Stuttgarter Ballett Blog


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WEIMAR GASTSPIEL // 13. und 14. April 2017

Wir grüßen euch aus dem wunderschönen Weimar! Wir sind gestern angereist und wurden von den Kollegen – alte Kollegen aus Hasko Webers Stuttgarter Zeit und bekannte Gesichter von unserem letzten Besuch hier – herzlich in Empfang genommen. Am Abend stand gleich die erste Bühnenprobe mit der Staatskapelle Weimar an. Unten findet ihr ein paar Fotos :) Und heute heißt es toi toi toi für die erste Vorstellung von John Crankos Romeo und Julia am Deutschen Nationaltheater in Weimar! Wir hoffen, dem Publikum hier wird die Vorstellung gefallen und sie lassen sich heute Abend von Alicia Amatriain und Jason Reilly und morgen Abend von Elisa Badenes und David Moore mitreißen … Euch allen zuhause schöne Ostern und auf bald!!!

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Kabatek bloggt: Danke, Sue Jin!

Was soll man jetzt bloß schreiben. Was für ein Abend, was für eine Frau! 30 Jahre lang war Sue Jin Kang beim Stuttgarter Ballett, und heute Abend tanzt sie mit Jason Reilly zum Abschied Crankos Onegin, das Ballett, das 1969 in New York den Beginn des Stuttgarter Ballettwunders markierte, das Ballett, dem sich Sue Jin persönlich verbunden fühlt wie keinem anderen.

Anastasia Schneider ist fünfzehn und war vier Jahre lang auf der John Cranko Schule. Sue Jin ist ihre Lieblingstänzerin. Warum? „Wegen ihrer Perfektion, ihrer Eleganz, und der Art, wie sie ihre Gefühle zeigt.“ Na, das ist doch mal auf den Punkt gebracht. Ein älteres Ehepaar hat Sue Jin schon öfter bei Empfängen erlebt und zeigt sich sehr beeindruckt von ihrer reizenden, zurückhaltenden und bescheidenen Art. „Wenn man nur so aussehen würde wie sie!“, sagt die Dame und lacht. Sie ist sich auch sicher, dass sie später nicht mehr lachen, sondern ein paar Tränen vergießen wird. Ja, Sue Jins Aussehen. Diese zeitlose Schönheit. Ich würde gerne in denselben Jungbrunnen hineinfallen wie sie. Wie sonst kann man es erklären, dass eine 49jährige als verliebtes junges Mädchen durchgeht? Was heißt hier durchgeht. Sie sieht aus wie ein junges Mädchen im 1. Akt! Wie sie Onegin hinterhersieht, wie ihr das Herz bebt! Und wie der sich im wahrsten Sinne des Wortes nur um sich selber dreht, wie er ein bisschen mit ihr tanzt und sie dann stehen lässt. Wie er ihr das Kinn hebt und dann gelangweilt zur Seite blickt. Einfach großartig, wie Jason Reilly diesen Superschnösel gibt – stell dir vor, du brichst jemandem gerade das Herz und merkst es nicht. Wir im Publikum aber merken es, an diesem jungen Mädchen, das keines ist.

Als ich nach dem 1. Akt ins Foyer trete, entdecke ich Marjin Rademaker. Was für eine Überraschung! Vor anderthalb Jahren hat der Publikumsliebling Stuttgart Richtung Amsterdam verlassen, um zum Niederländischen Nationalballett zu gehen. Bei seinem Abschied tanzte er mit Sue Jin Kang einen Pas de deux aus der „Kameliendame“, ebenjenem Ballett, das ihm an der Seite von Sue Jin Kang den Durchbruch in Stuttgart bescherte. Wie geht es ihm heute Abend? „Die Tränen sind nah“, sagt er. „Ich werde sie sehr vermissen. Sie hat mich so viel gelehrt, und wir haben so viel miteinander getanzt.“ Was wird ihm von diesem gemeinsamen Tanzen am meisten im Gedächtnis bleiben? „Ihre Augen.“

Signierstunde in der Pause mit Hyo-Jung Kang, Foto: Elisabeth Kabatek

Signierstunde in der Pause mit Hyo-Jung Kang, Foto: Elisabeth Kabatek

Nach dem 2. Akt (ich gestehe: Ich habe schon da geheult, und nicht zum ersten Mal) signieren im 1. Rang Hyo-Jung Kang, die die Olga getanzt hat, und Pablo von Sternenfels, der wiederauferstandene Lenski. Signieren ist das falsche Wort. Sie schreiben sich die Finger wund. Nur mit Mühe schaffen sie es, zwischendurch ein Glas Wasser hinunterzustürzen, schließlich kommen sie direkt von der Bühne. Besonders Hyo-Jung Kang ist von einer riesigen Traube von Fans umlagert, von denen viele ganz offensichtlich asiatischer Herkunft sind. Ich habe mich kurz mit einer Gruppe Koreaner unterhalten, die aus Frankfurt angereist ist. Es ist nicht zu übersehen, dass heute sehr viele Gäste aus Asien im Publikum sitzen, und es ist eine schöne Geste, dass Reid Anderson die zweite große weibliche Hauptrolle an diesem Abend ebenfalls mit einer Koreanerin besetzt hat, auch als Hommage an den Ort, an dem Sue Jin in Zukunft ihren Lebensmittelpunkt haben wird, als Direktorin des Koreanischen Nationalballetts.

Nun beginnt der 3. Akt, und die Spannung steigt, vor und auf der Bühne. Spiegel und Vorhänge, Trugbilder und Täuschungen: Zu spät erkennt Onegin den Irrtum seines Lebens. In keinem Cranko-Ballett ist die Seelenpein so groß. Wie sich die Rollen vertauscht haben! Wie Tatjana zur stolzen Frau des Fürsten Gremin gereift ist, während Onegin nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Wie Onegin Tatjana anfleht, wie sie jetzt seinen Brief zerreißt. Wie sie immer wieder von ihm fortstrebt, und er sie zu halten versucht. Ja, die Rollen haben sich vertauscht, und doch gibt es einen großen Unterschied zum Anfang. All das Blasierte, Arrogante, was Onegin auszeichnete, ist Tatjana fremd. Sie kämpft den Kampf ihres Lebens gegen ihre eigenen Gefühle, und wie sich dieser Kampf in jeder Sekunde in Sue Jins Gesicht und in jeder Faser ihres Körpers ausdrückt, wie man genau sieht, dass dieser Kampf nur haarscharf zuungunsten Onegins ausgeht, das ist es, was diese Tänzerin so einzigartig macht.

Sue Jin Kang mit Jason Reilly in John Crankos Onegin, Foto: Stuttgarter Ballett

Sue Jin Kang mit Jason Reilly in John Crankos Onegin, Foto: Stuttgarter Ballett

Nun weist sie Onegin die Tür, mit diesem ausgestreckten Arm, in den sie alles legt, was ihr an Würde und Respekt vor sich selber geblieben ist, und Onegin erkennt, dass er verloren hat, und läuft zur Tür hinaus, ein gebrochener Mann. Tatjana bleibt zurück, sie steht in der Mitte der Bühne, ganz allein, und man liest in ihrem Gesicht und ihrem Körper, wie ihre Seele schreit, und der Vorhang schließt sich langsam und ist noch nicht richtig zu, da fängt das Publikum schon an zu schreien und zu toben. Es ist ein seltsamer Moment, denn eigentlich ist Sue Jin noch Tatjana, mitten in ihrer Rolle, eisern bis zur allerletzten Sekunde. Das Publikum kann es aber gar nicht so lange aushalten, schließlich hat es den ganzen Abend auf diesen Augenblick hingefiebert. Der Vorhang geht wieder auf, und man sieht ihr an, wie bewegt sie ist, aber schon beim zweiten Vorhang hat sie sich wieder gefasst und strahlt endlich, und Jason umarmt sie, dass es kracht. Das Publikum ist längst aufgesprungen, das Staatsorchester hat wieder zu spielen begonnen, und nun regnet es Blumen, sie fliegen in hohem Bogen von allen Seiten auf die Bühne, die ganze Bühne ist ein einziges buntes Blumenmeer – denn was Sue Jin nicht weiß, und was ich nicht verraten durfte, obwohl ich mir beinahe die Zunge abgebissen hätte, die ZuschauerInnen haben sich verabredet und untereinander diesen Blumenregen organisiert, um ihrer Sue Jin zu danken. Im Hintergrund der Bühne wird jetzt ein riesiges blaues Plakat entrollt, auf dem in weißer Schrift zu lesen steht, „Liebe Sue Jin, Danke für alles, we love you, we will miss you, alles Gute.“

Auch die Compagnie sagt Danke!, Foto: Elisabeth Kabatek

Auch die Compagnie sagt Danke!, Foto: Elisabeth Kabatek

Und nun kommt das große Defilé. Das komplette Ballett, und damit meine ich wörtlich das komplette Ballett, soweit man das überblicken kann in all dem Durcheinander, nicht nur etwa diejenigen, die heute Abend getanzt haben, sondern alle SolistInnen, Tamas Detrich, das Corps de Ballet, sämtliche MitarbeiterInnen des Balletts, WeggefährtInnen und ehemalige TänzerInnen, sie alle marschieren nun in einer langen Reihe auf die Bühne, und jede/r überreicht Sue Jin eine langstielige rote Rose, und Sue Jin küsst und umarmt sie alle. Von Marjin Rademaker kann sie nichts gewusst haben, denn sie schlägt die Hände völlig entzückt vors Gesicht und die beiden umarmen sich wild. Das Publikum klatscht übrigens durch, ohne auch nur eine Sekunde innezuhalten. Als ob das der großen Gefühle noch nicht genug wäre, kommt jetzt die Zuschauerüberraschung, die ich bisher noch nicht erwähnt habe, um ihnen beim Lesen nicht die Überraschung zu verderben. Auf jedem Platz im Opernhaus liegt nämlich ein Plakat mit einem roten Herz und dem Text „Danke, Sue Jin.“

1400 Herzen für Sue Jin, Foto: Elisabeth Kabatek

1400 Herzen für Sue Jin, Foto: Elisabeth Kabatek

Die Anweisung darauf lautet, auf Reid Andersons Zeichen hin das Plakat nach oben Richtung Bühne zu halten. Jetzt kommt Reid Anderson als Letzter auf die Bühne, mit einem riesigen Bukett aus roten Rosen, und nachdem er Sue Jin umarmt hat, hält er das Plakat Richtung Publikum und klappt es als Startzeichen auf, und das ganze Publikum des Opernhauses streckt Sue Jin das Plakat entgegen. Weil alle Hände an den Plakaten kleben, kann kein Mensch mehr klatschen, und so wird es auf einen Schlag fast gespenstisch ruhig. Die plötzliche Stille ist noch ergreifender als der Applaus, und Sue Jin kann es nicht fassen, dieses Meer aus roten Herzen, und langsam setzt der Applaus wieder ein, und Sue Jin verneigt sich in alle Richtungen, zum Publikum hin, zum Orchester, zum Ballett, sie formt mit den Händen ihrerseits ein Herz und streckt dieses Herz allen hin. Es dauert ziemlich lange, bis der Vorhang sich endgültig schließt und das völlig erschöpfte, völlig euphorische Publikum langsam zu sich kommt und aus den Reihen geht. Da öffnet sich der Vorhang ganz überraschend noch einmal, und nun steht Sue Jin ganz alleine da, so wie vorher während ihres letzten Bühnenmoments, und verneigt sich noch einmal ganz tief in alle Richtungen, als Hommage an das Publikum, das sie dreißig Jahre lang begleitet hat.

Stille im Saal: Das Publikum nimmt Abschied, Foto: Elisabeth Kabatek

Stille im Saal: Das Publikum nimmt Abschied, Foto: Elisabeth Kabatek

Unglaublich viele WeggefährtInnen strömen hinter die Bühne und formieren einen Kreis um Sue Jin herum. Sue Jin hält eine Rede, von der ich nicht viel mitbekomme, außer dem Dank am Schluss. Danach wird sie umarmt, geküsst, es werden unzählige Fotos gemacht, Marjin umarmt sie noch einmal richtig, und sie bekommt ein Porträt von sich geschenkt. Nein, sie ist nicht in Tränen aufgelöst. Sie ist unglaublich souverän und fröhlich, selbst in diesem Augenblick. Für jeden nimmt sie sich einen Moment Zeit, nichts scheint ihr zu viel. Sie hat auch unser kleines Interview nicht vergessen, auf das ich angesichts des Trubels schon beinahe verzichtet hätte. Ich stelle ihr nur eine einzige Frage. Woran wird sie sich erinnern, wenn sie achtzig ist und an das Stuttgarter Ballett zurückdenkt? „Ich werde an die Liebe denken“, sagt sie. „Die Liebe in meinem Herzen zum Stuttgarter Ballett, und diese Liebe werde ich mit ins Grab nehmen.“ Und dann küsst sie auch mich. Der eiserne Schmetterling mit dem riesigen Herzen, in das offensichtlich ganz Stuttgart und ganz Korea hineinpasst, ohne Platzprobleme. Der eiserne Schmetterling, bis zum Schluss. Danke, Sue Jin!


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Kabatek bloggt: Stuttgart vibrations im Kammertheater

Alicia Amatriain, Adhonay Soares da Silva, Fabio Adorisio, Alexander Mc Gowan in Bridget Breiners Sirs, Foto: Stuttgarter Ballett

Alicia Amatriain, Adhonay Soares da Silva, Fabio Adorisio, Alexander Mc Gowan in Bridget Breiners Sirs, Foto: Stuttgarter Ballett

Nach dreimal Ballett in nicht mal 24 Stunden fühle ich mich ein bisschen so, als hätte ich etwas sehr Verbotenes, sehr hoch Dosiertes geraucht. Es ist ein ziemlich gutes Gefühl. Gibt es überhaupt noch was Anderes im Leben als Ballett? Für all die TänzerInnen und ChoreographInnen, die sich am Sonntag Nachmittag im Kammertheater für die Premiere von „Skizzen“ versammelt haben, bestimmt nicht. „Wir haben alle unser Leben dem Tanz geopfert“, so hat es Robert Conn am Morgen beim Gespräch im Opernhaus formuliert. Das Opfer trägt Früchte, der Nachmittag wird zur grandiosen, umjubelten Leistungsschau. Fast hundert Choreographien sind in den letzten zwanzig Jahren unter der Intendanz Reid Andersons in Stuttgart entstanden, zwölf davon werden an diesem Nachmittag gezeigt, und endlich stehen auch die Stuttgarter TänzerInnen auf der Bühne und zeigen, was sie können. Neben mir läuft Katarzyna Kozielska über den giftgrünen Boden des Kammertheaters. Die Halbsolistin des Stuttgarter Balletts ist einer der Shootingstars der Choreographie, mit ihrem Stück „Neurons“ hat sie erst vor wenigen Monaten in Stuttgart abgeräumt, am heutigen Nachmittag wird sie dem Solisten Adhonay Soares da Silva mit ihrem Stück „Firebreather“ alles abverlangen. Ich kann mir das nicht vorstellen, sage ich, wie man das macht, eine Choreographie zu entwickeln.

Adhonay Soares da Silva in Katarzyna Kozielskas Firebreather, Foto: Stuttgarter Ballett

Adhonay Soares da Silva in Katarzyna Kozielskas Firebreather, Foto: Stuttgarter Ballett

Sie lacht. „Für mich ist Körpersprache die natürlichste Sprache, die es gibt“, meint sie. „Die Ideen dazu kommen ganz von alleine. Noch jedenfalls!“ Für mich, die ich mit Worten arbeite, ist das ziemlich schwer vorstellbar, mit dem Körper eine Geschichte zu erzählen. Jeder Choreograph, jede Choreographin hat eine ganz eigene, charakteristische Ausdrucksweise. Manche erkennt man gleich, zum Beispiel die dynamische Bewegungssprache von Marco Goecke, einem der Hauschoreographen des Stuttgarter Balletts. Friedemann Vogel bekommt an diesem Nachmittag für sein Solo aus Goeckes Orlando viele Bravos. Als er mit dem nackten Rücken zum Publikum steht, hat man fast das Gefühl, als könne dieser Ausnahmetänzer jeden

Friedemann Vogel in Marco Goeckes Orlando, Foto: Stuttgarter Ballett

Friedemann Vogel in Marco Goeckes Orlando, Foto: Stuttgarter Ballett

Muskel gezielt einzeln bewegen. Das ist das Großartige am Kammertheater, man sieht so viel mehr als im Opernhaus, man ist so nah dran am Bühnengeschehen. Kein Orchestergraben schafft Distanz, man hört, wie der Atem der TänzerInnen immer schneller geht, man sieht die körperliche Anstrengung und den Schweiß, und unsere Superhelden rücken ein ganz klein wenig näher an uns Normalsterbliche heran.

In der Pause frage ich ein paar Besucherinnen, wie Ihnen die „Skizzen“ gefallen. „Sie sind doch die, die bei der Filmpremiere ihren Platz nicht gefunden hat, oder?“, entgegnet eine der Damen. Okay, auch so kann man Berühmtheit erlangen. Danach entbrennt eine leidenschaftliche Diskussion darüber, ob das Stuttgarter Ballettpublikum zu viel oder zu wenig klatscht, es wird Bedauern darüber ausgedrückt, dass Fußball viel beliebter ist als Ballett, und es wird moniert, dass die Ballettstars insgesamt viel zu wenig Anerkennung bekommen. Friedemann, findet eine der Damen, soll am besten die großen Handlungsballette tanzen, während Alicia in den modernen Stücken einfach fantastisch ist. So könnte man munter weiterreden, allein, die Pause ist zu Ende. Das ist auch so eine Besonderheit des Stuttgarter Publikums: Man kann ansprechen, wen man will, alle kennen sich aus. Hier geht man nicht einfach ins Ballett, um sich sehen oder berieseln zu lassen. Nein, hier ist jeder ein Experte! Man studiert eifrig das Programmheft, man fachsimpelt, man fiebert mit bei einem Rollendebüt, und man ist durchaus auch kritisch.

Nach der Pause läuft Georgette Tsinguirides strahlend am Arm von Ivan Cavallari die Rampe hinauf ins Kammertheater. Sie ist ziemlich klein, er ist ziemlich groß. Ob sie weiß, wie viele Blicke ihr folgen? Wie viele Menschen sie bewundern, weil sie seit über siebzig Jahren nahezu täglich in den Ballettsaal kommt, um ihr Wissen weiterzugeben? Stuttgarter Ballettwunder, eines der vielen!

Der Nachmittag endet, wie könnte es anders sein, fulminant, mit einem Auszug aus Christian Spucks Lulu.

Alicia Amatriain, David Moore in Christian Spucks Lulu, Foto: Stuttgarter Ballett

Alicia Amatriain, David Moore in Christian Spucks Lulu, Foto: Stuttgarter Ballett

Da könnte man dann fast wieder

ein klein wenig wehmütig werden, dass dieser Choreograph, der Stuttgart all die fantastischen Handlungsballette beschert hat, als Ballettdirektor nach Zürich abgezwitschert ist (wo alle Geld haben und nicht darüber reden, wie er es am Morgen so schön formuliert hat). Hinter der Bühne treffe ich den Choreographen Kevin O’Day, der in den letzten Jahren sehr erfolgreich in Mannheim gearbeitet hat. Auch er hat heute abgeräumt. Anna Osadcenko und Jason Reilly haben seine Choreographie Delta Inserts getanzt. Es ist eine Beziehungsgeschichte, die O’Day

Anna Osadcenko und Jason Reilly in Kevin O'Days Delta Inserts, Foto: Stuttgarter Ballett

Anna Osadcenko und Jason Reilly in Kevin O’Days Delta Inserts, Foto: Stuttgarter Ballett

1999 für das Stuttgarter Ballett kreiert hat, die Musik hat John King extra dafür geschrieben. Es war die erste Choreographie des Amerikaners für eine europäische Compagnie. Und, ist er zufrieden? „Sehr. Wir haben ein bisschen geprobt, ein bisschen verändert. Das Stück ist ja schon 18 Jahre alt.“ Ich lerne also wieder etwas Neues: eine Choreographie ist nicht in Stein gemeißelt, sondern wird der Zeit, den Tänzern angepasst? Er nickt. „Ich verändere eine

Choreographie manchmal von einer Vorstellung zur nächsten.“ Ist es anders, in Europa zu arbeiten als in den USA? O ja, meint er. Jeder Ort hat seine eigenen vibrations. Und, wie sind sie, die Stuttgarter vibrations? Stuttgart ist ein ungemein kreativer Ort, fällt ihm spontan dazu ein. Na, das hören wir doch gerne. Unterdessen verabschieden sich im Hintergrund die zur Gesprächsrunde angereisten BallettdirektorInnen. See you in Paris. See you in Venice!

Unsere Bloggerin Elisabeth Kabatek mit dem Choreographen Kevin O’Day nach der Premiere von Skizzen

Am Dienstagabend bin ich übrigens das nächste Mal wieder im Ballett. Wenn Sie mir was erzählen wollen, sprechen Sie mich einfach an. Ich bin ganz leicht zu erkennen. Ich bin die Frau, die immer ihren Platz sucht.

 

Elisabeth Kabatek


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Kabatek bloggt: Superhelden lieben Popcorn. Die Festwoche beginnt!

Der Initiator des Films Dr. Joachim Lang (SWR), Stellv. Ballettintendant Tamas Detrich, Staatssekretärin Petra Olschowski, Ballettintendant Reid Anderson und Filmregisseur Harold Woetzel

Der Initiator des Films Dr. Joachim Lang (SWR), Stellv. Ballettintendant Tamas Detrich, Staatssekretärin Petra Olschowski, Ballettintendant Reid Anderson und Filmregisseur Harold Woetzel

Na schön. Wir sind nicht Cannes, wir sind nicht Berlin, und George Clooney hat sich auch nicht blicken lassen. Aber Stuttgart kann auch roter Teppich. Und wie! Zum Auftakt der Festwoche zum 20-jährigen Jubiläum von Reid Anderson hat im Metropol Kino Stuttgart der Dokumentarfilm „Von Wundern und Superhelden – 55 Jahre Stuttgarter Ballett“ von SWR-Autor Harold Woetzel Premiere. Okay, der rote Teppich im Metropol ist nicht extra ausgerollt worden, den gab’s schon vor der Filmpremiere, aber schließlich sind wir in Stuttgart auch bescheidener als anderswo und parken den Porsche hinterm Haus. Dieser rote Teppich aber erweist sich als perfekt fürs Fotoshooting. Denn jetzt läuft nahezu die komplette Compagnie des Stuttgarter Balletts darüber und lässt sich in kleinen Grüppchen vom Fotografen ablichten.

Daiana Ruiz, Ayaka Fuiji, Agnes Su, Rocio Aleman, Angelina Zuccarini, Gerogette Tsinguirides, Roger Cuadrado, Alexander Mc Gowan, Anouk van der Weijde, Cedric Rupp, Jessica Fyfe

Daiana Ruiz, Ayaka Fuiji, Agnes Su, Rocio Aleman, Angelina Zuccarini, Gerogette Tsinguirides, Roger Cuadrado, Alexander Mc Gowan, Anouk van der Weijde, Cedric Rupp, Jessica Fyfe

Intendant Reid Anderson staunt, dass seine Tänzerinnen alle wie Models aussehen. Wahrscheinlich sieht er sie auch selten so elegant, so schick und so sexy, und alle mit strahlendem Lächeln. Das „Who is Who“ des Stuttgarter Balletts gibt sich heute die Ehre: Eric Gauthier wirft sich seinem künstlerischen Vater Reid Anderson symbolisch vor die Füße, Tamas Detrich improvisiert gut gelaunt ein paar Tanzschritte, dann wird Jason Reilly von Eric Gauthier umarmt, während Sonia Santiago von Tamas Detrich gebusselt wird und Alicia Amatriain Reid Anderson küsst. Es sind aber nicht nur die Insider da, die, die irgendwas mit dem Ballett zu haben, Familienangehörige wie die Eltern des ehemaligen Tänzers Thomas Lempertz, oder Kollegen wie Opernintendant Jossi Wieler.

Opernintendant Jossi Wieler, Tamas Detrich, Julia von Württemberg, Reid Anderson

Opernintendant Jossi Wieler, Tamas Detrich, Julia von Württemberg, Reid Anderson

Nein, natürlich lässt es sich auch das ganz normale Stuttgarter Ballettpublikum nicht nehmen, die Filmpremiere mitzuerleben. Dieses eigentlich gar nicht normale, einmalige Stuttgarter Publikum, ohne das auch der beste Intendant und die besten Tänzer nicht existieren könnten, und auf das die ganze Ballettwelt außerhalb von Stuttgart neidisch ist. Seit den 60er Jahren hält sie dem Ballett die Treue, erzählt mir eine Besucherin auf der Treppe. „Das Ballett? Es ist eine einmalige Beziehung“, meint sie und strahlt. „Eine Beziehung, die man so nur in Stuttgart erleben kann.“

Staatssekretärin Petra Olschowski begrüßt zur Festwoche

Staatssekretärin Petra Olschowski begrüßt zur Festwoche

Langsam schiebt sich der Strom der Gäste nach oben. Im 1. Stock des Metropol steht Jason Reilly an der Theke an. Sicher für ein Glas Mineralwasser? Er schüttelt den Kopf. „Popcorn und Bier“, sagt er. „Ich esse total gern Junk.“ Und dann grinst er sein wunderbares, breites Jason-Reilly-Grinsen. Wie jetzt – ich dachte, Balletttänzer leben von Wasser, Luft und ein paar Krümeln Brot, damit sie kein Fett ansetzen? Von wegen. Später werde ich in Reihe acht zwischen lauter TänzerInnen sitzen (eine ganze Weile später, ehrlich gesagt, weil ich nicht kapiert habe, dass der Film zwei Kinosäle füllt und ich zunächst im falschen Saal gelandet bin, wo ich mich wundere, dass schon jemand auf meinem Platz sitzt…) Und was machen alle diese schönen, schlanken Menschen um mich herum? Popcorn knuspern, aus ziemlich großen Bechern. Sehr irdisch wirken sie da auf einmal, die Superhelden des Balletts. Man spürt auch, wie gespannt sie sind. Schließlich hat noch niemand, wirklich niemand von ihnen den fertigen Film gesehen. Doch bevor der Film beginnt, gibt es erst noch eine wirklich fabelhafte Rede von Staatssekretärin Petra Olschowski. Eine sehr persönliche Rede, der man anmerkt, dass hier eine Frau spricht, die keine Floskeln benötigt, weil sie weiß, wovon sie spricht.

Und dann gehtʼs endlich los. Wie ein Scheibenwischer, hat Reid Anderson in seiner Begrüßung gesagt: wie es war, und wie es ist. Das „wie es war“, das sind historische Aufnahmen von John Cranko, Marcia Haydée und Birgit Keil, von Reid Anderson und Tamas Detrich. Die legendäre Tournee nach New York, die das „Stuttgarter Ballettwunder“ begründete. Wie sie im Flugzeug sitzen und zittern! Und immer wieder: John Cranko, nie ohne Zigarette in der Hand. John Cranko, wie er probt, Interviews gibt, wie er mit seinen Stars, die seine Familie waren, herumalbert. Sein Charisma ist in jeder Sequenz spürbar. Das „wie es ist“, das sind Proben im Ballettsaal in Stuttgart, Bilder von kreischenden Fans in Tokyo, Alicia und Friedemann in Romeo und Julia. Das gestern und das heute, und irgendwie ist alles eins.

Gleich geht's los .... Vorfreude auf den Film!

Gleich geht’s los …. Vorfreude auf den Film!

Mehr soll hier gar nicht verraten werden, vor allem nicht die teilweise sehr komischen, sehr anrührenden Momente, die im Film reichlich vorhanden sind. „Irgendwie sind Tänzer anders als normale Menschen“, sinniert Georgette Tsinguiridis einmal vor laufender Kamera. „Hingabe“ nennt es Regisseur Harald Woetzel, „auch wenn es altmodisch klingt. Ein Leben nur für den Tanz.“ So, wie es John Cranko vorgelebt hat.

Wie warʼs? „Viel zu schnell vorbei“, und „Sehr gelungen, ich hätte noch stundenlang zuschauen können“, kommentieren die beiden Damen im besten Alter, die mit mir aus dem Kinosaal marschieren. Was für ein fulminanter Auftakt, was für ein Abend, was für ein Film! Für den lohnt es sich, ein bisschen länger aufzubleiben. Am nächsten Mittwoch, 20. Juli, wird die Dokumentation um 23.40 Uhr im SWR-Fernsehen gezeigt. Unbedingt anschauen!

P.S. Für Nichtschwaben zum Abschluss noch ein kleiner Schwäbisch-Kurs: Ein „Deppich“ ist kein Teppich. Schon gar kein roter zum Drüberlaufen. Ein Deppich ist eine Wolldecke.

Elisabeth Kabatek


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EMAIL AUS … HOUSTON (ALICIA AMATRIAIN & JASON REILLY)

Alicia Amatriain und Jason Reilly in Houston, Foto: privat

Alicia Amatriain und Jason Reilly in Houston, Foto: privat

Hallole Stuttgart

Wir schreiben euch diesmal aus Houston, Texas – in der Nähe vom Golf von Mexiko!

Das Wetter ist hier auf jeden Fall schon wärmer als in Stuttgart, es ist wunderschön, die Sonne zu genießen und gestern hatten wir sogar etwas Zeit zum Shoppen :)

Heute und Freitag geht es aber mit Vorstellungen los: Wir tanzen Christian Spucks Le Grand Pas de deux beim Dance Salad Festival!

Wir sehen uns sehr bald wieder.

Alles liebe, Jason und Alicia