Stuttgarter Ballett Blog


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Kabatek bloggt!: Happy-End hinter dem Vorhang

Mit Onegin auf die Zielgerade

Wir sind auf der Zielgeraden. Der Countdown läuft! Noch drei Abende. Drei, zwei, eins: Drei, Onegin, zwei, Gala der John Cranko Schule und Ballett im Park, eins, Gala des Stuttgarter Balletts, viele Tränen und Ballett im Park. Dass auf Platz drei des Finales ein Cranko-Handlungsballett stehen musste: Keine Frage. Aber warum ausgerechnet Onegin? Ganz einfach: Es ist eines der Lieblingsballette, wenn nicht gar das absolute Lieblingsballett des scheidenden Intendanten. Er hat es zudem nicht nur selbst getanzt, sondern während der letzten 25 Jahre weltweit einstudiert. Im Programmheft zur Festwoche – übrigens ein absolutes Muss für jeden Ballettfan! – steht ein ganz wunderbares Zitat. Als Reid Anderson 1969 als Ballettabsolvent aus London nach Stuttgart kam, sah er das erste Mal Onegin auf der Bühne: „Das war das Schönste, was ich je gesehen hatte. Ich habe geweint, weil ich in so einer Compagnie gelandet war, wo die Leute so tanzen können.“ Reid Anderson selbst tanzte zunächst den Fürsten Gremin, obwohl der eigentlich altersmäßig nicht so recht zu ihm passte, und dann die Titelrolle. Das Programmheft zeigt einen wunderbar blasierten Onegin mit sehr starken Koteletten und dicken Augenbrauen, und dahinter eine vollkommen entsetzt-verzweifelte Marcia Haydée als Tatjana – was für ein Bild! Was für ein Schnösel! Einfach großartig.

Nicht zuletzt spielt Onegin auch in der Geschichte des Stuttgart Balletts eine entscheidende, wenn nicht sogar die entscheidende Rolle: Beim Gastspiel in New York 1969 brachte das Stück den entscheidenden Durchbruch für das Stuttgarter Ballett. Ein Wunder geschah, das Ballettwunder, und es hält bis heute an! Am 22. Juli, bei der Festwoche „20 Jahre Intendanz Reid Anderson“ gab Sue Jin Kang ihren Abschied mit Onegin. Was war das für ein Abend, als das ganze Opernhaus Herzen in die Luft hielt: Danke, Sue Jin! Ich habe das kleine Plakat noch heute. Ihr Partner damals: Jason Reilly. Und damit sind wir in der Gegenwart angekommen – denn wer tanzt heute Abend Andersons Abschieds-Onegin? Natürlich Jason Reilly, nach seiner kurzen Verletzungspause in Topform. Seine Partnerin heute: Hyo-Jung Kang, die vor zwei Jahren die Olga tanzte!

Es geht los. Hach, wie wunderbar gibt Jason Reilly den arroganten Onegin! Wie er über die Bühne schreitet, mit diesem verächtlichen Mir-kann-keiner-was-Blick! Man möchte ihm ihn den Hintern treten, als er den Liebesbrief Tatjanas vor ihren Augen zerreißt und ihr die Papierschnipsel verächtlich in die Hand drückt. Was für eine große Kunst beherrschte Cranko, eine Geschichte zu erzählen, ohne dass man eine Inhaltsangabe braucht! Auf der ganzen Welt wird jede/r, der/die schon einmal unglücklich verliebt war – und ich wage zu behaupten, dass ein Großteil der Weltbevölkerung diese Erfahrung schon einmal gemacht hat – ohne Worte begreifen, wie verletzend sich dieser Onegin von Anfang an benimmt. Tatjana schmachtet ihn an, aber Onegin nimmt sie zerstreut nur am Rande wahr und widmet sich stattdessen ganz seinem eigenen Weltschmerz und seiner Melancholie. Man könnte auch sagen, der Typ ist auf einem gnadenlosen Ego-Trip. Mit ihren großen Augen und ihren zarten Gesichtszügen passt Hyo-Jung Kang ganz wunderbar in die Rolle der sensiblen Tatjana, die ihr Herz ausgerechnet leider an den völlig Falschen verliert. Das Kontrastprogramm bieten die extrovertierte Olga, federleicht getanzt von Elisa Badenes, und ihr Verlobter Lenski, getanzt von David Moore. Die beiden haben in den vergangenen Tagen nahezu jeden Abend auf der Bühne gestanden, immer zauberhaft, immer perfekt, ein wunderschönes Paar – was für ein Mammutprogramm!

Höhepunkt des I. Aktes: Der Pas de deux von Tatjana und Onegin in Tatjanas Schlafzimmer. Wie tragisch, dass die einzige wirkliche Liebesszene zwischen Tatjana und Onegin nur eine geträumte ist! Jason und Hyo-Jung tanzen das so großartig, dass die Augen förmlich an ihnen festkleben, damit man nur ja keine Sekunde verpasst. Ehrlich gesagt habe ich mich immer gefragt, wie die Spiegelszene eigentlich funktioniert. Sie wissen schon, Tatjana erblickt erst ihr eigenes Spiegelbild, dann erscheint ihr Onegin im Spiegel, schreitet durch das Glas und tanzt mit ihr. Heute Abend habe ich dann aus sicherer Quelle erfahren, dass es keinen Spiegel gibt. Auf der anderen Seite des nicht vorhandenen Glases tanzt eine zweite Tänzerin. Wahrscheinlich war das allen Zuschauern außer mir längst klar (aber ich kapiere auch nie, wie Zaubertricks funktionieren).

Reid Anderson am Signierstand, © Elisabeth Kabatek

In der ersten Pause signiert der Intendant persönlich. Die Schlange ist lang. „I’m a people person“, hat er am Mittwoch vor der Vorstellung von Party Pieces gesagt, ich kann gut mit Leuten, und genau so ist es. Hier ist keiner, der sich abschottet, hier ist einer, der gern mit den Zuschauern quatscht, der alle gleichbehandelt, geduldig signiert. Zwei Besucherinnen, die Reid Anderson noch als Tänzer gesehen haben, diskutieren darüber, in welcher Rolle er ihnen damals am besten gefallen hat. Sie einigen sich auf den Vater in Die Kameliendame und William Forsythes Orpheus. Die Dame mit den Dackeln, die aus Berlin, ist übrigens auch wieder da. Ich habe sie vor zwei Jahren bei der Festwoche kennengelernt. Damals hatte sie drei Dackel, jetzt vier. Die bleiben brav und ganz leise im Hotel, erzählt sie mir, während sie die ganze Festwoche abends ins Ballett geht; Liebe zu Dackeln und Liebe zum Ballett, das muss sich nicht gegenseitig ausschließen. Sehr hübsch ist auch der Kommentar einer Besucherin auf der Terrasse in der zweiten Pause. „Jetzt isch der au he“, kommentiert sie Lenskis tragischen Duell-Tod. Für alle, die des Schwäbischen nicht mächtig sind: „Jetzt ist der auch tot.“ Ja, der schwäbische Dialekt verfügt über erstaunliche Fähigkeiten, wenn es darum geht, den Tatsachen ins Auge zu sehen und grausame Fakten in nüchterne Worte zu fassen. Übrigens ist der Prozentsatz an eleganten Kleidern an diesem Abend im Vergleich zu den letzten Tagen deutlich nach oben gegangen. Da sich am Sonntag Ballett-, Politik- und Kulturprominenz die Ehre geben wird, darf man gespannt sein, was dann klamottentechnisch alles geboten wird. Solider Schick, vermutlich. Wir sind ja nicht so extrovertiert wie die Münchner. Ich werde berichten.

Aber nun naht das Ende. Kann es einen tragischeren Schluss geben für ein Stück als den von Onegin? Nun liegt er ihr zu Füßen, verzweifelt um ihre Liebe bettelnd, nun könnten die beiden zusammenfinden, endlich! Sie lieben sich doch! Aber Tatjana weist Onegin zurück, freilich erst nach einem grausamen Kampf mit sich selbst und mit Onegin. Wie Hyo-Jung Kang und Jason Reilly diesen Kampf miteinander ausfechten, wie sie miteinander ringen und leiden und zwischendurch winzige Momente des Glücks erleben, bis zum bitteren Ende, bis sie ihm die Tür weist, das ist ganz, ganz großes Kino. Der Applaus erklärt sich von selbst.

Hinter der Bühne herrscht Tohuwabohu. Auf der Hauptbühne wird in Windeseile ab- und umgebaut, auf der Seitenbühne steht das komplette Ballett versammelt und verabschiedet die, die das Stuttgarter Ballett mit dem Ende der Spielzeit verlassen: Elena Bushuyeva, Katarzyna Kozielska und Daniela Lanzetti, alle drei Halbsolistinnen; Kirill Kornilov und Ludovico Pace vom Corps de ballet sowie der Ballettmeister Thierry Michel. Alle sind sichtlich bewegt, es werden Reden gehalten, und es fließen Tränen. Nicht der beste Moment für ein Interview, zumal Hyo-Jung Kang und Jason Reilly von allen Seiten beglückwünscht werden. Wie fühlen sie sich?

„Ich bin fix und fertig“, meint Jason Reilly, und dabei lacht er so, dass man ihm das kaum glauben kann. Am vergangenen Sonntag hat Reid Anderson Jason Reilly und Eric Gauthier als seine „beiden Lausbuben“ bezeichnet, und man kann sich vorstellen, warum. „Ich habe immer noch einen Kloß im Hals“, sagt Hyo-Jung. „Da ist noch ein totales Gefühlsdurcheinander.“
„Wie fühlt sich das an, wenn der Vorhang aufgeht, und die Leute da draußen toben?“
Die beiden schauen mich an, ehrlich überrascht.
„Wir kriegen das am Anfang gar nicht mit“, meint Jason. „Wir sind da noch komplett mit uns selber beschäftigt.“
Hyo-Jung nickt. „Wir gehen ja zwei Stunden komplett in die Rolle rein. Und wenn sich dann der Vorhang schließt und Jason kommt wieder auf die Bühne und wir umarmen uns, das ist ein ganz besonderer Augenblick, nach dieser emotionalen Achterbahn.“
„Der beste des Abends!“, lacht Jason. „Es ist vorbei! Nein, natürlich ist es nicht der beste Moment des Abends. Aber es ist ein sehr, sehr schöner Moment. Wir haben in letzter Zeit einige Sachen miteinander getanzt, wir kennen uns jetzt gut. Wir tanzen diese Geschichte, als wäre sie unsere, und dass wir dann ganz am Ende auf der Bühne zusammenfinden, nachdem sie mich rausgeschmissen hat, das ist wie…“
„Wie ein Happy-End?“
„Ja, genau.“
Wie schön! Noch einmal für alle zum Mitschreiben: Onegin endet nicht tragisch. Er und Tatjana finden doch noch zusammen! Leider erst, nachdem der Vorhang gefallen ist.
„Waren Sie sehr nervös, heute, an so einem besonderen Abend?“
„Ach was“, antwortet Jason grinsend. „Diese Woche tanzen wir so wahnsinnig viel, das ist eher so, ach, was ist heute nochmal dran? Und dann raus auf die Bühne und los. Nein, im Ernst, die Nervosität hilft eigentlich, sie macht einen wacher.“
„Kurz bevor der Vorhang aufgeht, das ist ziemlich schrecklich“, meint Hyo-Jung. „Danach geht’s.“
Und was werden die beiden an Reid Anderson vermissen?
„Just him“, sagt Jason, plötzlich ganz ernst. „Ihn, eben. Ich kenne ihn, seit ich neun Jahre alt bin, ich tanze seit 21 Jahren hier in Stuttgart. Ich habe die Befürchtung, dass ich ab und zu an seine Bürotür klopfe, um mit ihm zu plaudern, und er ist nicht mehr da, und ich habe es vergessen.“ Und Hyo-Jung ergänzt: „Er war immer wie ein Stützpfeiler. Ein sehr solider Stützpfeiler.“

Nun wollen die beiden nach dieser Höchstleistung aber endlich ihre scheidenden Kolleginnen und Kollegen verabschieden. „It’s party time!“, hat Reid Anderson schon vor zehn Minuten ausgerufen. Und heute Abend ist das kleine Finale mit der Gala der John Cranko Schule und Ballett im Park!

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Lass dich verführen! // PREMIERE

Heute Abend ist es soweit – dann öffnet sich der Vorhang zur Premiere von VERFÜHRUNG!

Freut euch auf Katarzyna Kozielskas Dark Glow  …

… Sidi Larbi Cherkaouis Faun …

… Marco Goeckes Le Spectre de la Rose …

… und Maurice Béjarts Bolero!

Friedemann Vogel bei der Probe zu Maurice Béjarts Bolero, Foto: Roman Novitzky

Friedemann Vogel bei der Probe zu Maurice Béjarts Bolero, Foto: Roman Novitzky


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CHINA // OKTOBER 2016 (Tag 12)

Langsam nähert sich unser China Gastspiel dem Ende. Gestern Abend war bereits die zweite von unseren drei Vorstellungen in Beijing. Zum ersten Mal tanzten Hyo-Jung Kang und Constantine Allen zusammen als Romeo und Julia – und wurden als wunderschönes Paar vom Publikum gefeiert! Heute Abend ist schon die letzte Vorstellung im China National Center for the Performing Arts und nach einer kurzen Nacht werden wir sehr früh am Sonntag die Heimreise nach Stuttgart antreten …


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CHINA // OKTOBER 2016 (Tag 10)

Gestern hatten alle einen langen Arbeitstag im National Center for the Performing Arts, mit der ersten Bühnenprobe am Abend …


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Kabatek bloggt: Danke, Sue Jin!

Was soll man jetzt bloß schreiben. Was für ein Abend, was für eine Frau! 30 Jahre lang war Sue Jin Kang beim Stuttgarter Ballett, und heute Abend tanzt sie mit Jason Reilly zum Abschied Crankos Onegin, das Ballett, das 1969 in New York den Beginn des Stuttgarter Ballettwunders markierte, das Ballett, dem sich Sue Jin persönlich verbunden fühlt wie keinem anderen.

Anastasia Schneider ist fünfzehn und war vier Jahre lang auf der John Cranko Schule. Sue Jin ist ihre Lieblingstänzerin. Warum? „Wegen ihrer Perfektion, ihrer Eleganz, und der Art, wie sie ihre Gefühle zeigt.“ Na, das ist doch mal auf den Punkt gebracht. Ein älteres Ehepaar hat Sue Jin schon öfter bei Empfängen erlebt und zeigt sich sehr beeindruckt von ihrer reizenden, zurückhaltenden und bescheidenen Art. „Wenn man nur so aussehen würde wie sie!“, sagt die Dame und lacht. Sie ist sich auch sicher, dass sie später nicht mehr lachen, sondern ein paar Tränen vergießen wird. Ja, Sue Jins Aussehen. Diese zeitlose Schönheit. Ich würde gerne in denselben Jungbrunnen hineinfallen wie sie. Wie sonst kann man es erklären, dass eine 49jährige als verliebtes junges Mädchen durchgeht? Was heißt hier durchgeht. Sie sieht aus wie ein junges Mädchen im 1. Akt! Wie sie Onegin hinterhersieht, wie ihr das Herz bebt! Und wie der sich im wahrsten Sinne des Wortes nur um sich selber dreht, wie er ein bisschen mit ihr tanzt und sie dann stehen lässt. Wie er ihr das Kinn hebt und dann gelangweilt zur Seite blickt. Einfach großartig, wie Jason Reilly diesen Superschnösel gibt – stell dir vor, du brichst jemandem gerade das Herz und merkst es nicht. Wir im Publikum aber merken es, an diesem jungen Mädchen, das keines ist.

Als ich nach dem 1. Akt ins Foyer trete, entdecke ich Marjin Rademaker. Was für eine Überraschung! Vor anderthalb Jahren hat der Publikumsliebling Stuttgart Richtung Amsterdam verlassen, um zum Niederländischen Nationalballett zu gehen. Bei seinem Abschied tanzte er mit Sue Jin Kang einen Pas de deux aus der „Kameliendame“, ebenjenem Ballett, das ihm an der Seite von Sue Jin Kang den Durchbruch in Stuttgart bescherte. Wie geht es ihm heute Abend? „Die Tränen sind nah“, sagt er. „Ich werde sie sehr vermissen. Sie hat mich so viel gelehrt, und wir haben so viel miteinander getanzt.“ Was wird ihm von diesem gemeinsamen Tanzen am meisten im Gedächtnis bleiben? „Ihre Augen.“

Signierstunde in der Pause mit Hyo-Jung Kang, Foto: Elisabeth Kabatek

Signierstunde in der Pause mit Hyo-Jung Kang, Foto: Elisabeth Kabatek

Nach dem 2. Akt (ich gestehe: Ich habe schon da geheult, und nicht zum ersten Mal) signieren im 1. Rang Hyo-Jung Kang, die die Olga getanzt hat, und Pablo von Sternenfels, der wiederauferstandene Lenski. Signieren ist das falsche Wort. Sie schreiben sich die Finger wund. Nur mit Mühe schaffen sie es, zwischendurch ein Glas Wasser hinunterzustürzen, schließlich kommen sie direkt von der Bühne. Besonders Hyo-Jung Kang ist von einer riesigen Traube von Fans umlagert, von denen viele ganz offensichtlich asiatischer Herkunft sind. Ich habe mich kurz mit einer Gruppe Koreaner unterhalten, die aus Frankfurt angereist ist. Es ist nicht zu übersehen, dass heute sehr viele Gäste aus Asien im Publikum sitzen, und es ist eine schöne Geste, dass Reid Anderson die zweite große weibliche Hauptrolle an diesem Abend ebenfalls mit einer Koreanerin besetzt hat, auch als Hommage an den Ort, an dem Sue Jin in Zukunft ihren Lebensmittelpunkt haben wird, als Direktorin des Koreanischen Nationalballetts.

Nun beginnt der 3. Akt, und die Spannung steigt, vor und auf der Bühne. Spiegel und Vorhänge, Trugbilder und Täuschungen: Zu spät erkennt Onegin den Irrtum seines Lebens. In keinem Cranko-Ballett ist die Seelenpein so groß. Wie sich die Rollen vertauscht haben! Wie Tatjana zur stolzen Frau des Fürsten Gremin gereift ist, während Onegin nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Wie Onegin Tatjana anfleht, wie sie jetzt seinen Brief zerreißt. Wie sie immer wieder von ihm fortstrebt, und er sie zu halten versucht. Ja, die Rollen haben sich vertauscht, und doch gibt es einen großen Unterschied zum Anfang. All das Blasierte, Arrogante, was Onegin auszeichnete, ist Tatjana fremd. Sie kämpft den Kampf ihres Lebens gegen ihre eigenen Gefühle, und wie sich dieser Kampf in jeder Sekunde in Sue Jins Gesicht und in jeder Faser ihres Körpers ausdrückt, wie man genau sieht, dass dieser Kampf nur haarscharf zuungunsten Onegins ausgeht, das ist es, was diese Tänzerin so einzigartig macht.

Sue Jin Kang mit Jason Reilly in John Crankos Onegin, Foto: Stuttgarter Ballett

Sue Jin Kang mit Jason Reilly in John Crankos Onegin, Foto: Stuttgarter Ballett

Nun weist sie Onegin die Tür, mit diesem ausgestreckten Arm, in den sie alles legt, was ihr an Würde und Respekt vor sich selber geblieben ist, und Onegin erkennt, dass er verloren hat, und läuft zur Tür hinaus, ein gebrochener Mann. Tatjana bleibt zurück, sie steht in der Mitte der Bühne, ganz allein, und man liest in ihrem Gesicht und ihrem Körper, wie ihre Seele schreit, und der Vorhang schließt sich langsam und ist noch nicht richtig zu, da fängt das Publikum schon an zu schreien und zu toben. Es ist ein seltsamer Moment, denn eigentlich ist Sue Jin noch Tatjana, mitten in ihrer Rolle, eisern bis zur allerletzten Sekunde. Das Publikum kann es aber gar nicht so lange aushalten, schließlich hat es den ganzen Abend auf diesen Augenblick hingefiebert. Der Vorhang geht wieder auf, und man sieht ihr an, wie bewegt sie ist, aber schon beim zweiten Vorhang hat sie sich wieder gefasst und strahlt endlich, und Jason umarmt sie, dass es kracht. Das Publikum ist längst aufgesprungen, das Staatsorchester hat wieder zu spielen begonnen, und nun regnet es Blumen, sie fliegen in hohem Bogen von allen Seiten auf die Bühne, die ganze Bühne ist ein einziges buntes Blumenmeer – denn was Sue Jin nicht weiß, und was ich nicht verraten durfte, obwohl ich mir beinahe die Zunge abgebissen hätte, die ZuschauerInnen haben sich verabredet und untereinander diesen Blumenregen organisiert, um ihrer Sue Jin zu danken. Im Hintergrund der Bühne wird jetzt ein riesiges blaues Plakat entrollt, auf dem in weißer Schrift zu lesen steht, „Liebe Sue Jin, Danke für alles, we love you, we will miss you, alles Gute.“

Auch die Compagnie sagt Danke!, Foto: Elisabeth Kabatek

Auch die Compagnie sagt Danke!, Foto: Elisabeth Kabatek

Und nun kommt das große Defilé. Das komplette Ballett, und damit meine ich wörtlich das komplette Ballett, soweit man das überblicken kann in all dem Durcheinander, nicht nur etwa diejenigen, die heute Abend getanzt haben, sondern alle SolistInnen, Tamas Detrich, das Corps de Ballet, sämtliche MitarbeiterInnen des Balletts, WeggefährtInnen und ehemalige TänzerInnen, sie alle marschieren nun in einer langen Reihe auf die Bühne, und jede/r überreicht Sue Jin eine langstielige rote Rose, und Sue Jin küsst und umarmt sie alle. Von Marjin Rademaker kann sie nichts gewusst haben, denn sie schlägt die Hände völlig entzückt vors Gesicht und die beiden umarmen sich wild. Das Publikum klatscht übrigens durch, ohne auch nur eine Sekunde innezuhalten. Als ob das der großen Gefühle noch nicht genug wäre, kommt jetzt die Zuschauerüberraschung, die ich bisher noch nicht erwähnt habe, um ihnen beim Lesen nicht die Überraschung zu verderben. Auf jedem Platz im Opernhaus liegt nämlich ein Plakat mit einem roten Herz und dem Text „Danke, Sue Jin.“

1400 Herzen für Sue Jin, Foto: Elisabeth Kabatek

1400 Herzen für Sue Jin, Foto: Elisabeth Kabatek

Die Anweisung darauf lautet, auf Reid Andersons Zeichen hin das Plakat nach oben Richtung Bühne zu halten. Jetzt kommt Reid Anderson als Letzter auf die Bühne, mit einem riesigen Bukett aus roten Rosen, und nachdem er Sue Jin umarmt hat, hält er das Plakat Richtung Publikum und klappt es als Startzeichen auf, und das ganze Publikum des Opernhauses streckt Sue Jin das Plakat entgegen. Weil alle Hände an den Plakaten kleben, kann kein Mensch mehr klatschen, und so wird es auf einen Schlag fast gespenstisch ruhig. Die plötzliche Stille ist noch ergreifender als der Applaus, und Sue Jin kann es nicht fassen, dieses Meer aus roten Herzen, und langsam setzt der Applaus wieder ein, und Sue Jin verneigt sich in alle Richtungen, zum Publikum hin, zum Orchester, zum Ballett, sie formt mit den Händen ihrerseits ein Herz und streckt dieses Herz allen hin. Es dauert ziemlich lange, bis der Vorhang sich endgültig schließt und das völlig erschöpfte, völlig euphorische Publikum langsam zu sich kommt und aus den Reihen geht. Da öffnet sich der Vorhang ganz überraschend noch einmal, und nun steht Sue Jin ganz alleine da, so wie vorher während ihres letzten Bühnenmoments, und verneigt sich noch einmal ganz tief in alle Richtungen, als Hommage an das Publikum, das sie dreißig Jahre lang begleitet hat.

Stille im Saal: Das Publikum nimmt Abschied, Foto: Elisabeth Kabatek

Stille im Saal: Das Publikum nimmt Abschied, Foto: Elisabeth Kabatek

Unglaublich viele WeggefährtInnen strömen hinter die Bühne und formieren einen Kreis um Sue Jin herum. Sue Jin hält eine Rede, von der ich nicht viel mitbekomme, außer dem Dank am Schluss. Danach wird sie umarmt, geküsst, es werden unzählige Fotos gemacht, Marjin umarmt sie noch einmal richtig, und sie bekommt ein Porträt von sich geschenkt. Nein, sie ist nicht in Tränen aufgelöst. Sie ist unglaublich souverän und fröhlich, selbst in diesem Augenblick. Für jeden nimmt sie sich einen Moment Zeit, nichts scheint ihr zu viel. Sie hat auch unser kleines Interview nicht vergessen, auf das ich angesichts des Trubels schon beinahe verzichtet hätte. Ich stelle ihr nur eine einzige Frage. Woran wird sie sich erinnern, wenn sie achtzig ist und an das Stuttgarter Ballett zurückdenkt? „Ich werde an die Liebe denken“, sagt sie. „Die Liebe in meinem Herzen zum Stuttgarter Ballett, und diese Liebe werde ich mit ins Grab nehmen.“ Und dann küsst sie auch mich. Der eiserne Schmetterling mit dem riesigen Herzen, in das offensichtlich ganz Stuttgart und ganz Korea hineinpasst, ohne Platzprobleme. Der eiserne Schmetterling, bis zum Schluss. Danke, Sue Jin!