamottentechnisch alles geboten wird. Solider Schick, vermutlich. Wir sind ja nicht so extrovertiert wie die Münchner. Ich werde berichten.

Aber nun naht das Ende. Kann es einen tragischeren Schluss geben für ein Stück als den von Onegin? Nun liegt er ihr zu Füßen, verzweifelt um ihre Liebe bettelnd, nun könnten die beiden zusammenfinden, endlich! Sie lieben sich doch! Aber Tatjana weist Onegin zurück, freilich erst nach einem grausamen Kampf mit sich selbst und mit Onegin. Wie Hyo-Jung Kang und Jason Reilly diesen Kampf miteinander ausfechten, wie sie miteinander ringen und leiden und zwischendurch winzige Momente des Glücks erleben, bis zum bitteren Ende, bis sie ihm die Tür weist, das ist ganz, ganz großes Kino. Der Applaus erklärt sich von selbst.

Hinter der Bühne herrscht Tohuwabohu. Auf der Hauptbühne wird in Windeseile ab- und umgebaut, auf der Seitenbühne steht das komplette Ballett versammelt und verabschiedet die, die das Stuttgarter Ballett mit dem Ende der Spielzeit verlassen: Elena Bushuyeva, Katarzyna Kozielska und Daniela Lanzetti, alle drei Halbsolistinnen; Kirill Kornilov und Ludovico Pace vom Corps de ballet sowie der Ballettmeister Thierry Michel. Alle sind sichtlich bewegt, es werden Reden gehalten, und es fließen Tränen. Nicht der beste Moment für ein Interview, zumal Hyo-Jung Kang und Jason Reilly von allen Seiten beglückwünscht werden. Wie fühlen sie sich?

„Ich bin fix und fertig“, meint Jason Reilly, und dabei lacht er so, dass man ihm das kaum glauben kann. Am vergangenen Sonntag hat Reid Anderson Jason Reilly und Eric Gauthier als seine „beiden Lausbuben“ bezeichnet, und man kann sich vorstellen, warum. „Ich habe immer noch einen Kloß im Hals“, sagt Hyo-Jung. „Da ist noch ein totales Gefühlsdurcheinander.“
„Wie fühlt sich das an, wenn der Vorhang aufgeht, und die Leute da draußen toben?“
Die beiden schauen mich an, ehrlich überrascht.
„Wir kriegen das am Anfang gar nicht mit“, meint Jason. „Wir sind da noch komplett mit uns selber beschäftigt.“
Hyo-Jung nickt. „Wir gehen ja zwei Stunden komplett in die Rolle rein. Und wenn sich dann der Vorhang schließt und Jason kommt wieder auf die Bühne und wir umarmen uns, das ist ein ganz besonderer Augenblick, nach dieser emotionalen Achterbahn.“
„Der beste des Abends!“, lacht Jason. „Es ist vorbei! Nein, natürlich ist es nicht der beste Moment des Abends. Aber es ist ein sehr, sehr schöner Moment. Wir haben in letzter Zeit einige Sachen miteinander getanzt, wir kennen uns jetzt gut. Wir tanzen diese Geschichte, als wäre sie unsere, und dass wir dann ganz am Ende auf der Bühne zusammenfinden, nachdem sie mich rausgeschmissen hat, das ist wie…“
„Wie ein Happy-End?“
„Ja, genau.“
Wie schön! Noch einmal für alle zum Mitschreiben: Onegin endet nicht tragisch. Er und Tatjana finden doch noch zusammen! Leider erst, nachdem der Vorhang gefallen ist.
„Waren Sie sehr nervös, heute, an so einem besonderen Abend?“
„Ach was“, antwortet Jason grinsend. „Diese Woche tanzen wir so wahnsinnig viel, das ist eher so, ach, was ist heute nochmal dran? Und dann raus auf die Bühne und los. Nein, im Ernst, die Nervosität hilft eigentlich, sie macht einen wacher.“
„Kurz bevor der Vorhang aufgeht, das ist ziemlich schrecklich“, meint Hyo-Jung. „Danach geht’s.“
Und was werden die beiden an Reid Anderson vermissen?
„Just him“, sagt Jason, plötzlich ganz ernst. „Ihn, eben. Ich kenne ihn, seit ich neun Jahre alt bin, ich tanze seit 21 Jahren hier in Stuttgart. Ich habe die Befürchtung, dass ich ab und zu an seine Bürotür klopfe, um mit ihm zu plaudern, und er ist nicht mehr da, und ich habe es vergessen.“ Und Hyo-Jung ergänzt: „Er war immer wie ein Stützpfeiler. Ein sehr solider Stützpfeiler.“

Nun wollen die beiden nach dieser Höchstleistung aber endlich ihre scheidenden Kolleginnen und Kollegen verabschieden. „It’s party time!“, hat Reid Anderson schon vor zehn Minuten ausgerufen. Und heute Abend ist das kleine Finale mit der Gala der John Cranko Schule und Ballett im Park!


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Kabatek bloggt!: „Stuttgart war und ist mein Leben“

Reid Andersons One-Man-Show wird zu einem sehr persönlichen Best-of aus 22 Jahren Intendanz

Roman Novitzky und Nikolai B. Forstbauer, © Elisabeth Kabatek

Es ist Sonntagnachmittag, dreizehn Uhr, es ist heiß, man könnte ins Freibad oder in einen Biergarten gehen, aber das Schauspielhaus ist voll. Roman Novitzky hat gerade im Foyer vor sehr viel Publikum seinen Fotoband Der tanzende Blick präsentiert. Das Multitalent ist nicht nur ein fabelhafter Tänzer – erst gestern Abend war er in Lulu zu sehen, in der Verfilmung von Romeo und Julia tanzte er Graf Paris – sondern auch ein hervorragender Fotograf. Hauptsächlich geht es heute aber um den, der geht: Reid Anderson, der scheidende Ballettchef. Er wird später sagen, dass er seinen Tänzerinnen und Tänzern einen freien Tag gönnen musste, bevor der Kraftakt der sieben kommenden Vorstellungen beginnt. Als ob diese Veranstaltung ein Lückenfüller wäre! Als ob nicht alle wüssten, dass eine One-Man-Show von und mit Reid Anderson eine fabelhafte Mischung aus kurzweilig, informativ und amüsant werden würde! Und ja, es wird viel gelacht in diesen zwei Stunden. Der Noch-Ballettdirektor betont am Anfang, dass sein Rückblick auf die 22 Jahre seiner Intendanz ein subjektiver und persönlicher ist, dass er nicht versucht hat, es jedem Recht zu machen: Er will seine persönlichen Highlights präsentieren.

Die nächsten zwei Stunden füllt Reid Anderson mit Filmclips – sehr kurzen, wie er betont – Anekdoten und Geschichten. Selbstverständlich haben die meisten hier das, was in den Filmausschnitten gezeigt wird, auf der Bühne gesehen. Reid Anderson beginnt mit der Anekdote, wie er innerhalb eines Tages zum Stuttgarter Intendanten gekürt wurde, nachdem er ein Gremium von 22 strengen Politikern überstanden hatte. Dann begann er seine Intendanz mit Romeo und Julia und feierte erste Erfolge mit Margaret Illmann, Robert Tewsley, Yseult Lendvai und Vladimir Malakhov. Es gibt ein Wiedersehen mit einem sehr jungen Eric Gauthier, einem ebenfalls sehr jungen Jason Reilly, dem tanzenden designierten Intendanten Tamas Detrich, mit Sue Jin Kang – die im Publikum sitzt! – mit Filip Barankiewicz, Bridget Breiner, Katja Wünsche und William Moore. Dann geht es um die Choreographen, um Christian Spuck, Marco Goecke, Edward Clug. Viele, viele weitere Namen fallen in diesen zwei Stunden, viele sehr kurz Filmausschnitte werden gezeigt, bis einem fast der Kopf schwirrt, und zu jedem Namen weiß Reid Anderson eine Anekdote zu erzählen, bis wir dann (fast) in der Gegenwart angekommen sind, bei Krabat von Demis Volpi, einem der größten Publikumsrenner des Balletts, permanent ausverkauft. Seinen Rückblick, ganz Teamplayer, beendet Reid Anderson mit Der Tod in Venedig und er betont, wie wichtig und großartig diese Kooperation von Oper und Ballett war, und wie fabelhaft der Sänger Matthias Klink.

Reid Anderson am Ende seiner One-Man-Show, © Elisabeth Kabatek

Es ist jetzt kurz vor drei, Reid Anderson erinnert an sein Versprechen, pünktlich Schluss zu machen und kickt einen imaginären Fußball in die Luft. „Sie hätten ja Ihre Zelte mitbringen können, dann wären wir eine Woche hiergeblieben.“ Man traut ihm das ohne Weiteres zu, dass er stunden- und tagelang so weiterplaudern könnte, ohne dass es einem auch nur eine Sekunde langweilig werden würde. Aber nun wird der scheidende Intendant ein wenig feierlich. „In fast jedem Interview, das ich in den letzten Tagen geführt habe, und es waren viele, kam die Frage nach dem berühmten Stuttgarter Publikum. Und jetzt möchte ich mich bei Ihnen bedanken, beim berühmten Stuttgarter Publikum. Ich bin nicht traurig, ich möchte aufhören. Aber Stuttgart war und ist mein Leben. Ich sage das nicht, um Ihnen zu schmeicheln, es ist die Wahrheit. Sie kennen alles, Sie wissen alles.“ Und dann geht er mit einem echt schwäbischen „Adele“ von der Bühne. Das Publikum aber springt auf und beginnt wie verrückt zu applaudieren. Reid Anderson kehrt zurück und nimmt gerührt die Standing Ovations des Stuttgarter Publikums, seines Stuttgarter Publikums entgegen, und nun müssen viele ein paar Tränchen verdrücken. Es ist ein bewegender, berührender und sehr intimer Moment. Eine Ära geht zu Ende, eigentlich ja erst am nächsten Sonntag bei der Gala, aber dieser Augenblick gehört nicht der Compagnie, nicht den Politikern und nicht den Gästen, er gehört Reid Anderson und SEINEM Stuttgarter Publikum.

Für unser kleines Interview setzen wir uns auf die Bänke vor dem Schauspielhaus. Auf dem Weg dorthin muss Reid Anderson immer wieder Fotos und Programmhefte signieren, Hände schütteln, Dankesworte entgegennehmen. Das Publikum beweist seine Treue, bis zum Schluss, und der scheidende Intendant ist bei jeder Begegnung gleichbleibend freundlich und nimmt sich Zeit, auch für unser Gespräch. Die Liste der Dinge, die ihm in den letzten 22 Jahren gelungen sind, ist lang, aber was erfüllt ihn am meisten mit Stolz? „Die Schule“, sagt er ohne Zögern. „Johns Name ist damit verbunden, und das Gebäude ist da und bleibt für immer. Das macht mich superglücklich. Es macht mir nichts aus, dass die Schule erst nach meiner Zeit als Intendant eingeweiht wird.“ Wir erinnern uns: Wie ein Löwe hat Reid Anderson gekämpft, bis er von der Politik die Zusage für den dringend notwendigen Neubau der John Cranko Schule bekam. Nicht nur die Bedingungen für den tänzerischen Nachwuchs werden damit verbessert, die Compagnie wird auch endlich einen Probenraum haben ohne Säulen im Weg, wie es bisher der Fall und eigentlich unvorstellbar ist für ein Ballett von Weltrang. Mich interessiert, was er aus seiner täglichen Routine im Opernhaus am meisten vermissen wird. „Kein Tag war wie der andere und der Fokus wechselte ständig. Man muss sich das so vorstellen, ich plane ein Gastspiel in Tokio in drei Jahren und dann gehe ich zum Training und sage zu einem Tänzer, dass er sein Bein mehr strecken soll. Das ging alles immer Schlag auf Schlag, den ganzen Tag durch. Jetzt kann ich mir vorstellen, nichts mehr zu machen. Mein neues Leben fängt an und ich freue mich drauf.“ Man kann sich nicht wirklich vorstellen, dass Reid Anderson nichts macht, zumal er Anfragen aus der ganzen Welt hat, Cranko-Ballette einzustudieren, und schon viele Verpflichtungen eingegangen ist. Auch wenn Stuttgart seine Heimat bleibt, wird er viel unterwegs sein. Wie sieht das aus, wenn jemand wie Reid Anderson nichts macht? „Ich habe in meiner ganzen Laufbahn in der spielfreien Zeit im Sommer nichts gemacht. Ich kann das gut.“

„Sind Sie dann viel gereist?“
„Nein, gar nicht! Ich habe dann viel gelesen, Fitness gemacht, war schwimmen. Und während der Spielzeit habe ich abends nie gearbeitet.“
„Aber es gab doch praktisch keine Vorstellung, bei der Sie nicht präsent waren!“
„Das zählt nicht. Das war für mich eine Berufung, kein Beruf, ich bin bezahlt worden für das, was ich liebe. Vorstellungen waren für mich immer sehr entspannt, ich bin da immer mit dem Gefühl reingegangen, jetzt kannst du eh nichts mehr machen. Aber wenn ich abends zu Hause war, habe ich nie gearbeitet!“ Und was hat ihm keinen Spaß gemacht? Erst fällt ihm nichts ein. Aber dann. „Sitzungen! Ich hasse Sitzungen. Eine Qual!“ Wird er denn nun ein neues Hobby anfangen? Er schüttelt vehement mit dem Kopf. „Ich hatte nie ein Hobby und brauche auch keins. Ich will schreiben. Mein Deutsch verbessern, meinen Wortschatz erweitern. Und lesen, viel lesen!“

Diesen Blog wird er übrigens nicht lesen. Reid Anderson ist berühmt dafür, dass er keinen Computer hat – der Qualität seiner Arbeit hat es keinen Abbruch getan. Sein einziges Zugeständnis an die modernen Technologien ist sein Smartphone. „Vielleicht werde ich mir jetzt einen Computer anschaffen. Großes Interesse habe ich ehrlich gesagt nicht. YouTube, Facebook, das war mir immer egal. Ich google auch fast nie etwas.“ Alle Fans von Reid Anderson müssen jetzt sehr stark sein: Einen twitternden Ex-Ballettchef wird es auch in Zukunft nicht geben.


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Kabatek bloggt!: Sag zum Abschied leise Lulu

Mit Christian Spucks erfolgreichem Handlungsballett beginnen die Vorstellungen der Festwoche

„Sie werden trotzdem einen schönen Abend haben“, verabschiedet Sonia Santiago die aufmerksamen Zuhörer trocken, nachdem sie im Opernhaus in Lulu eingeführt hat, und alle lachen. In der Tat. Die Handlung von Lulu, dem großen ersten Handlungsballett von Christian Spuck klingt mit ihren zahlreichen Toten und zwielichtigen Gestalten eher nach einem Splatter-Movie als nach einem stimmungsvollen Ballettabend. Tatsächlich geht es jedoch um eine Frau, eben jene Lulu, die dem Ballett seinen Namen verliehen hat, eine Figur, die bis zum Schluss schwer zu beschreiben, schwer zu greifen und noch schwerer zu begreifen ist. Sie mordet die Männer, im übertragenen wie im wörtlichen Sinne, und wird am Ende selber ermordet – nein, lustig ist das nicht.

Wir schreiben den zweiten Abend der Festwoche für Reid Anderson, und der scheidende Intendant hat sich von seinem ehemaligen Hauschoreographen Christian Spuck zum Abschied eines der ersten Handlungsballette, die er in Auftrag gegeben hat, gewünscht. 2003 wurde Lulu in Stuttgart uraufgeführt und war ein riesiger Erfolg, ein Erfolg, der auch dazu beigetragen hat, dass Christian Spuck mittlerweile selber Ballettdirektor in Zürich ist, und ein sehr erfolgreicher noch dazu. Er hat Reid Anderson seinen Wunsch erfüllt, sechs Wochen mit dem Stuttgarter Ballett gearbeitet und einige Dinge wie Kostüme und Bühne überarbeitet, wie Sonia Santiago berichtet. Am 6. Juni war die Premiere der Neufassung. Die Leute lauschen bei der Einführung so ernsthaft und so konzentriert, als würde der Stoff hinterher abgefragt. Ob es das in anderen Ballett-Städten wohl auch so gibt? Dass das Publikum nicht nur in die Vorstellungen strömt, sondern sich sogar um die Plätze bei der Einführung reißt, schon vor Öffnung der Türen im Foyer ansteht, um nur ja nichts zu verpassen? So sind sie eben, die Stuttgarter Ballettfans!

Ich habe Lulu damals mit Katja Wünsche gesehen und freue mich nun auf Alicia Amatriain in der Hauptrolle. Neben mir sitzen Maggie Foyer von Dance Europe und David Mead, Ballettkritiker des Londoner Online-Magazins Seeing Dance. „I love Christian’s work!“, schwärmt Maggie. Sie fängt an, mir von der Londoner Ballettszene zu berichten und von den Ängsten, dass der Brexit die Kulturlandschaft zerstört, aber nun geht das Licht aus und das Ballett beginnt. Es ist ein Ballett, das viele Momente hat, die schwer auszuhalten sind, vor allem, wenn man selber weiblichen Geschlechts ist. Lulu wird herumgeschubst, betatscht und missbraucht, ein Opfer der Männer, manchmal vieler Männer gleichzeitig, sie erscheint hilflos und ausgeliefert, und andererseits inszeniert sie sich und ihren Körper als sei sie eine Göttin, frivol, obszön und selbstbewusst. Sie treibt diejenigen, die sie lieben, in den Wahnsinn, ohne dabei allzu sichtbare Reue zu empfinden. Man kann es kaum in Worte fassen, dieses komplexe Ballett, in dem jeder letztlich versucht, den anderen zu manipulieren. Alicia Amatriain tanzt und verkörpert diese Rolle mit solcher Intensität und Verletzlichkeit, dass es beinahe quälend ist, ihr zuzuschauen.

Alicia Amatriain als Lulu © Carlos Quezada

Bis zum Schluss bleibt Lulu rätselhaft und widersprüchlich. Ihr Ende, die Ermordung durch Jack the Ripper, ist brutal anzuschauen. Es ist wie bei Romeo und Julia, man weiß es zwar vorher, aber das macht es nicht besser. „Nicht gerade ein Happy End“, murmelt Maggie Foyer neben mir. „Romeo und Julia war gestern auch kein Happy End vergönnt“, meine ich. „Aber die haben wenigstens vorher ein paar gute Zeiten!“, kontert sie. Ja, das stimmt. So richtig gute Zeiten hat Lulu nicht gehabt. Der Vorhang schließt sich, Applaus brandet auf, dann öffnet er sich wieder, und da steht sie, ganz allein, Alicia Amatriain als Lulu, sichtlich erschöpft, und Bravorufe schallen ihr entgegen. Was für eine Rolle! Was für eine Ausnahme-Tänzerin! Dann folgt die ganze Compagnie, und weiterer tosender Applaus, auch für das Staatsorchester Stuttgart unter James Tuggle, das an diesem Abend grandios die nicht unbedingt einfache Musik von Dmitri Schostakowitsch, Alban Berg und Arnold Schönberg gespielt hat.

Nachdem man sich nun einen ganzen Abend den Kopf über Lulu, diese schwer zu verstehende Frau zerbrochen hat, wird es spannend sein zu hören, wie die, die sich am intensivsten mit ihr auseinandersetzt und diese unfassbar anspruchsvolle Rolle so bravourös meistert, Lulu charakterisiert. „Ich denke, sie ist eine Frau, die im Kopf ein Kind ist, die nicht wirklich weiß, was sie tut. Sie kann gar nicht ohne Männer an ihrer Seite sein, sie braucht Männer, aber sie macht es nicht bewusst“, meint Alicia Amatriain nach der Vorstellung in einer Garderobe hinter der Bühne. Ihre langen blonden Haare sind nicht mehr unter der Pagenkopf-Perücke versteckt, sondern frisch gewaschen. Sie wirkt erstaunlich frisch nach dieser Anstrengung. Und wie ist es, die Körperlichkeit dieser Rolle auszuhalten? Schließlich wird sie ständig angefasst, oft sehr grob, oft sehr intim. Auch, wenn es eine Bühnensituation ist, ist das nicht brutal, selbst für einen Profi? „Das ist nun mal die Rolle“, meint sie achselzuckend. Gibt es etwas, das ihr hilft, sich vor der Vorstellung mental darauf vorzubereiten? „Ich habe immer die gleiche Routine vor jeder Vorstellung, egal, ob ich Julia oder Lulu tanze“, erklärt Alicia. „Ich bin immer zwei Stunden vor Vorstellungsbeginn im Theater. Dann mache ich mein Make-Up und meine Haare und dann ein paar Übungen an der Stange, dann gehe ich auf die Bühne und probiere ein bisschen was aus, dann gehe ich wieder zurück hinter die Bühne, das sind so meine Abläufe. Und wenn es dann losgeht, bin ich voll vorbereitet. Ich habe nie Hektik vor einer Vorstellung, ich bin nicht am Rennen. Ich brauche diese Zeit.“ Alicia Amatriain arbeitet nun seit zwanzig Jahren mit Reid Anderson zusammen, eine lange Zeit. „Ich werde alles an ihm vermissen“, sagt sie. „Ich bin mit ihm aufgewachsen, er ist meine ganze Karriere. Aber man muss immer nach vorn gucken! Reid geht uns ja nicht verloren, und wir haben jetzt einen spannenden und überraschenden Anfang mit Tamas Detrich vor uns, und ich bin offen für das, was kommt. Wobei…“, überlegt sie, „es ist ja eigentlich kein Anfang, es ist ein Weitergehen. Genau – das ist kein Ende und kein Anfang, das ist ein Weitergehen.“ Und mit diesen schönen, geradezu poetischen Worten verabschieden wir Alicia, die jetzt endlich ihre Freunde in der Kantine treffen und sich erholen will nach diesem Kraftakt und dieser grandiosen Vorstellung!

Heute Nachmittag geht es schon weiter – um 13 Uhr dreht sich bei der One-Man-Show im Schauspielhaus alles um den Mann, um den sich alles dreht – Reid Anderson, und es gibt sogar noch Karten für Spontanentschlossene. Auf das Gespräch mit ihm freue ich mich besonders! Davor präsentiert Roman Novitzky, der nicht nur ein ausdrucksstarker Tänzer ist, wie er gestern Abend in Lulu wieder einmal bewiesen hat, sondern das Ballett auch fotografisch in Szene setzen kann, um 12 Uhr im Foyer des Schauspielhauses seinen Fotoband Der tanzende Blick (Eintritt frei).


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Kabatek bloggt wieder: Ganz nah dran an Romeo und Julia

Nun geht es also endlich los. Festwoche A Reid Anderson Celebration! Anders als vor zwei Jahren, als 20 Jahre Intendanz von Reid Anderson begangen wurden, wird am Ende ein Abschied stehen. Aber daran wollen wir jetzt erst einmal nicht denken, nicht an die Wehmut und nicht an die Tränen, die ganz sicher fließen werden. Erst einmal wird gefeiert – zehn Tage Ballettfieber in Stuttgart! Jeden Tag wird die Temperatur ein klein wenig ansteigen, bis zum großen Finale, bis zur großen Gala mit Ballett im Park, über die niemand vom Ballett auch nur ein Sterbenswörtchen nach außen dringen lässt. Es soll schließlich eine Überraschung sein, fürs Publikum natürlich, vor allem aber für den scheidenden Intendanten! Doch der erste Abend der Festwoche ist in jeder Hinsicht eine Überraschung. Im Metropolkino wird die Aufzeichnung von John Crankos Romeo und Julia gezeigt, und niemand, wirklich niemand vom Stuttgarter Ballett hat den Film bisher gesehen, weder Elisa Badenes in der Rolle der Julia, noch David Moore, der den Romeo tanzt, nicht einmal Reid Anderson selbst! So ist der Abend nicht nur eine echte Premiere für die Festwochengäste – der Film läuft exklusiv als Preview und dann am 22. Juli bundesweit in den Kinos – sondern auch für die Tänzerinnen und Tänzer, die ganz aufgeregt ins Foyer des Kinos strömen und sich auf dem roten Teppich ablichten lassen. Man umarmt und herzt sich, es geht zu wie im Taubenschlag. Die Tänzerinnen haben sich alle sehr schick gemacht, wann sieht man sie schon mal in luftigen Sommerkleidchen und mit High Heels, die Tänzer sind eher sportlich-leger. Reid Anderson kommt mit einem Eis in der Hand herbei geschlendert, offensichtlich bester Laune und sehr entspannt, auch die Grande Dame der Choreologie Georgette Tsinguirides lässt sich den Abend nicht entgehen, und natürlich ist auch der Nachfolger Tamas Detrich da. Es dauert eine ganze Weile, bis alle im Kinosaal auf ihren Plätzen sitzen, was auch daran liegt, dass sich nahezu alle Tänzerinnen und Tänzer mit Cola und Popcorn eindecken. Nicht etwa mit kleinen Bechern, nein, mit ziemlich großen. Um mich herum schwirren nicht nur die Sprachen dieser internationalen Compagnie, Englisch, Italienisch, Spanisch, Brasilianisch, es knuspert auch ziemlich laut. Wie das eben normal ist im Kino, bloß, bei Tänzern denkt man eben immer, dass die nur an Salatblättern nagen, damit sie schön schlank und leicht bleiben. „Stimmt nicht“, sagt Sinéad Brodd vom Corps de ballet, die neben mir sitzt, lacht, und greift wie zur Bekräftigung in ihren Popcornbecher. „Die Leute denken immer, wir würden nichts essen. Dabei lieben wir Essen! Wir verbrauchen ja auch wahnsinnig viel Energie.“

Bevor der Film nun tatsächlich losgeht, stehen noch die Filmemacher auf der Bühne. Reid Anderson bedankt sich bei der Produktionsfirma Unitel und bei Prof. Dr. Joachim Lang vom SWR. Jahrelang hegte der Intendant den Wunsch, Romeo und Julia, Onegin und Der Widerspenstigen Zähmung aufzeichnen zu lassen, und dann kam Lang genau mit diesem Vorschlag auf ihn zu. „Kunstwerke zu erhalten und zu konservieren und sie so der Vergänglichkeit zu entreißen“, das sei sein Ziel gewesen, erklärt Lang. Was für ein glückliches Zusammentreffen! Magie nennt Reid Anderson es. Er erzählt aber auch noch ein paar Anekdoten. Aus insgesamt drei Vorstellungen wurde die Aufzeichnung zusammengeschnitten. In der ersten tanzte Jason Reilly den Tybalt, aber dann wurde Jason Papa und fiel aus, und nun ist Robert Robinson ein wunderbar finsterer Tybalt.

Und dann endlich: der Film! Als zu Beginn die einzelnen Rollen vorgestellt werden, johlt das ganze Ballett, Marcia Haydée als Amme bekommt Applaus. Aber dann wird es ganz still. Kein Wunder. Wie man hineingesogen wird in diese Geschichte! Die man natürlich kennt, und deren Ausgang auch, und doch. Wie unglaublich intensiv ist es, alles so nah zu sehen. Ich weiß bei den Gruppenszenen nie, wo ich hinschauen soll, weil so viel gleichzeitig passiert. Die Kamera aber selektiert, sie lenkt den Blick, und das macht es in gewisser Weise einfacher, und gleichzeitig wird die große Kunst Crankos noch deutlicher, als wenn man im Opernhaus sitzt, wenn man nämlich kapiert, aus wie viel unzähligen, oft sehr liebevollen Details diese Szenen bestehen. Das Stuttgarter Ballett tanzt diese Gruppenszenen mit einer Energie, die einen schier vom Kinosessel reißt. Einen Riesenspaß macht natürlich auch das Wiedersehen mit Marcia Haydée als Amme, Reid Anderson als Graf Capulet und Egon Madsen als Pater Lorenzo. Gleichzeitig macht die Aufzeichnung vieles auch sehr viel dramatischer. All die Szenen, die Romeo und Julia gehören! Wie sie sich verlieben, so unschuldig anfangs, und dann so unendlich traurig nach der Hochzeitsnacht. Alle Leichtigkeit ist dahin, und wie sie das spielen und tanzen, Elisa Badenes und David Moore, das ist ergreifend, hinreißend und in den Nahaufnahmen kaum zum Aushalten. Ja, man weiß vorher, wie es ausgeht – es so nah zu sehen, das geht unter die Haut. Und so fließen schon an diesem ersten Abend Tränen, und soviel darf verraten werden: Auch Männer weinen im Kinosaal, als Romeo und Julia am Ende sterben.

Nach dem Film dauert es eine Weile, bis Elisa Badenes und David Moore in der Lage sind, Fragen zu beantworten, sie werden natürlich von allen Seiten umarmt und beglückwünscht. Reid Anderson gratuliert David Moore zu seiner tänzerischen Leistung. Elisa Badenes ist irgendwo im Tumult steckengeblieben und kann sich endlich loseisen. Romeo und Julia strahlen beide. Wie war’s denn nun, sich im Film zu sehen? „Man fühlt sich ein bisschen wie ein Filmstar“, lacht Elisa. „All die vielen Details zu sehen ist schon ziemlich unglaublich. Und dann auf so einer riesigen Leinwand!“ – „Ja, am Anfang war’s klasse“, bestätigt David. „Aber wenn man dann sieht, dass der Kamera wirklich kein Detail entgeht, wird einem auch ein bisschen mulmig. Du siehst ja immer etwas, wo du denkst, das hättest du eigentlich besser machen können, die Szene hätte ich eigentlich gern nochmal wiederholt.“ – „Wir sind immer ziemlich kritisch mit uns selber“, nickt Elisa. „Aber ich denke, im Film geht es sehr viel mehr um die Dramatik und die Emotionen, weniger um die Technik.“ Waren die Vorstellungen, die gefilmt wurden, denn anders als „normale“ Vorstellungen? Auf jeden Fall, da sind sich beide einig. „Zu wissen, dass dein Gesicht in Großaufnahme gefilmt wird!“, meint Elisa. Auch David bestätigt, dass die Filmaufnahmen eine Ausnahmesituation dargestellt haben. „Du tanzt da eine Rolle, die so groß ist, und die schon von Tausenden von Tänzern vor dir getanzt worden ist, und plötzlich ruht da die Kamera auf dir, das war schon ein großer Druck. Aber wir hatten ja die Unterstützung der ganzen Compagnie!“ Und warum sollten sich die Ballettfans den Film unbedingt anschauen? „Weil es eine andere Erfahrung ist“, meint David. „Diese Details sieht man so bei einer normalen Vorstellung nicht“, bestätigt auch Elisa.

Reid Anderson und David Moore

Beide arbeiten schon seit Jahren mit Reid Anderson. Was wird ihnen fehlen? Sie sind sich einig: „Dass er immer an uns geglaubt hat, selbst, wenn wir nicht an uns geglaubt haben – dieses Vertrauen ist etwas ganz Besonderes und es überträgt sich auf dich!“ Und worauf freuen sie sich jetzt selber am meisten, in den kommenden zehn Tagen? „Dass wir so viele Stücke aus der Vergangenheit tanzen“, meint Elisa. „Das wird ein wenig nostalgisch und sentimental werden. Aber schön.“ „Und dann natürlich die Gala“, ergänzt David. „Aber da dürfen wir nichts verraten…“

Verraten werden soll noch so viel: Die beiden durften dann endlich mit Sekt und Fingerfood feiern, zusammen mit der Compagnie. Und kein Geheimnis ist außerdem, dass heute Abend Lulu auf dem Programm steht, mit Alicia Amatriain in der Hauptrolle. Und zu guter Letzt sei noch verraten, dass Onegin im Herbst ins Kino kommt.