Stuttgarter Ballett Blog


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Kabatek bloggt!: Danke, Reid!

Höhepunkt und Abschied: Der krönende Abschluss der Festwoche A Reid Anderson Celebration

Es ist nicht zu fassen. Kurz vor halb vier öffnen sich die Schleusen des Himmels. Platzregen! Der hält auch eine ganze Weile an. Und trotzdem gibt es viele, viele Tapfere, die sich davon nicht schrecken lassen und mit Schirm und Regencapes Ballett im Park genießen. Belohnt werden sie mit einem mehr als fünfstündigen, umwerfenden Programm!

Vor der Gala treffe ich mich mit der wunderbaren Sue Jin Kang. Vom Stuttgarter Publikum vergöttert, tanzte sie vor zwei Jahren bei der Festwoche zur 20-jährigen Intendanz von Reid Anderson ihre Abschiedsvorstellung – Onegin mit Jason Reilly. Wie ist es, zurück in Stuttgart zu sein?
„Immer schön“, lacht sie, diese wunderschöne Frau, die überhaupt nicht zu altern scheint. „Ich war so viele Jahre hier, Stuttgart ist immer noch meine zweite Heimat.“
Die zweite Frage, nämlich, ob die Leute sie immer noch erkennen, kann ich mir eigentlich sparen. Unser Gespräch wird nämlich ständig von Freudenschreien unterbrochen, und dann stürzen sich Ballettbesucher auf Sue Jin und küssen und umarmen sie. Keine Frage, das Publikum kennt und liebt sie noch immer!
„Tanzen Sie noch?“ Sie schüttelt den Kopf. „Die letzte Vorstellung hier, das war meine Abschiedsvorstellung. Das bleibt mir für immer. Wenn ich noch auf der Bühne stehen wollte, dann müsste ich viel trainieren, dann könnte ich meine Arbeit nicht machen. Ich trainiere für mich, dass schon, aber nur so viel, wie mein Körper braucht, und damit ich gegebenenfalls meiner Compagnie etwas vortanzen kann. Als ich früher beim Ballett war, habe ich immer sehr viele Übungen gemacht, und ich habe das als Gewohnheit beibehalten.“
Vermisst sie das Tanzen nicht? „Ich bin nicht traurig, dass ich nicht mehr tanze. Ich habe immer Schmerzen gehabt, als ich getanzt habe, aber das war nicht schlimm – ich wollte immer etwas weitergeben an die nächste Generation. Aber es ist schön, dass ich jetzt keine Schmerzen mehr habe!“ Nicht umsonst nannte Anderson Sue Jin seinen „Eisernen Schmetterling!“
„Wie geht es Ihnen in Korea, als Direktorin des Koreanischen Nationalballetts?“
„Es geht mir gut! Ich habe 90 Tänzerinnen und Tänzer und 120 Leute für das Drumherum. Ich bin jetzt gut ausgestattet, besser als am Anfang. Ballett wird in Korea immer mehr wertgeschätzt! Nicht ganz so wie Fußball, aber doch!“
„Ich habe mir mal das Repertoire angeschaut. Sie haben auch Christian Spuck im Programm. Wie kam das in Korea an?“
„Sehr gut! Bevor ich kam, wurden in Korea vor allem klassische Stücke wie Schwanensee getanzt. Die Tänzerinnen und Tänzer waren auch sehr klassisch, und sie mussten sich erst umstellen, dass sie nun ganz unterschiedliche Stücke machen – anfangs fiel ihnen das schwer. Jetzt sind sie viel flexibler. Christian Spucks Anna Karenina hat das Publikum sofort geliebt. Auch Der Widerspenstigen Zähmung kam sehr gut an, und den Tänzerinnen und Tänzern hat das sehr viel Spaß gemacht. Handlungsballette sind ein Geschenk für das Publikum!“
„Hat Reid Anderson Sie schon in Korea besucht?“
„Bisher hat er keine Zeit gehabt. Ich hoffe, er schafft es irgendwann!“
„Was geht Ihnen heute, bei seinem Abschied durch den Kopf?“
„Wir haben immer viel miteinander geredet, er war immer hilfsbereit. Ich kann nur ein Wort sagen: Danke! Das hat ganz viele Bedeutungen, nicht nur eine, und er weiß, was ich meine. Ich hoffe, er genießt das Leben jetzt, in dieser anderen Etappe. Ich wünsche ihm ein gesundes, ein happy life!“ Wir sind kaum aufgestanden, da strahlt ein älterer Herr Sue Jin an. „Sie waren die Allerbeste!“, ruft er aus.

Danke, Reid!, das wird das Motto des Abends. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Balletts tragen dieses Danke auf schwarzen T-Shirts. Tamas Detrich hat noch einen draufgesetzt, sein Danke-T-Shirt glitzert. Nach dem fulminanten Gala-Auftakt – die John Cranko Schule zeigt noch einmal einen Ausschnitt aus den Etüden, bevor die komplette Compagnie zum festlichen Defilee ganz in weiß auf die Bühne kommt – begrüßt der designierte Ballettdirektor die Galagäste. Er kündigt eine Retrospektive XXL an und bittet dann seinen Chef – „Ich sage ganz stolz: Er ist noch mein Boss!“ – auf die Bühne. „I’m going!“, ruft Reid aus der Königsloge, wo er heute zur Feier des Abends sitzt. Nicht in der üblichen Hausloge! Von dort winkt huldvoll Marcia Haydée herunter. Auf der Bühne stehen ein Rednerpult und zwei verschnörkelte Sessel. Reid nimmt Platz und Winfried Kretschmann dankt ihm als Ministerpräsident von Baden-Württemberg in einer sehr persönlichen Rede für die „Ära Anderson.“ Er bedankt sich für 2,5 Millionen Zuschauer, 94 Prozent Auslastung und dafür, dass 62 Prozent der Tänzerinnen und Tänzer „selbstgebacken“ aus der John Cranko Schule kamen. Er bescheinigt Reid Anderson, dass er Stuttgart durch die Internationalität offener und toleranter gemacht hat. „Und dass sich das Ballettwunder im protestantischen Schwaben ereignet hat, macht es noch größer!“ Zum Abschluss gelingt es Winfried Kretschmann nun sogar, den ansonsten wirklich nicht auf den Mund gefallenen Noch-Intendanten sprachlos zu machen – und gerührt. Er überreicht ihm nämlich die Große Staufermedaille in Gold – „Die seltenste Auszeichnung des Landes Baden-Württemberg!“

Als Nächstes – das Ballett wird zur einen Hälfte vom Land, zur anderen von der Stadt Stuttgart finanziert – bedankt sich Oberbürgermeister Fritz Kuhn für alles, was Reid Anderson für die Stadt getan hat. Er hofft, dass ihm noch ein langes Leben beschieden ist – „Aber wenn Sie dann in den Himmel kommen, dann werden Sie sicher als Erstes mit den Engeln eine Tanzcompagnie gründen!“

Dann hält Marcia Haydée eine Laudatio, in der sie sich nicht nur dafür bedankt, dass Reid Anderson sie nach dem offiziellen Ende ihrer Karriere von der Schwäbischen Alb zurück ans Ballett gelockt hat, und ihr mit Altersrollen wie der Amme in Onegin oder Romeo und Julia eine zweite Karriere beschert hat, sondern sie erzählt auch sehr lustige Anekdoten aus der Zeit, als sie mit Reid zusammen getanzt hat. Vor allem aber dankt sie ihm dafür, dass sie bis heute Teil des Stuttgarter Ballettwunders ist!

Alicia Amatriain und Friedemann Vogel nach Onegin, © Elisabeth Kabatek

Nun aber, endlich, nach all den Reden, wird getanzt! Und WIE getanzt wird. Um siebzehn Uhr hat die Gala begonnen; als die Gäste das Opernhaus verlassen, ist es kurz vor dreiundzwanzig Uhr! Wenn man alle Stücke dieses Abends zusammenzählt, kommt man auf zweiundzwanzig. Zweiundzwanzig Stücke für zweiundzwanzig Jahre Intendanz, chronologisch mit Romeo und Julia (1996/97) beginnend und (nicht chronologisch) mit Onegin endend, bevor das rauschende Finale beginnt. Es sind zu viele Stücke, um sie einzeln zu beschreiben. Es sind überwiegend Pas de deux, zu jeder Choreographie wird ein riesiges Foto mit Namen und Bild der ursprünglichen Besetzung projiziert. Dies ist der Abend, an dem vor allem die Solistinnen und Solisten Reid Anderson ihre Referenz erweisen. Eine Leistungsschau sondergleichen, und das nach einer kräftezehrenden Festwoche! Aber niemand wirkt an diesem Abend müde. Nicht Hyo-Jung Kang und Jason Reilly, die die Balkonszene aus Romeo und Julia auch ohne Balkon herzzerreißend tanzen. Nicht Alicia Amatriain, Roman Novitzky und Martí Fernández Paixà, die in der Suite von Uwe Scholz einen wunderschönen Pas de trois tanzen, in dem Alicia wie das Bindeglied zwischen den beiden Männern wirkt, eine Choreographie, die mit einem wunderschönen Moment der Verbundenheit endet. Und schon gar nicht Elisa Badenes und Gasttänzer Daniel Camargo, die das Publikum gleich zweimal zu Begeisterungsstürmen und lauten Bravo-Rufen hinreißen, einmal in Maximiliano Guerras Don Quijote und einmal in Crankos Der Widerspenstigen Zähmung. Wie Daniel springt und wie Elisa Pirouetten dreht – das ist einfach sensationell! Dies ist ein Abend der Höchstleistungen, und man spürt, wie hier alle noch einmal ihre Kräfte mobilisieren, um sich bei ihrem geliebten Intendanten zu bedanken und zu verabschieden. Der Gänsehaut-Moment des Abends ist der Pas de deux aus John Neumeiers Othello, getanzt von Gast-Tänzerin Anna Laudere und Jason Reilly. Kann man die Liebesbeziehung zweier Menschen zärtlicher und anrührender darstellen – und tanzen? Wohl kaum! Jedenfalls hält das ganze Publikum hörbar den Atem an.

Elisa Badenes und Jason Reilly, © Elisabeth Kabatek

In der zweiten Pause bin ich kurz hinter der Bühne, für ein kurzes Interview mit Sonia Santiago, die Ballett im Park moderiert. „Noch immer nicht im Tutu?“, fragt mich Friedemann Vogel grinsend. Äh – nein, und das ist auch besser so! Haben Sie sich schon einmal gefragt, was Ballettstars in der Pause machen? Hängen sie erschöpft in der Ecke und saugen an ihrer Wasserflasche? Nein, sie sind alle irgendwo auf der Bühne und dehnen, und sie sehen kein bisschen müde aus! Nach der zweiten Pause geht es Schlag auf Schlag: Friedemann Vogel tanzt ein Solo aus Marco Goeckes Orlando, das Publikum tobt, und so geht es nun weiter bis zum Schluss, denn nach jedem Stück gibt es Grund zu toben. Natürlich darf Die Kameliendame nicht fehlen, Roman Novitzky tanzt die Rolle des Vaters, die John Neumeier 1978 für Reid Anderson kreierte. Übrigens wird die Kameliendame in der nächsten Spielzeit wieder aufgenommen! Kurz vor Schluss gibt es noch das saukomische Spuck-Stück Le Grand Pas de deux. Man merkt Elisa Badenes und Jason Reilly an, was sie für einen Riesen-Spaß haben. Elisa tanzt mit Brille und Handtäschchen und macht mit ihrem Tanzpartner, der sie auch mal reichlich unsanft über die Bühne schleift, so einiges mit. Humor im Ballett, das ist sauschwer, hat Rolando D’Alesio vor ein paar Tagen zu mir gesagt. Die Mischung aus Komik und tänzerischer Höchstleistung machen das Stück zu einem der umjubelsten des Abends. Das letzte Stück vor dem Finale ist der Schluss von Onegin, getanzt von Alicia und Friedemann. Wie die beiden es schaffen, von Null auf Hundert in diese hochdramatische Szene einzutauchen und das Publikum zu Tränen zu rühren – unfassbar!

Unfassbar ist auch das Programm, das Tamas Detrich zusammengestellt hat, um seinem Chef zu danken und ihn zu verabschieden. Wie im Flug ist der Abend mit diesen Weltklasse-Tänzerinnen und – Tänzern vergangen. Beim rauschenden Finale, mit dem Tamas Detrich den Bogen schlägt zur Gala vor zwei Jahren, erweist die ganze Compagnie ihrem scheidenden Intendanten singend und tanzend die Referenz, bevor die Solistinnen und Solisten im Hintergrund aufmarschieren. „Danke, Reid!“, wird in riesigen Buchstaben auf die Decke des Opernhauses projiziert, und nun, endlich, darf sich auch das Publikum bedanken, mit den Plakaten, die es Reid entgegenstreckt, und auf denen – wie könnte es anders sein – Danke, Reid!, steht. Der kommt endlich auf die Bühne, und nun wird umarmt und geküsst und gelacht und sicherlich auch geweint, bevor viele Gäste und Wegbegleiter Reid mit einer Rose und einer Umarmung verabschieden – Sue Jin, Bridget Breiner, Christian Spuck. Eric Gauthier wirft sich vor Reid auf den Boden, und der wiederum schnappt sich Georgette Tsinguirides und hebt sie hoch und drückt sie. All dies unter dem tosenden Applaus des Publikums, das längst aufgesprungen ist, auch den Ministerpräsidenten und den Oberbürgermeister hält es nicht mehr auf ihren Sitzen, und noch immer streckt das Publikum Reid seine Dankes-Herzen entgegen – und der bedankt sich schließlich mit einer sehr, sehr komischen, selbstironischen Stepp-Improvisation zwischen Luftballons beim Publikum, bis zum Schluss der perfekte Entertainer.

Schlussapplaus, © Elisabeth Kabatek

Und nun ist alles gut. Es ist gut, dass es ein Ende gefunden hat, denn irgendwann muss auch die schönste Festwoche zu Ende gehen, auf Dauer hält das ja kein Mensch durch, der scheidende und der neue Intendant nicht, die Tänzerinnen und Tänzer nicht, die Leute hinter den Kulissen nicht, das Publikum nicht, und auch nicht die Bloggerin. All die Emotionen der vergangenen Tage, sie müssen erst einmal verarbeitet und verdaut werden, all diese traumhaft schönen Momente im Ballett. Es wird gut sein, wieder zu normalen Zeiten ins Bett gehen zu dürfen. Auch wenn ich schon befürchte: Morgen wird etwas fehlen, es wird ein wenig leer sein und ein wenig melancholisch. Aber die gute Nachricht ist: Es ist ein Abschied. Kein Ende! Ein Neuanfang im Herbst mit Tamas Detrich. Oder, um Alicia Amatriain noch einmal zu zitieren: Ein Weitergehen. Danke, Reid. Alles Gute! Und alles Gute, Tamas Detrich – wir freuen uns drauf!

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Kabatek bloggt!: Wer sind die Superstars von morgen?

Bei der Gala der John Cranko Schule gibt der Nachwuchs alles

Es ist der Morgen vor der Gala der John Cranko Schule, und es regnet. Nach all den trockenen Tagen, ausgerechnet heute! Den Tänzerinnen und Tänzern, die gestern Abend größtenteils auf der Bühne standen, um einen grandiosen Onegin abzuliefern, war nur eine kurze Nacht beschieden. Praktisch die komplette Compagnie steht hinter der Bühne parat – Generalprobe für die Gala! Sie sind alle in voller Montur und perfekt geschminkt und warten auf ihren Auftritt, die Generalprobe ist wie der Ernstfall, und es ist gar nicht so einfach, über die Bühne zu kommen, denn Tutus benötigen ziemlich viel Platz um sich herum, wie ich schnell lerne. Tadeusz Matacz, der Direktor der John Cranko Schule, braucht noch ein paar Minuten. Er kann sich gerne Zeit lassen, so lange darf ich im Parkett bei der Generalprobe zuschauen – und natürlich nichts davon verraten! Die Luft knistert geradezu vor Anspannung und Konzentration, ein ganzer Trupp von Leuten beobachtet die Probe, Tamas Detrich gibt per Mikrofon Anweisungen auf Englisch und ruft einmal „Ruhe, bitte!“ Er ist schließlich für die komplette Gala verantwortlich, Reid Anderson wurde in Urlaub geschickt, damit er nicht einmal die Musik zu den Proben durch die Gänge des Opernhauses schallen hört, denn dann wüsste er natürlich sofort, was heute getanzt wird! Und außerdem soll das Wetter bis zum Nachmittag gut werden!

Am Samstag aber geht es erst einmal um den Nachwuchs – um die John Cranko Schule und ihren Direktor Tadeusz Matacz. Wir sitzen im Foyer im 1. Rang, im Hintergrund ist noch immer die Musik für die Gala zu hören. Vor zwei Jahren hat er mir erzählt, dass er sich beim Bau der Schule fühlt wie eine Mischung aus Architekt, Bauingenieur und Handwerker. Wie sieht es heute aus? Er seufzt. „Es ist nicht besser geworden. Wissen Sie, ich arbeite schon mein ganzes Leben am Ballett. Da geht es immer um schnelles Verarbeiten, um Reaktion, um Geschwindigkeit. Meine Arbeit gleicht der Arbeit in einem Bienenschwarm, man muss unglaublich wach sein. Beim Bau der Schule geht alles viel schleppender, das ist eine ganz andere Herangehensweise, und die Mühlen mahlen langsam. Das ist für mich eine Geduldsprobe. Ich bin der einzige Ballettspezialist in der Runde, seit der Jahrtausendwende versuche ich Architekten und Handwerkern und dem Hochbauamt in endlosen Sitzungen unsere Nutzungsanforderungen zu vermitteln. Wenn ich eines gelernt habe, dann dies: Für mich heißt optimieren, die beste Lösung zu finden. Wir brauchen das, was wir brauchen. Aber mir wird ständig vermittelt, dass die optimale Lösung die billigste ist. “
Und wenn es dann hoffentlich irgendwann geschafft ist, worauf freut er sich dann am meisten?
„Zunächst müssen wir den Umzug schaffen, das wird noch einmal ein riesiges Logistik-Problem. Aber dann haben wir acht Ballettsäle, vier große mit je 210 Quadratmetern und vier kleine mit je 135 Quadratmetern – die kleinen sind so groß wie unser jetziger großer Raum.“
„Und ohne Säulen!“ Diese Säulen, die Reid Anderson in den Wahnsinn getrieben haben!
„Genau, ohne Säulen! Das ist dann Weltniveau, endlich. Die Probebühne wird genauso groß sein wie die Bühne im Opernhaus, wir können dann 1:1 proben. Ich habe gesagt, die Dimensionen müssen so groß sein wie das größte Bühnenbild im Opernhaus, das ist im Moment Lulu, und das könnten wir dort in der Schule machen. Jetzt geht es an das Feintuning, das ist auch nicht so einfach. Stellen Sie sich vor, jetzt wollen die Bauherren spezielle Stühle für die Compagnie gestalten – dabei hocken die bei der Probe immer nur auf dem Boden! Ich habe ja keine Vorbilder, es ist die einzige Ballettschule weltweit, die neu gebaut wird, alle anderen Schulen sind in Gebäuden untergebracht, die umgenutzt wurden. Mit der neuen Schule sind wir endlich konkurrenzfähig.“
„Konkurrenzfähig? Reißt sich der Nachwuchs denn nicht darum, nach Stuttgart zu kommen?“
„Es ist nicht so, dass der Name Stuttgart allein genügt! Weltweit reißen sich alle Ausbildungsstätten um Talente. Wir sprechen hier ja von 14- bis 16-Jährigen. Ein Umzug nach Stuttgart ist für viele ein größeres Problem als ein Umzug in ein englischsprachiges Land, wegen der deutschen Sprache. Wir dürfen uns nicht darauf verlassen, dass wir der Nabel der Welt sind, es ist keine Selbstverständlichkeit.“
„Wenn Sie einen Schüler oder eine Schülerin für die Schule in Betracht ziehen, schauen Sie da auch nach der Persönlichkeit?“
„Heute suchen wir den Nachwuchs vor allem bei Wettbewerben. Die tanzen da vierzig Sekunden bis maximal zwei Minuten. Da muss ich blitzschnell entscheiden. Vortanzen, hier bei uns, das machen wir praktisch nicht mehr, die Bewerbungen kommen alle per Videos. Bei 14-, 15-, 16-Jährigen kann man noch nicht von Persönlichkeit sprechen, die Reife kommt später mit der Erfahrung. Was mich erschreckt: Das technische Niveau klettert immer weiter in die Höhe. Wo sind die Grenzen des menschlichen Könnens? Und dann schauen Sie sich an, was aus Stars wie Michael Jackson wird, wenn man sie zu sehr pusht. Nicht so sehr pushen, nicht so viel anheizen! Ich bremse eher. Unser erster Job ist die Ausbildung.“
Und worauf freut er sich am meisten bei der Gala?
„Ich habe bei der Auswahl natürlich an Reid gedacht. Aber das ist kein Programm, um das Publikum zu blenden, sondern um zu zeigen, wo wir stehen. Vergessen Sie nicht: Das sind Kinder und Jugendliche! Auch wenn sich jetzt schon abzeichnet, dass in den nächsten Jahren drei, vier Superstars aus der Schule kommen.“

Die Superstars von morgen, wird man sie bei der Gala entdecken? Ob das Stuttgarter Publikum mit seinem geschulten Blick schon gesehen hat, wo die Talente schlummern? Zum Glück regnet es abends nicht mehr, die frühere Solistin Sonia Santiago verbreitet bei Ballett im Park als Moderatorin gute Laune. Im Opernhaus sind heute auffällig viele Kinder, wahrscheinlich haben sie Geschwister in der John Cranko Schule oder träumen von einer Karriere beim Ballett. Die Stimmung ist festlich, jeder Platz ist besetzt. Der Abend beginnt mit den älteren Tänzerinnen und Tänzern, die die wunderschöne Choreographie Air! von Uwe Scholz tanzen. Erst dreiundzwanzig Jahre alt war Uwe Scholz, als er dieses zeitlos ästhetische Stück 1982 für das Stuttgarter Ballett (damals unter Marcia Haydée) schuf. Sechs Paare in den Farben Vanille, Schoko und Rost stehen auf der Bühne und tanzen mit großer Leichtigkeit und Freude auf die Musik von Johann Sebastian Bach, die sich ganz wunderbar fürs Ballett eignet. Im zweiten Satz entstehen immer neue, wunderschöne Bilder, die man wegen des langsamen Tempos so richtig auskosten kann – im dritten Satz gibt es eine erste Kostprobe davon, was die Männer an gewaltigen Sprüngen draufhaben! Nach diesem fulminanten Auftakt gibt es eine sehr kurze, sehr bewegende Rede von Tadeusz Matacz.

Reid Anderson, Tadeusz Matacz und SchülerInnen der John Cranko Schule, © Elisabeth Kabatek

„Wie kann man einen langjährigen Freund verabschieden? Alle Worte scheinen mir so unpassend, bis auf diese“ – er deutet auf sein T-Shirt, auf dem „Danke, Reid“, steht. Dann erzählt er die Anekdote, wie er in seiner Anfangszeit als Direktor der John Cranko Schule zum Intendanten ging und ihm tausend Fragen stellte. „Das ist deine Schule, mach, was du willst!“, war die Antwort. Es ist dieser Rückhalt, die Loyalität von Reid Anderson, die Tadeusz Matacz besonders herausstreicht.

Nun aber weiter im Programm, und jetzt gibt es gleich einen Knaller. Aina Oki und Motomi Kiyota tanzen Sylvia Pas de deux von George Balanchine, und die beiden aus Japan stammenden Tänzer sind einfach atemberaubend! Aina dreht Pirouetten, dass einem schon beim Zuschauen schwindlig wird, und Motomi beeindruckt nicht nur in diesem Stück mit ungeheuer hohen und kraftvollen Sprüngen. Dann geht es gerade so weiter, mit Marco Goeckes A Spell on You, von drei Tänzern und einer Tänzerin in rasendem Tempo so unfassbar perfekt getanzt, dass man nicht glauben mag, dass man es hier nicht mit alten Hasen zu tun hat – besonders Navrin Turnbull reißt das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin. Dann kommt schon der nächste Höhepunkt, Wiktoria Byczkowska mit Henrick Erickson und Alexander Smith in Lamento della ninfa. Die norwegische Sängerin Ane Brun hat aus Monteverdis Original einen wunderschönen „barocken Popsong“ gemacht, und man hält den Atem an, wie akrobatisch und gleichzeitig ungeheuer ausdrucksstark vor allem Wiktoria dieses Stück von Stephen Shropshire interpretiert.

Aber dann! Nach der Pause! In den Etüden geben alle noch einmal alles. Es geht Schlag auf Schlag. Alle zusammen, dann die Kleinen (und es fällt schwer, sich ein „Hach, sind die süß“, zu verkneifen), dann die Großen, dann wieder bunt gemischt. In unterschiedlichen Konstellationen zeigen alle noch einmal, was sie draufhaben, bis zum großen gemeinsamen Finale vor einem Banner, auf dem natürlich „Danke, Reid“, steht. Leider fällt der Applaus sehr kurz und verhalten aus. Schade. Man geht ein wenig betrübt nach Hause.

Das haben Sie jetzt nicht wirklich geglaubt, oder? Es gibt natürlich Standing Ovations, für alle Schülerinnen und Schüler, für alle, die sich um ihre Ausbildung kümmern, für Tadeusz Matacz und natürlich Reid Anderson. Nein. Man muss sich um die Zukunft des Stuttgarter Balletts, das seinen Nachwuchs aus der John Cranko Schule rekrutiert, nicht die geringsten Sorgen machen. Im Gegenteil. Auf diesen Nachwuchs darf man sehr gespannt sein und sich riesig freuen! Wir drücken Tadeusz Matacz die Daumen, dass der Neubau zu einem guten Ende findet – der Tag der Einweihung wird ein guter Tag für Stuttgart sein.

Das Wetter hat gehalten, auf meinem Nachhauseweg fängt’s wieder an zu regnen. Glück gehabt! Und nun alle mit dem Picknick und der Decke und vielleicht einem Regenschutz, nur so für alle Fälle, zum Ballett im Park! Zur Gala!


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EMAIL AUS … SAN SEBASTIÁN (ALICIA AMATRIAIN)

Alicia Amatriain bei ihrer Gala in San Sebastián.

Alicia Amatriain bei ihrer Gala in San Sebastián.

Hallo liebe Stuttgarter!

Alles verläuft wunderbar hier in San Sebastián, wo ich eine Gala mit dem Titel „Donostia Bihotzean“ (San Sebastián in meinem Herzen) präsentiere. Wir sind bereit für unsere erste Vorstellung und ich freue mich sehr, die Bühne mit meinen Stuttgarter Kollegen Friedemann Vogel und Martí Fernández Paixà sowie mit meinen internationalen KollegenInnen Marijn Rademaker, Daniel Camargo, Xander Parish, Aya Okumura Ekaterina Osmolkina, and Timothy van Poucke zu teilen.

Ich werde einen Pas de deux aus Onegin, Legende und Aus Holbergs Zeit von John Cranko tanzen, sowie einen Auszug aus Hans van Manen’s Frank Bridge Variations und Katarzyna Kozielskas Lightness in Spirit. Außerdem eine Uraufführung von Fabio Adoriso mit dem Titel Egurra.

Ich möchte meiner Geburtsstadt San Sebastián von ganzem Herzen für den sehr schönen und warmherzigen „Willkommensgruß“, den man mir gestern im Rathaus bereitet hat, danken.

Wie immer vermisse ich Euch, das Stuttgarter Publikum, und freue mich auf das Wiedersehen am Montag!

Küsschen,

Alicia Amatriain


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EMAIL AUS … MEXIKO (KATARZYNA KOZIELSKA)

Feierten Silvester im schönen Cabo San Lucas: Katarzyna Kozielska die Tänzer Tate McRae, Juliette Bosco, Sophia Lucia und Taro Kurachi, Foto: privat

Feierten Silvester im schönen Cabo San Lucas: Katarzyna Kozielska die Tänzer Tate McRae, Juliette Bosco, Sophia Lucia und Taro Kurachi, Foto: privat

Liebe Stuttgarter Ballett Fans,

ich bin momentan in Cabo San Lucas (Mexiko) auf Einladung von Christina Lyon, der Künstlerischen Leiterin und Gründerin der angesehenen Gala de Danza. Ich choreographiere hier für vier talentierte junge Tänzer ein neues Stück, als Finale der Gala, die im März Premiere hat. Ich bin aber nur noch ein paar Tage hier bevor ich in mein geliebtes Zuhause zurückkehre um weiter an Dark Glow zu arbeiten, das bei der Premiere des Ballettabends VERFÜHRUNG! am 3. Februar 2017 beim Stuttgarter Ballett uraufgeführt wird. Vorerst möchte ich euch aber allen von ganzen Herzen ein wunderbares Neues Jahr wünschen. Auf dass 2017 ein magisches und friedliches Jahr wird!

Eure Kasia


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Kabatek bloggt: „Ich bin ein Stuttgarter!“

Schlussapplaus im Operhaus: Reid Anderson und Tamas Detrich auf der Bühne mit dem ganzen Ensemble, Foto: Elisabeth Kabatek

Schlussapplaus im Operhaus: Reid Anderson und Tamas Detrich auf der Bühne mit dem ganzen Ensemble, Foto: Elisabeth Kabatek

„20 Jahre“, wundert sich Reid Anderson im Gespräch mit Sonia Santiago auf der Bühne von Ballett im Park. „Die Tage gehen so wahnsinnig schnell vorbei!“ Da weiß er noch nicht, was der Abend an Überraschungen für ihn bereithält. Zum Beispiel, dass er zwei Stunden später Stuttgarter Bürger sein wird…

Der letzte Abend, die große Gala, Ballett im Park. Auch die Festwoche ist wahnsinnig schnell vorbeigegangen. Angelika Schröder ist mir fast täglich über den Weg gelaufen und hat immer wieder davon geschwärmt, wie toll jeder einzelne Abend war. Sie kommt aus Berlin und hat Balletturlaub in Stuttgart gemacht, mit drei Rauhaardackeln im Gepäck. Nein, die waren natürlich nicht mit im Opernhaus, haben aber dafür gesorgt, dass sie von den kommunikativen Stuttgartern ständig angesprochen wurde. „Ich bin ganz wehmütig, dass es heute Abend vorbei ist“, sagt sie. „Stuttgart ist halt viel schöner als Berlin“, meine ich. Sie lacht. „Was das Ballett angeht, auf jeden Fall!“ Der Park füllt sich langsam, die Stimmung ist wunderbar, die Sonne scheint. Heute kein Regen! Am Merchandising-Stand sind die T-Shirts der Renner.

Die Ballett-T-Shirts laufen gut am Merchandise-Stand! Foto: Elisabeth Kabatek

Die Ballett-T-Shirts laufen gut am Merchandise-Stand! Foto: Elisabeth Kabatek

Im Opernhaus treffen allmählich die Ehrengäste ein. Ich bitte Birgit Keil und Egon Madsen, zwei der vier großen Stars aus Crankos Zeiten, um ein Foto. „Georgette muss dazu!“, ruft Birgit Keil. Natürlich muss Georgette Tsinguirides mit aufs Bild. Was ist ihr Resumée der Woche? „Da fragen Sie mich was! Wir sind alle am Ende. Aber toll!“ Ausnahmsweise suche nicht ich meinen Platz, sondern ein Gast streckt mir hilfesuchend seine Karte unter die Nase. „Kennen Sie sich hier aus?“ Na ja, ein bisschen. Der Gast ist Johannes Öhmann, Direktor des Royal Swedish Ballett in Stockholm, eine der ältesten Ballettcompagnien Europas. Eigentlich ist er im Urlaub. Er zeigt mir Fotos von seinem idyllischen Sommerhaus in den Stockholmer Schären, von wo aus er heute Morgen aufgebrochen ist. Die Gala wollte er auf keinen Fall verpassen, Urlaub hin oder her. „We are all friends“, meint er, als ich ihn nach seinen Verbindungen nach Stuttgart frage, und dann lobt er den extrem hohen Standard der John Cranko Schule und des Stuttgarter Balletts.

Georgette Tsinguirides, Egon Madsen und Birgit Keil vor der Vorstellung, Foto: Elisabeth Kabatek

Georgette Tsinguirides, Egon Madsen und Birgit Keil vor der Vorstellung, Foto: Elisabeth Kabatek

Die Gala beginnt, Tamas Detrich begrüßt Publikum und Ehrengäste. Sichtlich bewegt dankt er seinem Chef: „Es ist nicht, WAS du in diesen 20 Jahren gemacht hast, es ist WIE du es gemacht hast!“ Er verbeugt sich und zieht einen silbernen Zylinder. „Chapeau!“ Da wissen wir noch nicht, welche Rolle dieser Zylinder am Ende der Gala spielen wird…

„Abbitte“ leistet Ministerpräsident Winfried Kretschmann bei Reid Anderson dafür, dass es mit dem Neubau der John Cranko Schule so lange gedauert hat. „Das Stuttgarter Ballett ist DAS kulturelle Aushängeschild Baden-Württembergs, ein Juwel in unserem Land!“ Als Nächstes werden Reid Anderson und Tamas Detrich vor den Augen des Publikums mal eben von Oberbürgermeister Fritz Kuhn eingebürgert. Kein Witz. Beide haben einen Antrag auf deutsche Staatsbürgerschaft gestellt (ohne die eigene abzugeben, natürlich), und Fritz Kuhn hat nicht nur eine Rede, sondern auch die Urkunden im Gepäck! Mit diesem Coup gelingt es dem Oberbürgermeister, dass es beiden für einen Augenblick die Sprache verschlägt. Sehr clever, das, „denn jetzt bleiben Sie uns erhalten!“ Reid Anderson kontert mit einem sehr überzeugenden, „Ich bin ein Stuttgarter!“ Sehr launig knüpft daran Bundestagspräsident Norbert Lammert an, ausgewiesener Tanzkenner und bekennender Fan des Stuttgarter Balletts. Nach 34 Jahren Stuttgarterfahrung, meint er, erst als Tänzer, dann als Intendant, gibt es „außer der Queen keine zweite Persönlichkeit, die es so lange an der Spitze eines Staatstheaters ausgehalten hat!“

Zwei glückliche neue Stuttgarter: Reid Anderson und Tamas Detrich mit Oberbürgermeister Fritz Kuhn, Foto: Stuttgarter Ballett

Zwei glückliche neue Stuttgarter: Reid Anderson und Tamas Detrich mit Oberbürgermeister Fritz Kuhn, Foto: Stuttgarter Ballett

Genug der Reden. Der Rest des Abends, der Großteil des Abends, gehört dem Ballett. Großartig, dass ich heute noch einmal alle TänzerInnen sehen darf, die die letzten Abende auf der Bühne gestanden sind, nur leider ohne Sue Jin Kang. Und wie sie tanzen und noch einmal das Beste geben, was sie haben, um ihrem Chef zu danken! Klassik und Moderne bunt gemischt, so wie es Reid Anderson immer gehalten hat. Das Erbe pflegen, neue Choreographien fördern. Und so gibt es an diesem Abend sogar vier großartige Uraufführungen, darunter In Short von Itzik Galili (getanzt von Anna Osadcenko und Jason Reilly) und Arcadia von Douglas Lee, getanzt von Alicia Amatriain und Constantine Allen. Der tanzt außerdem sein Rollendebüt im Pas de deux aus John Crankos Schwanensee, und wer die „Widerspenstige“ am Donnerstag verpasst hat, weiß spätestens jetzt, dass Elisa Badenes und Constantine Allen das neue Stuttgarter Tanz-Traumpaar sind.

Sommer, Sonne, Sonnenschein am Sonntag auf der Wiese bei Ballett im Park, Foto: Elisabeth Kabatek

Sommer, Sonne, Sonnenschein am Sonntag auf der Wiese bei Ballett im Park, Foto: Elisabeth Kabatek

In der 2. Pause bin ich bei Sonia Santiago auf der Bühne im Park zu Gast. Hinrennen, kurzes Interview zum Blog, zurückrennen. Ich darf doch auf keinen Fall den 3. Teil verpassen! Semyon Chudin, zum Beispiel, Star des Bolschoi Balletts, der mit Anna Osadcenko ein großartiges Dornröschen tanzt. Das große Finale vor dem Überraschungsschluss liefern Elisa Badenes und Friedemann Vogel in Tschaikowskys Pas de deux, in der Choreographie von George Balanchine. Die beiden drehen Pirouetten, dass ich schon beim Zugucken den Drehwurm kriege, und heben die Gesetze der Schwerkraft komplett auf. Atemberaubend! Das Publikum trampelt und tobt. Dann geht das Licht an. Was kann denn jetzt noch kommen, nach so einem Abend! Im Programm steht nur Finale. Knisternde Spannung.

Gala-Finale: Die Superhelden des Stuttgarter Balletts und das gesamte Ensemble, Foto: Stuttgarter Ballett

Gala-Finale: Die Superhelden des Stuttgarter Balletts und das gesamte Ensemble, Foto: Stuttgarter Ballett
Finale der Ballettgala: Erste Solisten des Stuttgarter Balletts als Superhelden, Ensemble des Stuttgarter Balletts
(c)Stuttgarter Ballett

He’s the one. Wann hat man schon einmal eine komplette Ballettcompagnie singen hören? Denn das ist die Überraschung. Im fulminanten Finale singt und tanzt das Stuttgarter Ballett das Finale des Musicals „A Chorus Line“, umgedichtet auf Reid Anderson. Dazu dreht sich eine Discokugel und auf die Wände des Opernhauses wird der Schriftzug „Reid – 20 years“ projiziert.

Lichtershow im Opernhaus: Danke, Reid! Foto: Elisabeth Kabatek

´Lichtershow im Opernhaus: Danke, Reid! Foto: Elisabeth Kabatek

Ja, sie singen, in glitzernden Kostümen mit silbernen Zylindern, so wie der, den Tamas Detrich am Anfang getragen hat, und sie machen das richtig gut! Und nun erscheinen auch noch die SolistInnen in ihren Superhelden-Kostümen, Wonderfeet, Elastorina, Captain Fantastic und alle anderen. Damit nicht genug, wird hinten ein Transparent entrollt: Lieber Reid, danke für 20 tolle Jahre, dein Stuttgarter Ballett. Der, um den sich alles dreht, kommt endlich auf die Bühne und kann endlich beklatscht werden. Aber nicht für lange, denn schließlich wartet das Publikum im Park!

Gute Stimmung auf dem Balkon: Schlussapplaus für die Ballett im Park-Besucher, Foto: Elisabeth Kabatek

Gute Stimmung auf dem Balkon: Schlussapplaus für die Ballett im Park-Besucher, Foto: Elisabeth Kabatek

Schnell rennen alle hinauf in den 3. Rang. Ich laufe mit und frage auf dem Weg Alexander McGowan, wie oft sie den Schluss geprobt haben. „Fünf, sechsmal vielleicht. Wir sind halt Tänzer, keine Sänger. Es war für ihn!“ ER weiß jetzt auch, warum man ihn in den letzten Tagen so oft in die Kantine zum Essen geschickt hat. Reid Anderson hält noch eine kurze Rede auf dem Balkon, nachdem sich die Compagnie den Jubel der BesucherInnen im Park abgeholt hat. „Das war wahrscheinlich die beste Gala, die ich in meinem ganzen Leben gesehen habe“, sagt er. „Alles, an was ich glaube, habe ich heute Abend auf der Bühne gesehen. Ihr habt einen sehr glücklichen Menschen aus mir gemacht.“

Der letzte Vorhang ist gefallen. Kein Stück Pizza mehr am Schlossplatz auf dem Heimweg, keine Nachtschichten mehr, um den Blog zu schreiben, die längste bis zwanzig nach drei. Die Festwoche ist vorbei. Wie konnte es so bloß so weit kommen? Was mache ich morgen Abend? Ich sehe schon das tiefe Loch gähnen, in das ich fallen werde. Das Leben wird wieder normal. Ich werde mich wieder mit Leuten unterhalten können, die nichts mit Ballett am Hut haben; in den letzten Tagen war die Kommunikation etwas schwierig.

Danke für alle Begegnungen, für alle Gespräche! Wenn es ein Leitmotiv gab für mich in diesen Tagen, dann das altmodisch klingende Wort Hingabe. In doppeltem Sinne: zum einen die des Stuttgarter Balletts an seine Arbeit. Damit meine ich gewiss nicht nur die, die vorne im Rampenlicht stehen, sondern alle, die hier am Gesamtkunstwerk stricken, auch die hinter den Kulissen, die normalerweise für das Publikum nicht sichtbar sind. Diese Hingabe gilt aber auch für das Stuttgarter Publikum. Egal, mit wem ich in den letzten zehn Tagen gesprochen habe – TänzerInnen, ChoreographInnen, DirektorInnen, KritikerInnen, sie alle sind einhellig derselben Meinung: Das Stuttgarter Publikum ist das beste der Welt!

Jetzt ist Sommerpause. Alle haben sie dringend nötig. Aber es geht ja weiter im Herbst! Noch zwei Jahre mit Reid Anderson, und dann übernimmt Tamas Detrich. Es geht weiter, in Stuttgart, und nicht nur hier, sondern an vielen anderen Orten in der Welt, die mit dem Stuttgarter Ballett vernetzt sind. Freuen wir uns drauf. Danke, Reid!