Stuttgarter Ballett Blog


Ein Kommentar

D wie Dutt

Was wäre eine Ballerina ohne Spitzenschuhe, Tutu und Dutt? Der strenge Knoten am Hinterkopf symbolisiert die klassische Tänzerin wie das Schuhwerk und der typische Rock. „En pointe“ schwebt sie über die Bühne; der passende Schuh verlängert optisch das Bein und der Haarknoten legt den Blick auf den grazilen Hals frei. Idealerweise offenbart sich dem Publikum eine anmutige Linie von Kopf bis Fuß. Und zwar bei jeder einzelnen Tänzerin des Corps de ballet, das seinem Namen gerecht werden soll: als einem einheitlichen Körper mit homogenem Look.

Die gefederte Variante aus Schwanensee (Foto: Roman Novitzky)

Doch auch den Tänzerinnen selbst ist das festgesteckte Haar von Nutzen. Wer hat bei Pirouetten schon gerne Haare im Auge? Und wer die Strähne seiner Partnerin im Mund? Nicht nur machen sich die Tänzerinnen eine Hochsteckfrisur, wenn es die Optik klassischer Ballette erfordert, auch im Training und bei Proben wird das Haar zusammengehalten. Ob mit gedrehtem oder geflochtenem Schopf, etwas höher am Hinterkopf oder tief im Nacken, als ordentliche Schnecke oder zerzaustes Gesteck. Zuweilen lässt sich im Ballettsaal eine Frisur bewundern, die einen Galaabend im Anschluss vermuten lässt. Woanders mag hingegen ein pragmatisches „ich knuddel alles zusammen und stecke vier Haarnadeln rein“ an den Tag gelegt worden sein. Seit der Haarknoten sich zur Trendfrisur gemausert hat, lassen sich beide Versionen problemlos auch nach Probenende tragen. Umgekehrt schaffen der Half Bun (nur die Hälfte der Haare), der Hipster-Dutt (hoch auf dem Scheitel) und der Dounut Bun (mit Kissen) selten den Sprung von der Stuttgarter Königstraße in den Ballettsaal.

Die simple Version für Training, Probe und Pause (Foto: Roman Novitzky)

Als Modeerscheinung wie als effektive Bändigung der Haarpracht kann der Dutt auf eine lange Geschichte blicken, die bereits in der griechischen Antike beginnt. Eine Hochphase erlebte der Haarknoten in der Renaissance: Königin Elisabeth I. von England und die schottische Königin Maria Stuart trugen ihre Häupter als Trendsetterinnen voran. Doch auch niederes Personal hatte in der folgenden Zeit das Haar fest gebunden. Zweckdienlich zeigte sich der Dutt selbst im 20. Jahrhundert, während ansonsten Bubikopf und Dauerwelle die Mode-Schlagzeilen des Jahrhunderts prägten. Ungeschlagen ist der Knoten im Ballett, aber auch im Kunstturnen, beim Voltigieren oder in der rhythmischen Sportgymnastik; zu gut verbinden sich Optik und Nutzen. Wie praktisch, dass man für Ballett und Freizeit theoretisch nur eine Frisur braucht!

Pia Boekhorst


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C wie Charakter

Onegin und Petruchio, der eine ein arroganter Dandy, der andere ein lebensfreudiger Macho; der verliebte Romeo und der brutale Stanley Kowalski; der zaudernde Königssohn Hamlet und der stolze Feldherr Othello – ein Repertoire wie dieses wirft Fragen auf. Muss man sich durch die großen Wälzer der Weltliteratur gewühlt haben, um ihre Charaktere zu verkörpern? Stapeln sich Puschkin und Shakespeare auf den Nachttischen der TänzerInnen? Bei Jason Reilly schon. Der Erste Solist hat sie alle getanzt: die Bösewichte und Träumer, die Gebrochenen und die Edlen. Sein Rezept lautet Recherche. Privat eher wie ein Hip-Hopper als ein Balletttänzer unterwegs bereitet er sich auf alle seine Debüts gründlich vor. Als er vor über 20 Jahren die Rolle des Benvolio in John Crankos Romeo und Julia übernehmen sollte, gab ihm die ehemalige Choreologin Georgette Tsinguirides eine Shakespeare-Ausgabe in die Hand. Sie, die in jeder von John Crankos Proben gesessen und seine Ballette aufgeschrieben hatte! An ihren Rat hat sich Jason Reilly gehalten.

Ein echter Charakter: Jason Reilly als Onegin (Foto: Roman Novitzky)

Mehr als jedes Stück Papier wiegt die Intention der ChoreographInnen. Oft deckt sie sich mit den Zeilen, manchmal liegt sie fernab der Buchdeckel. Bei den ganz Großen ihres Fachs sind es letztlich die Bewegungen selbst, die Geschichten erzählen. „Der Charakter liegt in den Schritten. Cranko war in dieser Hinsicht ein Genie, aber auch andere ChoreographInnen haben diese Gabe“, sagt Jason Reilly. „Das erste Solo von Hamlet in Kevin O‘Days Shakespeare-Version etwa birgt bereits alles.“ Und was, wenn das Stück keine Handlung vorgibt? Die klare Antwort des Ersten Solisten lautet: „Denk dir etwas aus!“ Den Bewegungen und der Musik folgend reimt er sich selbst eine Geschichte zusammen.

Jason Reilly will sich auf der Bühne in einer Figur verlieren. Egal wie schwierig eine Partie technisch ist, wenn er den Charakter in sich gefunden hat, lebt er ihn voll. „Ich hole die Figur für die Bühne heraus und stecke sie danach wieder zurück, wie in einen Rucksack“, meint der Kanadier. Doch so einfach, wie es klingt, ist die Rückkehr in die Realität nicht. Als der Vorhang nach seinem Auftritt als Stanley Kowalski in John Neumeiers Endstation Sehnsucht nach Tennesse Williams gefallen war, wusste Jason Reilly nicht, wohin mit seiner Wut und seinem Ekel vor der Rolle. Da hat er angefangen, auf jede Vorstellung ein 45-Minuten-Workout folgen zu lassen. Er schwitzt die Aggression raus und schüttelt den Charakter ab. Zurück kehrt der gutgelaunte Erste Solist in Baggy und mit Cappy. Er gibt alles, um mit seinem Rucksack voller Charaktere das Publikum berühren zu können; koste es, was es wolle. Ein Buch zur Hand zu nehmen und belesen die Proben im Ballettsaal zu starten, ist noch das Geringste.

Pia Boekhorst


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A wie Anfang

Wo anfangen bei einem Ballett-ABC? Arabesque, Attitude, Adagio, Allegro – man hat die Qual der Wahl und ist verwirrt über das Sprachengewimmel. Arabesque und Attitude entspringen als „Ornament im spanischen Stil“ und „Haltung“ dem Französischen; Adagio und Allegro lassen als „bequem, gemächlich“ und „lebhaft“ Italienisch im Ballettsaal erklingen. Grund dafür ist die Geschichte des Balletts, das seinen Anfang als Gesellschaftstanz an den Adelshöfen im Italien und Frankreich des 15. Jahrhunderts nahm. Mit dem Sonnenkönig Louis XIV. und der von ihm initiierten Académie Royal de Danse wurde der Tanz kodifiziert. Die Technik wurde verfeinert, Schritte systematisiert. Gleichsam wurde der Grundstein für die Professionalisierung des Balletts und seiner Abnabelung vom Gesellschaftstanz gelegt. Seit Ende des 18. Jahrhunderts erhielt es seine weitere Ausformung in Russland, gelangte in die USA und war: überall!

Arabesque neben Arabesque. Die Tänzerinnen kommen aus der ganzen Welt und sprechen doch eine Sprache (Foto: Roman Novitzky)

Heute kommen TänzerInnen aus der ganzen Welt und stimmen ein in das Sprachengesumm. Beim Stuttgarter Ballett sind aktuell 23 Nationen im Ensemble vertreten. Sie stammen aus Argentinien oder Australien, haben Ballettschulen in Bratislawa oder Córdoba besucht. Im Ballettsaal wissen sie alle, welche Pose mit Arabesque (Spielbein nach hinten ausgestreckt) und Attitude (Spielbein angewinkelt nach vorne oder hinten) gemeint ist, welche Stimmung bei Adagio und Allegro gefragt ist. Dass es eine „fremde“ Sprache ist, ist völlig vergessen. Als Lingua franca um die Ballettbegriffe herum dient Englisch, was den insgesamt 14 TänzerInnen aus dem englischsprachigen Raum zugutekommt. Doch halt! Hört man da nicht auch Deutsch, Italienisch und Spanisch? Wenn die starke Italo-Fraktion der Compagnie, immerhin zehn TänzerInnen, unter sich ist, unterhalten sie sich in der Muttersprache. Gleiches gilt für die gesprächigen Ensemblemitglieder aus Argentinien, Brasilien, Mexiko und Spanien. ¿Comprendes? Nö, nicht alles. Doch wer braucht schon das gesprochene Wort? Der Tanz sagt alles.

Pia Boekhorst


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China / November 2019 (Tag 10)

Der zweite Vorstellungstag! Und wie es manchmal auf Gastspiel so kommt, hat er ein Debüt mit sich gebracht – Clemens Fröhlich hat erstmals die Rolle des Gremin getanzt, was natürlich zur Spannung der Vorstellung beigetragen hat.

Dies wird unser letzter Post aus Peking sein, aber wir werden natürlich auch Fotos von der dritten Vorstellung posten, sobald wir zurück in Stuttgart sind. Ein großes Dankeschön an Roman Novitzky für alle die wunderbaren Fotos, die er trotz eines vollen Probenplans für unser Tourtagebuch machen konnte!

Fotos: Roman Novitzky


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China / November 2019 (Tag 9, Teil 2)

Heute gibt es noch einen kleinen Rückblick zum Eröffnungsabend in Peking. Mehr Fotos folgen nach unserer Rückkehr nach Stuttgart!

Fotos: Roman Novitzky