Stuttgarter Ballett Blog


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EMAIL AUS … SAN SEBASTIÁN (ALICIA AMATRIAIN)

Alicia Amatriain bei ihrer Gala in San Sebastián.

Alicia Amatriain bei ihrer Gala in San Sebastián.

Hallo liebe Stuttgarter!

Alles verläuft wunderbar hier in San Sebastián, wo ich eine Gala mit dem Titel „Donostia Bihotzean“ (San Sebastián in meinem Herzen) präsentiere. Wir sind bereit für unsere erste Vorstellung und ich freue mich sehr, die Bühne mit meinen Stuttgarter Kollegen Friedemann Vogel und Martí Fernández Paixà sowie mit meinen internationalen KollegenInnen Marijn Rademaker, Daniel Camargo, Xander Parish, Aya Okumura Ekaterina Osmolkina, and Timothy van Poucke zu teilen.

Ich werde einen Pas de deux aus Onegin, Legende und Aus Holbergs Zeit von John Cranko tanzen, sowie einen Auszug aus Hans van Manen’s Frank Bridge Variations und Katarzyna Kozielskas Lightness in Spirit. Außerdem eine Uraufführung von Fabio Adoriso mit dem Titel Egurra.

Ich möchte meiner Geburtsstadt San Sebastián von ganzem Herzen für den sehr schönen und warmherzigen „Willkommensgruß“, den man mir gestern im Rathaus bereitet hat, danken.

Wie immer vermisse ich Euch, das Stuttgarter Publikum, und freue mich auf das Wiedersehen am Montag!

Küsschen,

Alicia Amatriain

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EMAIL AUS … MEXIKO (KATARZYNA KOZIELSKA)

Feierten Silvester im schönen Cabo San Lucas: Katarzyna Kozielska die Tänzer Tate McRae, Juliette Bosco, Sophia Lucia und Taro Kurachi, Foto: privat

Feierten Silvester im schönen Cabo San Lucas: Katarzyna Kozielska die Tänzer Tate McRae, Juliette Bosco, Sophia Lucia und Taro Kurachi, Foto: privat

Liebe Stuttgarter Ballett Fans,

ich bin momentan in Cabo San Lucas (Mexiko) auf Einladung von Christina Lyon, der Künstlerischen Leiterin und Gründerin der angesehenen Gala de Danza. Ich choreographiere hier für vier talentierte junge Tänzer ein neues Stück, als Finale der Gala, die im März Premiere hat. Ich bin aber nur noch ein paar Tage hier bevor ich in mein geliebtes Zuhause zurückkehre um weiter an Dark Glow zu arbeiten, das bei der Premiere des Ballettabends VERFÜHRUNG! am 3. Februar 2017 beim Stuttgarter Ballett uraufgeführt wird. Vorerst möchte ich euch aber allen von ganzen Herzen ein wunderbares Neues Jahr wünschen. Auf dass 2017 ein magisches und friedliches Jahr wird!

Eure Kasia


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Kabatek bloggt: „Ich bin ein Stuttgarter!“

Schlussapplaus im Operhaus: Reid Anderson und Tamas Detrich auf der Bühne mit dem ganzen Ensemble, Foto: Elisabeth Kabatek

Schlussapplaus im Operhaus: Reid Anderson und Tamas Detrich auf der Bühne mit dem ganzen Ensemble, Foto: Elisabeth Kabatek

„20 Jahre“, wundert sich Reid Anderson im Gespräch mit Sonia Santiago auf der Bühne von Ballett im Park. „Die Tage gehen so wahnsinnig schnell vorbei!“ Da weiß er noch nicht, was der Abend an Überraschungen für ihn bereithält. Zum Beispiel, dass er zwei Stunden später Stuttgarter Bürger sein wird…

Der letzte Abend, die große Gala, Ballett im Park. Auch die Festwoche ist wahnsinnig schnell vorbeigegangen. Angelika Schröder ist mir fast täglich über den Weg gelaufen und hat immer wieder davon geschwärmt, wie toll jeder einzelne Abend war. Sie kommt aus Berlin und hat Balletturlaub in Stuttgart gemacht, mit drei Rauhaardackeln im Gepäck. Nein, die waren natürlich nicht mit im Opernhaus, haben aber dafür gesorgt, dass sie von den kommunikativen Stuttgartern ständig angesprochen wurde. „Ich bin ganz wehmütig, dass es heute Abend vorbei ist“, sagt sie. „Stuttgart ist halt viel schöner als Berlin“, meine ich. Sie lacht. „Was das Ballett angeht, auf jeden Fall!“ Der Park füllt sich langsam, die Stimmung ist wunderbar, die Sonne scheint. Heute kein Regen! Am Merchandising-Stand sind die T-Shirts der Renner.

Die Ballett-T-Shirts laufen gut am Merchandise-Stand! Foto: Elisabeth Kabatek

Die Ballett-T-Shirts laufen gut am Merchandise-Stand! Foto: Elisabeth Kabatek

Im Opernhaus treffen allmählich die Ehrengäste ein. Ich bitte Birgit Keil und Egon Madsen, zwei der vier großen Stars aus Crankos Zeiten, um ein Foto. „Georgette muss dazu!“, ruft Birgit Keil. Natürlich muss Georgette Tsinguirides mit aufs Bild. Was ist ihr Resumée der Woche? „Da fragen Sie mich was! Wir sind alle am Ende. Aber toll!“ Ausnahmsweise suche nicht ich meinen Platz, sondern ein Gast streckt mir hilfesuchend seine Karte unter die Nase. „Kennen Sie sich hier aus?“ Na ja, ein bisschen. Der Gast ist Johannes Öhmann, Direktor des Royal Swedish Ballett in Stockholm, eine der ältesten Ballettcompagnien Europas. Eigentlich ist er im Urlaub. Er zeigt mir Fotos von seinem idyllischen Sommerhaus in den Stockholmer Schären, von wo aus er heute Morgen aufgebrochen ist. Die Gala wollte er auf keinen Fall verpassen, Urlaub hin oder her. „We are all friends“, meint er, als ich ihn nach seinen Verbindungen nach Stuttgart frage, und dann lobt er den extrem hohen Standard der John Cranko Schule und des Stuttgarter Balletts.

Georgette Tsinguirides, Egon Madsen und Birgit Keil vor der Vorstellung, Foto: Elisabeth Kabatek

Georgette Tsinguirides, Egon Madsen und Birgit Keil vor der Vorstellung, Foto: Elisabeth Kabatek

Die Gala beginnt, Tamas Detrich begrüßt Publikum und Ehrengäste. Sichtlich bewegt dankt er seinem Chef: „Es ist nicht, WAS du in diesen 20 Jahren gemacht hast, es ist WIE du es gemacht hast!“ Er verbeugt sich und zieht einen silbernen Zylinder. „Chapeau!“ Da wissen wir noch nicht, welche Rolle dieser Zylinder am Ende der Gala spielen wird…

„Abbitte“ leistet Ministerpräsident Winfried Kretschmann bei Reid Anderson dafür, dass es mit dem Neubau der John Cranko Schule so lange gedauert hat. „Das Stuttgarter Ballett ist DAS kulturelle Aushängeschild Baden-Württembergs, ein Juwel in unserem Land!“ Als Nächstes werden Reid Anderson und Tamas Detrich vor den Augen des Publikums mal eben von Oberbürgermeister Fritz Kuhn eingebürgert. Kein Witz. Beide haben einen Antrag auf deutsche Staatsbürgerschaft gestellt (ohne die eigene abzugeben, natürlich), und Fritz Kuhn hat nicht nur eine Rede, sondern auch die Urkunden im Gepäck! Mit diesem Coup gelingt es dem Oberbürgermeister, dass es beiden für einen Augenblick die Sprache verschlägt. Sehr clever, das, „denn jetzt bleiben Sie uns erhalten!“ Reid Anderson kontert mit einem sehr überzeugenden, „Ich bin ein Stuttgarter!“ Sehr launig knüpft daran Bundestagspräsident Norbert Lammert an, ausgewiesener Tanzkenner und bekennender Fan des Stuttgarter Balletts. Nach 34 Jahren Stuttgarterfahrung, meint er, erst als Tänzer, dann als Intendant, gibt es „außer der Queen keine zweite Persönlichkeit, die es so lange an der Spitze eines Staatstheaters ausgehalten hat!“

Zwei glückliche neue Stuttgarter: Reid Anderson und Tamas Detrich mit Oberbürgermeister Fritz Kuhn, Foto: Stuttgarter Ballett

Zwei glückliche neue Stuttgarter: Reid Anderson und Tamas Detrich mit Oberbürgermeister Fritz Kuhn, Foto: Stuttgarter Ballett

Genug der Reden. Der Rest des Abends, der Großteil des Abends, gehört dem Ballett. Großartig, dass ich heute noch einmal alle TänzerInnen sehen darf, die die letzten Abende auf der Bühne gestanden sind, nur leider ohne Sue Jin Kang. Und wie sie tanzen und noch einmal das Beste geben, was sie haben, um ihrem Chef zu danken! Klassik und Moderne bunt gemischt, so wie es Reid Anderson immer gehalten hat. Das Erbe pflegen, neue Choreographien fördern. Und so gibt es an diesem Abend sogar vier großartige Uraufführungen, darunter In Short von Itzik Galili (getanzt von Anna Osadcenko und Jason Reilly) und Arcadia von Douglas Lee, getanzt von Alicia Amatriain und Constantine Allen. Der tanzt außerdem sein Rollendebüt im Pas de deux aus John Crankos Schwanensee, und wer die „Widerspenstige“ am Donnerstag verpasst hat, weiß spätestens jetzt, dass Elisa Badenes und Constantine Allen das neue Stuttgarter Tanz-Traumpaar sind.

Sommer, Sonne, Sonnenschein am Sonntag auf der Wiese bei Ballett im Park, Foto: Elisabeth Kabatek

Sommer, Sonne, Sonnenschein am Sonntag auf der Wiese bei Ballett im Park, Foto: Elisabeth Kabatek

In der 2. Pause bin ich bei Sonia Santiago auf der Bühne im Park zu Gast. Hinrennen, kurzes Interview zum Blog, zurückrennen. Ich darf doch auf keinen Fall den 3. Teil verpassen! Semyon Chudin, zum Beispiel, Star des Bolschoi Balletts, der mit Anna Osadcenko ein großartiges Dornröschen tanzt. Das große Finale vor dem Überraschungsschluss liefern Elisa Badenes und Friedemann Vogel in Tschaikowskys Pas de deux, in der Choreographie von George Balanchine. Die beiden drehen Pirouetten, dass ich schon beim Zugucken den Drehwurm kriege, und heben die Gesetze der Schwerkraft komplett auf. Atemberaubend! Das Publikum trampelt und tobt. Dann geht das Licht an. Was kann denn jetzt noch kommen, nach so einem Abend! Im Programm steht nur Finale. Knisternde Spannung.

Gala-Finale: Die Superhelden des Stuttgarter Balletts und das gesamte Ensemble, Foto: Stuttgarter Ballett

Gala-Finale: Die Superhelden des Stuttgarter Balletts und das gesamte Ensemble, Foto: Stuttgarter Ballett
Finale der Ballettgala: Erste Solisten des Stuttgarter Balletts als Superhelden, Ensemble des Stuttgarter Balletts
(c)Stuttgarter Ballett

He’s the one. Wann hat man schon einmal eine komplette Ballettcompagnie singen hören? Denn das ist die Überraschung. Im fulminanten Finale singt und tanzt das Stuttgarter Ballett das Finale des Musicals „A Chorus Line“, umgedichtet auf Reid Anderson. Dazu dreht sich eine Discokugel und auf die Wände des Opernhauses wird der Schriftzug „Reid – 20 years“ projiziert.

Lichtershow im Opernhaus: Danke, Reid! Foto: Elisabeth Kabatek

´Lichtershow im Opernhaus: Danke, Reid! Foto: Elisabeth Kabatek

Ja, sie singen, in glitzernden Kostümen mit silbernen Zylindern, so wie der, den Tamas Detrich am Anfang getragen hat, und sie machen das richtig gut! Und nun erscheinen auch noch die SolistInnen in ihren Superhelden-Kostümen, Wonderfeet, Elastorina, Captain Fantastic und alle anderen. Damit nicht genug, wird hinten ein Transparent entrollt: Lieber Reid, danke für 20 tolle Jahre, dein Stuttgarter Ballett. Der, um den sich alles dreht, kommt endlich auf die Bühne und kann endlich beklatscht werden. Aber nicht für lange, denn schließlich wartet das Publikum im Park!

Gute Stimmung auf dem Balkon: Schlussapplaus für die Ballett im Park-Besucher, Foto: Elisabeth Kabatek

Gute Stimmung auf dem Balkon: Schlussapplaus für die Ballett im Park-Besucher, Foto: Elisabeth Kabatek

Schnell rennen alle hinauf in den 3. Rang. Ich laufe mit und frage auf dem Weg Alexander McGowan, wie oft sie den Schluss geprobt haben. „Fünf, sechsmal vielleicht. Wir sind halt Tänzer, keine Sänger. Es war für ihn!“ ER weiß jetzt auch, warum man ihn in den letzten Tagen so oft in die Kantine zum Essen geschickt hat. Reid Anderson hält noch eine kurze Rede auf dem Balkon, nachdem sich die Compagnie den Jubel der BesucherInnen im Park abgeholt hat. „Das war wahrscheinlich die beste Gala, die ich in meinem ganzen Leben gesehen habe“, sagt er. „Alles, an was ich glaube, habe ich heute Abend auf der Bühne gesehen. Ihr habt einen sehr glücklichen Menschen aus mir gemacht.“

Der letzte Vorhang ist gefallen. Kein Stück Pizza mehr am Schlossplatz auf dem Heimweg, keine Nachtschichten mehr, um den Blog zu schreiben, die längste bis zwanzig nach drei. Die Festwoche ist vorbei. Wie konnte es so bloß so weit kommen? Was mache ich morgen Abend? Ich sehe schon das tiefe Loch gähnen, in das ich fallen werde. Das Leben wird wieder normal. Ich werde mich wieder mit Leuten unterhalten können, die nichts mit Ballett am Hut haben; in den letzten Tagen war die Kommunikation etwas schwierig.

Danke für alle Begegnungen, für alle Gespräche! Wenn es ein Leitmotiv gab für mich in diesen Tagen, dann das altmodisch klingende Wort Hingabe. In doppeltem Sinne: zum einen die des Stuttgarter Balletts an seine Arbeit. Damit meine ich gewiss nicht nur die, die vorne im Rampenlicht stehen, sondern alle, die hier am Gesamtkunstwerk stricken, auch die hinter den Kulissen, die normalerweise für das Publikum nicht sichtbar sind. Diese Hingabe gilt aber auch für das Stuttgarter Publikum. Egal, mit wem ich in den letzten zehn Tagen gesprochen habe – TänzerInnen, ChoreographInnen, DirektorInnen, KritikerInnen, sie alle sind einhellig derselben Meinung: Das Stuttgarter Publikum ist das beste der Welt!

Jetzt ist Sommerpause. Alle haben sie dringend nötig. Aber es geht ja weiter im Herbst! Noch zwei Jahre mit Reid Anderson, und dann übernimmt Tamas Detrich. Es geht weiter, in Stuttgart, und nicht nur hier, sondern an vielen anderen Orten in der Welt, die mit dem Stuttgarter Ballett vernetzt sind. Freuen wir uns drauf. Danke, Reid!


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Kabatek bloggt: „Wer ganz nach oben will, muss Demut lernen“

Ballett im Park bei jedem Wetter - auch bei Regen und Sonne gleichzeitig!, Foto: Elisabeth Kabatek

Ballett im Park bei jedem Wetter – auch bei Regen und Sonne gleichzeitig!, Foto: Elisabeth Kabatek

Nach dem emotionalen Rollercoaster des Abschieds von Sue Jin Kang ist heute ein fröhlicher Abend angesagt. Der Nachwuchs darf bei der Gala der John Cranko Schule zeigen, was er kann, und es ist der erste der beiden Abende von Ballett im Park. Um sieben geht’s los. Kurz nach sechs ballen sich am Himmel graue Wolken und ein heftiger Schauer geht nieder, bei gleichzeitigem Sonnenschein. Die Wiese am Eckensee ist schon gut besetzt. Niemand lässt sich vom Regen in irgendeiner Weise beeindrucken. Das kann doch einen Stuttgarter Ballettfan nicht erschüttern! Überall sind schon Picknickdecken ausgebreitet, Babys krabbeln herum, Statisten in barocken Kostümen verteilen Programme. Die erfahrenen BesucherInnen wissen, dass Glasflaschen aus Sicherheitsgründen nicht erlaubt sind, und haben sich ihre Getränke in Plastikflaschen umgefüllt, auch die alkoholischen. Zum Beispiel die drei Damen, die bei meiner Suche nach dem leckersten Picknick die absoluten Gewinnerinnen sind. Sie haben einen Drink gemixt, der sich „Kalte Ente“ nennt und aus Prosecco, Wasser und in Weißwein marinierter Zitronenschale besteht. Außerdem haben sie eine Käseauswahl dabei, die einer französischen Käsetheke würdig wäre. „Die leckersten Sachen haben wir leider schon gefuttert“, meinen sie bedauernd. Zum Beispiel die mit Schafskäse gefüllten Auberginen.

Diese Damen erhalten den Preis für das leckerste Picknick!, Foto: Elisabeth Kabatek

Diese Damen erhalten den Preis für das leckerste Picknick!, Foto: Elisabeth Kabatek

Macht nichts, das mit Walnuss und Gorgonzola gefüllte Teilchen, das ich probieren darf, schmeckt köstlich. Zum zweiten Mal haben sich die Freundinnen zu Ballett im Park verabredet. „Letztes Jahr war es soo toll. Aber wir haben gelernt, dass man früher kommen muss, um einen besseren Platz zu ergattern.“ Da könnte ich mich jetzt niederlassen und mitfuttern, so wie Sonia Santiago, die die Moderation auf der Bühne macht, es vorgeschlagen hat. „Schmuggeln Sie sich doch einfach bei jemandem auf die Picknickdecke.“ Sie erinnert außerdem daran, dass Ballett im Park Jubiläum hat: 20 Jahre Intendanz Reid Anderson, 10 Jahre Ballett im Park. Mit Schwanensee hat es 2007 angefangen. Mittlerweile ist Ballett im Park aus dem Stuttgarter Sommer nicht mehr wegzudenken. Unterm Baum sitzt eine Stuttgarterin mit Besuch aus München. An ihrer entspannten Haltung mit Prosecco in der Hand erkennt man den Ballett-im-Park-Vollprofi, der Gast aus München ist zum ersten Mal da und einfach nur neugierig. „Ich war bestimmt schon sechsmal hier“, erzählt sie. „Ich habe einen Enkel, der früher sechs Jahre bei der John Cranko Schule getanzt hat. Da verfolgt man es automatisch weiter.“ Falafelburger und Rote Würste wandern an mir vorbei, und ich wandere ins Opernhaus, um Tadeusz Matazc, den Direktor der John Cranko Schule, vor der Vorstellung zu treffen.

Unsere Blog-Autorin Elisabeth Kabatek mit John Cranko Schul-Direktor Tadeusz Matacz

Unsere Blog-Autorin Elisabeth Kabatek mit John Cranko Schul-Direktor Tadeusz Matacz

Was ist das Geheimnis des Erfolgs der John Cranko Schule, Herr Matacz? !Die Zugehörigkeit zum Stuttgarter Ballett, die engen Verbindungen. An anderen Orten sind die Ballettschulen den Hochschulen angegliedert.! Und wie läuft das mit der Talentsuche – Pablo von Sternenfels beispielsweise ist über den renommierten Wettbewerb Youth American Grand Prix (YAGP) an die John Cranko Schule gekommen und hat beim Stuttgarter Ballett eine fantastische Karriere hingelegt. Ist das der normale Weg? „Michael Jackson und der Hip Hop haben dem Tanz einen wahnsinnigen Schub verpasst. Plötzlich wollte jeder tanzen. Aber nach einer Weile hat man gesehen, dass man einen breit trainierten Nachwuchs braucht. Ohne die Wettbewerbe könnte man das gar nicht filtern. Allein in Japan gibt es 15.000 Privatschulen!“ Den interessantesten Nachwuchs sieht er im Moment übrigens in Lateinamerika, vor allem in Mexiko. „Da gehen viele Talente aus sozialen Projekten hervor.“ Wie zur Bestätigung treffe ich in der Pause zufällig Sara Collier, die im Norden Mexikos eine Ballettschule hat; einer ihrer Schüler hat es ans Hamburger Ballett geschafft. Sieht Matacz sofort, welches Potenzial in einem Tänzer steckt, ob er es ganz an die Spitze schaffen kann? Er nickt. „Ja, das sehe ich sofort, ich mache den Job schon so lange. Aber es ist ja nicht nur das Talent. Die TänzerInnen müssen erst einmal Demut lernen. Sie müssen lernen, einer von vielen zu sein. Nur wer Demut lernt, schafft es ganz nach oben.“ Demut. Wieder so ein altmodisches Wort, wie das Wort Hingabe, mit dem Harold Woetzel, der Regisseur des SWR-Films, die TänzerInnen des Stuttgarter Balletts charakterisiert hat. Demut, Hingabe, Disziplin. Tugenden, die anderswo längst aus der Mode gekommen sind, scheinen im Ballett von fundamentaler Bedeutung zu sein. Träumt denn jede/r davon, einmal ganz vorn zu stehen? Ja, sagt er, niemand gibt sich freiwillig mit der zweiten Reihe zufrieden, und das ist ja eigentlich ganz normal. Wenn es dann nicht so klappt, ist die Realität oft hart.

Natürlich müssen wir auch noch kurz über den Neubau der John Cranko Schule sprechen. „Chapeau, Reid“, sagt Matacz. Jahrelang hat dieser für den Neubau gekämpft und die schlechten Bedingungen in der alten Schule angeprangert, die einer Talentschmiede mit Weltruf einfach nicht angemessen sind. Im Moment tut sich ihr Direktor ein wenig schwer damit, sich das fertige, große Ganze vorzustellen. Er fühlt sich mehr als eine Mischung aus Architekt, Bauingenieur und Handwerker, weil er über Steckdosen, ISDN-Anschlüsse und Raumtemperaturen entscheiden muss. „Es gibt kein Handbuch für Ballettschulen“, meint er. „Das ist die einzige Ballettschule, die in Deutschland neu gebaut wird, wahrscheinlich für die nächsten fünfzig Jahre. Das ist ein epochales Ereignis.“

Der nächste Frühling kommt bestimmt! Eun-Sil Kim und Nikita Korneev in Demis Volpis "Winter" aus Die vier Jahreszeiten, Foto: Stuttgarter Ballett

Der nächste Frühling kommt bestimmt! Eun-Sil Kim und Nikita Korneev in Demis Volpis „Winter“ aus Die vier Jahreszeiten, Foto: Stuttgarter Ballett

Nun aber genug der Theorie, ab in die Vorstellung! Die beginnt mit einer Uraufführung. Ein Projekt von unglaublichem Charme: die John Cranko Schule tanzt die Vier Jahreszeiten von Vivaldi. Jede Jahreszeit wurde von einem ehemaligen Schüler bzw. einer Schülerin der John Cranko Schule choreographiert: Katarzyna Kozielska, Louis Stiens, Fabio Adorisio und Demis Volpi. Besonders schön sind dabei die fließenden Übergänge zwischen den Jahreszeiten, so dass trotz der unterschiedlichen ChoreographInnen ein einziges Stück entsteht, mit wunderschönen Kostümen des ehemaligen Tänzers Thomas Lempertz (der, raten Sie mal, auf welcher Schule war?). Und was für eine unglaubliche tänzerische Qualität diese zum Teil sehr, sehr jungen TänzerInnen da auf die Bühne bringen! Herausragend sind vor allem Eun-Sil Kim und Nikita Korneev, die den Winter tanzen. Sie verharren beide noch im eisgrauen Kostüm in ihrer Schlusspose, da läuft ein Mädchen im „Frühling“-Kostüm auf die Bühne, mit einer roten Blume in der Hand – der Kreislauf der Jahreszeiten beginnt von neuem. Ein wunderschönes Schlussbild!

Applaus für alle: Schülerinnen und Schüler der John Cranko Schule, der École de Danse de l'Opéra national de Paris, der Royal Ballet School, London, von Canada's National Ballet School und der ballettschule des Hamburg Ballett John Neumeier mit ihren DirektorInnen nach der Gala, Foto: Stuttgarter Ballett

Großer Applaus für alle: Schülerinnen und Schüler der John Cranko Schule, der École de Danse de l’Opéra National de Paris, der Royal Ballet School London, von Canada’s National Ballet School und der Ballettschule des Hamburg Ballett John Neumeier mit ihren DirektorInnen nach der Gala, Foto: Stuttgarter Ballett

Im zweiten Teil zeigen die Gastschulen aus Paris, London, Toronto und Hamburg, was sie können. Am meisten Applaus bekommen Daina Zolty und Siphe November aus Kanada für „I loves you Porgy“ und Olivia Betteridge und Borja Bermúdez de Castro aus Hamburg für „Molly! Do you love me?“ Das hat so viel Humor, dass ein Kind im Publikum vor dem Schlussapplaus unüberhörbar herauslacht. Die John Cranko Schule darf den Abschluss machen, mit Etüden von Tadeusz und Barbara Matacz. Die Bühne wird zum Wettbewerb der Tänzer, „wer springt am weitesten/höchsten“, und schließlich zum Wimmelbild unzähliger SchülerInnen in sehr unterschiedlichen Körpergrößen. Die legen alle noch einmal ein atemberaubendes Tempo vor. Dann ein bezauberndes Schlussbild, rauschender Applaus für alle Schulen und ihre PädagogInnen. Ein Ballettabend, der unglaublich viel Spaß gemacht hat. Nein, um den Nachwuchs und die Zukunft des Ballets muss man sich nicht nur in Stuttgart wirklich keine Sorgen machen. Draußen hat’s geregnet, aber anscheinend ist fast keiner gegangen.

Morgen ist die große Abschlussgala, 17 Uhr. Finale, und Schluss. Es gibt noch freie Plätze auf der Wiese. Lassen Sie die Glasflaschen zu Hause, bringen Sie stattdessen ein Regencape mit, und ein paar Häppchen mehr für die Nachbarn links und rechts auf der Wiese. Und halten Sie sich schon mal den 8. und 9. Juli 2017 für Ballett im Park frei.


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EMAIL AUS … NEW YORK (KATARZYNA KOZIELSKA UND DANIEL CAMARGO)

Katarzyna Kozielska und Daniel Camargo nach der YAGP Gala in New York, Foto: privat

Katarzyna Kozielska und Daniel Camargo nach der YAGP Gala in New York, Foto: privat

An unser liebes Publikum und unsere Fans,

wir schreiben euch aus der „BAM“, der Brooklyn Academy of Music in New York! Daniel hat hier bei der Gala des Youth America Grand Prix „Stars of today meet stars of tomorrow“ das Solo Firebreather getanzt, das ich für ihn choreographiert habe, und den Pas de Deux aus Diana und Actaeon mit einer Solistin vom American Ballet Theatre.

Wie ihr auf dem Foto sehen könnt, sind wir bereits in den Party-Teil des Abends übergegangen, denn Daniel ist gerade fertig mit der Vorstellung. Die Gala war toll und die Zuschauer waren begeistert. Am 29. April wird sie nochmal aufgeführt – also falls einer von euch Stuttgartern gerade in New York sein sollte, kommt vorbei! Wir freuen uns!!!

Alles liebe,

Katarzyna und Daniel