Stuttgarter Ballett Blog


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Kabatek bloggt!: Mit Friedemann an der Stange

Beim Ballettabend Begegnungen stehen (fast) alle Stars des Balletts gleichzeitig auf der Bühne

Vielleicht haben Sie gestern nach einem neuen Blog gesucht und sich gewundert, dass es keinen gab. Das lag ganz einfach daran, dass am Mittwoch das Programm von Montag, also die Party Pieces, wiederholt wurde. Ich hatte also einen ballettfreien Abend. Ein freier Abend! Toll! Endlich mal früh ins Bett! Theoretisch. Aber dann fühlte es sich irgendwie so seltsam an, nicht zum Ballett zu gehen. Irgendwie leer. Außerdem würde Jason Reilly nun doch noch Mono Lisa mit Alicia Amatriain tanzen. Und da ein Leben ohne Ballett möglich, aber irgendwie sinnlos ist, habe ich mir die Party Pieces noch einmal angeschaut, und was soll ich sagen? Es war noch großartiger als am Montag! Die Tänzer waren noch besser, wenn das überhaupt geht, und der Applaus noch länger, und allein das Finale mit Jason und Alicia wäre es wert gewesen, noch einmal hinzugehen! Danach gab es Standing Ovations für Reid Anderson und alle Tänzerinnen und Tänzer, und der Applaus wollte nicht enden, aber das können Sie sich eh schon denken.

Gestern Abend nun stand der Ballettabend BEGEGNUNGEN auf dem Programm. Raten Sie mal, wie der Applaus ausgefallen ist. Das lag unter anderem daran, dass praktisch sämtliche Ersten Solistinnen und Solisten auf der Bühne standen, in Jerome Robbins‘ Dances at a Gathering. Ein Staraufgebot sondergleichen! Heute Abend wird nicht gekleckert, sondern geklotzt! In immer neuen Konstellationen finden sich die Tänzerinnen und Tänzer zusammen. Alicia Amatriain und Jason Reilly. Jason allein. Friedemann Vogel und Anna Osadcenko. Hyo-Jung Kang in einer urkomischen Szene, in der sie vergeblich versucht, männliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. David Moore, der übrigens sein Rollendebut gibt, in einem inniglichen Pas de deux mit Alicia. Elisa, Anna und Alicia. Das alles ist sehr fröhlich und federleicht, in pastellfarbenen Kostümen, im Walzertakt vor einem frühlingsblauen Himmel mit ein paar Wölkchen. Ein wenig so, als gingen die Solistinnen und Solisten sonntags im Schlossgarten spazieren, oder wie in einer Jane-Austen-Verfilmung. Am Ende verharren alle wie in einem Stilleben, bevor sie in Paaren abgehen. Eine Choreographie, deren fröhliche Grundstimmung aufs Publikum überschwappt!

Mitglieder der John-Cranko-Gesellschaft, © Elisabeth Kabatek

Wie immer versammeln sich in der Pause die Mitglieder der John-Cranko-Gesellschaft im 1. Rang, um über die Vorstellung zu diskutieren. Das tun die immer. Das ist nämlich eine tolle Truppe aus sehr unterschiedlichen Menschen, die eines gemeinsam haben: eine grenzenlose Leidenschaft fürs Ballett! Ich habe den Eindruck, sie verbringen ihre komplette Freizeit dort, und brauchen in ihrer Wohnung mindestens ein Zimmer mehr, um Programmhefte zu stapeln. Diese Woche hätten sie Reid Anderson beim Wort nehmen und zwischen Schauspielhaus und Oper zelten können, denn natürlich kommen sie jeden Abend. Ich glaube, ich war noch nie im Ballett, ohne mindestens vier, fünf Leute der John-Cranko-Gesellschaft zu treffen. Die glühen förmlich für das Ballett! Sie schauen sich alles an, natürlich in sämtlichen Besetzungen. Sie kennen sich hervorragend aus. Sie kennen die Tänzerinnen und Tänzer persönlich, weil diese zu ihren Treffen kommen. Wenn ich irgendwas – egal was! – übers Ballett wissen will, frage ich dort in der Pause nach. Sie können zu allem Auskunft geben, haben einen unglaublich geschulten Blick, und dann sind sie auch noch – nett! Wenn Sie sich also etwas hilflos fühlen oder Fragen haben, hier wird Ihnen geholfen! Im 1. Rang gegenüber vom Merchandising-Stand! Dort hat in der Pause außerdem Anna Osadcenko signiert, und entsprechend war der Stand von Autogrammjägern umlagert. Heute Abend hat sie die Tänzerin in Mauve getanzt, letzten Samstag hat sie mich sehr beeindruckt in der tragischen Rolle der Gräfin Geschwitz in Christian Spucks Lulu.

Alicia Amatriain, Friedemann Vogel und Ensemble beim Schlussapplaus nach Initialen R.B.M.E., © Elisabeth Kabatek

Nach der Pause geht es weiter mit Crankos Initialen R.B.M.E. Heute Abend tanzt Daniel Camargo als Gast das R von Richard Cragun, Elisa Badenes das B wie Birgit Keil, Alicia Amatriain das M wie Marcia Haydée und Alessandro Giaquinto das E von Egon Madsen. Und Cranko geht gleich in die Vollen – da ist richtig was los und nun wirbelt praktisch das ganze Stuttgarter Ballett über die Bühne. Es wie bei seinen Handlungsballetten: Vor lauter Action weiß man gar nicht, wo hinschauen. Das Kraftpaket Daniel Camargo reißt das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin. Für mich ist der schönste Moment des Stücks, ja, des ganzen Abends, wie Alicia und Friedemann im III. Satz den Pas de deux tanzen. Wie sie sich anschauen! Wie sie tanzen! Die beiden sind einfach pure Magie. Zwei Ausnahmetänzer, deren besondere Beziehung zueinander in jeder Sekunde spürbar ist: Zum Heulen schön! Das Thema Applaus lassen wir jetzt mal weg. Sie können sich’s denken.

Nach der Vorstellung treffe ich Friedemann Vogel hinter der Bühne. Dort herrscht das übliche Nach-Vorstellungs-Durcheinander, ein Huschen und Flattern schmalgliedriger und muskulöser Gestalten in den Gängen, zwischen Duschen und Garderoben. Anspannung und Konzentration haben sich in fröhliches Geschnatter und Gelächter verwandelt. Reid Anderson umarmt Friedemann Vogel. „You were exquisite“, strahlt er. „Exquisite!“

„Wir machen das Foto im Ballettsaal, an der Stange“, beschließt Friedemann Vogel spontan. Äh. Stange? Ballettsaal? Offensichtlich kennt Friedemann Vogel meinen allerschlimmsten Albtraum nicht: Ich finde mich auf der Bühne des Opernhauses wieder, trage Spitzenschuhe und ein dünnes Kleidchen, Hunderte von Zuschauern sehen mich erwartungsvoll an, das Orchester fängt an zu spielen und ich – muss tanzen… Ich kann nicht tanzen!! Es ist dann aber sehr lustig, mit Friedemann an der Stange, vor allem, als ich versuche, seine Position nachzuahmen.

Friedemann Vogel und unsere Autorin

Heute Abend hat er Crankos Initialen getanzt. Was bedeutet ihm Cranko?
„Ich bin mit Cranko aufgewachsen. Mein Bruder war ja Tänzer, und meine Eltern haben mich schon mit fünf Jahren ins Ballett mitgenommen, und dann fast jede Woche. Da war damals schon diese Faszination, und mir war immer klar, dass ich Tänzer werden wollte, auch wenn meine Schulkameraden das ziemlich seltsam fanden. Das heute, das sind so Momente, die bleiben für immer bei mir.“ Er legt beide Hände aufs Herz, und seine Augen leuchten. „Mit Alicia, diese Innigkeit, das sind Momente, die bleiben.“
Diese Innigkeit, die niemandem entgeht, der die beiden tanzen sieht.
„Am Montag und am Mittwoch haben sie bei den Party Pieces mit dem Goecke-Stück Fancy Goods abgeräumt. Worin liegt die besondere Herausforderung, wenn Sie Goecke tanzen?“
„Das kann ich gar nicht so sagen. Das Schwierige ist der Wechsel. Wir haben Goecke geprobt und dann musste ich gleich rein in die Initialen, weil der Durchlauf schon fertig war – diese schnelle Umstellung, das ist dann eine echte Herausforderung.“
„Und was heißt das für den Körper?“
„Ich denke nie an den Körper. Man muss sich einfach in jede Bewegung reinschmeißen. Im Moment sind wir alle sehr müde, es ist nun mal wahnsinnig viel, aber das ist auch eine Kopfsache. Man kann sich total verausgaben und dann trotzdem wieder Energie und Kraft sammeln, beim Tanzen, dann geht es auch wieder.“
„Gibt das Publikum, der Applaus Energie?“
„Vielleicht nicht unbedingt Energie – das Tolle ist, wenn Publikum da ist. Das ist anders als bei der Generalprobe, ohne Publikum. Bei der Vorstellung kommen noch einmal Kräfte dazu, die man bei der Probe in der Form so nicht entwickelt.“
„Im Herbst tanzen Sie wieder in Tokio – dort sind Alicia und Sie Superstars. Wie fühlt sich das an?“
„Das ist ganz toll! Es ist völlig crazy.“
„Damit können die eher nüchternen Schwaben nicht mithalten, oder?“
„Wir können uns hier ja nun wahrlich nicht über das Publikum beklagen. Von so einer Reise bringt man vor allem seine Erfahrungen mit, Erfahrungen, die man nicht vergisst. Je mehr man erlebt, desto mehr kann man dann auch einbauen.“
„Und zum Schluss: Was verbinden Sie vor allem mit Reid Anderson?“
„Er hat mich meine ganze Karriere hindurch betreut, das ist die persönliche Ebene. Aber wenn ich das jetzt mal allgemeiner betrachte: Er hat das richtige Gespür für das, was das Publikum sehen will. Man muss sich ja nur die Auslastung des Stuttgarter Balletts anschauen. Er hat das Gespür für Kunst!“

Nun ist es aber höchste Zeit für den Feierabend dieses wunderbaren, unprätentiösen Tänzers! Vor der Pforte des Balletts stehen die Tänzerinnen und Tänzer noch in Grüppchen zusammen und besprechen den Abend nach, einige hocken auf dem Boden. Ganz normale junge Leute, die chillen, könnte man denken, wenn man es nicht besser wüsste!

Morgen macht die Ausnahmetruppe weiter, und Hyo-Jung Kang und Jason Reilly tanzen Onegin, das Lieblingsballett von Reid Anderson,  und ich darf beide hinterher treffen, hurra! Leider ist die Vorstellung ausverkauft, aber Ballett im Park naht!

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Kabatek bloggt!: „Körpersprache ist unsere Sprache“

Katarzyna Kozielska, eine der „Fantastischen Fünf“, verrät, wie eine Choreographie entsteht

Um es gleich vorweg zu sagen: An diesem Abend gibt es keine Katastrophen. Alles klappt wie am Schnürchen, und auch Jason Reilly steht zur allgemeinen Freude wieder auf der Bühne des Schauspielhauses. Heute Abend wird Die Fantastischen Fünf gezeigt, fünf Choreographien von Roman Novitzky, Fabio Adorisio, Katarzyna Kozielska, Louis Stiens und Marco Goecke. Alle fünf Stücke sind erst am 23. März dieses Jahres uraufgeführt worden, und sie werfen ein Schlaglicht auf das, was Reid Anderson 22 Jahre lang gemacht hat: Nämlich nicht nur das Erbe Crankos zu bewahren, sondern auch junge Choreographen, bevorzugt aus den eigenen Reihen, zu fördern. Einer dieser Choreographen heißt Marco Goecke und ist heute weltberühmt, ein anderer Christian Spuck, eine dritte Bridget Breiner, und die Liste ließe sich jetzt seitenlang fortführen, so wie im Programmheft zur Festwoche. Das zählt nämlich – festhalten – zwischen 1996 und 2018 insgesamt 131 Uraufführungen auf! Nun genügt es jedoch nicht, den Ballettchef dafür zu loben, dass er Talente gesucht und gefunden und gefördert hat. Nein, schließlich braucht jedes Stück auch Publikum, und hier kommt wieder einmal das absolut fa-bel-haf-te Stuttgarter Publikum ins Spiel! Reid Anderson hat immer wieder betont, dass er keine Stadt kennt, wo das Publikum so offen ist für Neues – ein Publikum, das sich alles anschaut, mit großem Interesse und großer Neugierde und ohne jeden Vorbehalt. Dass ein Abend wie Die Fantastischen Fünf ständig ausverkauft war, obwohl es ein Überraschungsei war, wo vorher keiner wusste, was drin ist, das gibt es nur in Stuttgart!

Vor der Vorstellung treffe ich Katarzyna Kozielska, Halbsolistin und eine Choreographin, die in den letzten Jahren immer erfolgreicher geworden ist, gestern bei der Premiere von Party Pieces waren gleich zwei Stücke von ihr im Programm, heute Abend ist ihre Choreographie Take Your Pleasure Seriously zu sehen. Was mich am meisten interessiert: Ich kann mir einfach überhaupt nicht vorstellen, wie man eine Choreographie entwickelt. Ich selbst habe gerade ein Theaterstück geschrieben, das ist etwas Konkretes; aber eine Choreographie! Vor allem, wenn sie abstrakt ist, so wie die meisten Stücke von Katarzyna?

„Darauf gibt es eine ganz einfache Antwort. Ich spreche vier Sprachen, aber ich habe noch eine weitere: Körpersprache.“
Aha. Ich kann es mir immer noch nicht vorstellen.
„Ich fange mit Musik an. Ich höre sie hundert, hundertfünfzig Mal, und dann kommt die Bewegung von alleine, die Musik setzt sich in Körpersprache um.“
„Im Ballettsaal?“
„Nein, ich gehe nicht in den Ballettsaal, das passiert alles in meinem Kopf. Manchmal weiß ich nicht, ob das, was mein Kopf denkt, auch funktioniert, ich probiere es dann mit den Tänzern aus. Bisher hat es aber immer funktioniert.“
„Schreiben Sie es dann auf?“
„Nein, ich schreibe das nicht auf, ich habe das im Kopf. Dann gehe ich in den Ballettsaal und tanze es vor, und die Tänzer tanzen es nach, und manchmal passieren Fehler, und ich sehe, dass der Fehler besser ist, als das, was ich ursprünglich wollte, und dann ändere ich es entsprechend.“
Katarzyna muss einen erstaunlichen Kopf haben.
„Wie fühlt sich das dann an, wenn man das, was einmal nur im Kopf war, auf der Bühne sieht?“
„Cool! Gestern Abend zum Beispiel, da haben Elisa Badenes in Limelight und Daniel Camargo mit Firebreather eine Top-Leistung gezeigt. Die Tänzer brauchen Solos, mit denen sie zu Galas gehen können, und manchmal bleiben sie unter ihren Möglichkeiten, deshalb macht es ihnen Spaß, wenn man Solos entwickelt, wo sie bis an die Grenzen gehen. Dann können sie zeigen, was sie draufhaben!“
„Haben Sie von Anfang an gewusst, dass Choreographie Ihr Ding ist?“
„Nein, überhaupt nicht! 2009 habe ich meine Tochter bekommen, habe eine Babypause gemacht und wollte nicht „nur“ Hausfrau sein. Früher habe ich gemalt und Skulpturen gemacht, aber es kam nie so raus, wie ich wollte. Also habe ich gedacht, jetzt mache ich 2011 bei Noverre mit. Das hat unheimlich Spaß gemacht, von Anfang an! Reid Anderson hat nach dem ersten Stück gesagt, nächstes Jahr bist du wieder dabei. Er hat mich immer motiviert, neue Stücke zu machen.“
„Sie waren viele Jahre Halbsolistin beim Stuttgarter Ballett und hören jetzt mit dem Tanzen auf, um ganz als freie Choreographin zu arbeiten. Sind Sie nicht ein bisschen traurig?“
„Es fällt mir nicht so schwer, weil ich weiter für den Tanz arbeite. Tänzerisch habe ich für mich das Maximum erreicht. Ich freue mich vor allem, mehr Zeit mit meiner Tochter zu verbringen!“
„Ihre Tochter wird neun – hat sie Interesse am Ballett? Ihr Mann, Damiano Pettenella, war schließlich auch Tänzer, sie ist also mit Ballett aufgewachsen?“
„Wissen Sie, was meine Tochter vor allem mit Ballett verbindet? Arbeit! Du arbeitest immer, Mama! Andere Eltern hatten am Wochenende Zeit für ihre Kinder, und Mama und Papa gehen zum Ballett – um zu arbeiten! Deshalb freue ich mich so auf mehr Zeit mit ihr.“

Wir wünschen Katarzyna Kozielska alles Gute. Auch, wenn sie als Tänzerin fehlen wird! Aber man kann sie sich ja noch im Film ansehen, in der Verfilmung von Romeo und Julia gibt sie eine hinreißende Zigeunerin ab. Und in der nächsten Spielzeit wird es eine neue Choreographie im Rahmen des Ballettabends AUFBRUCH! von ihr geben!

Louis Stiens, © Elisabeth Kabatek

Auf dem Weg zurück ins Schauspielhaus schlendert ein braungebrannter Christian Spuck vorbei – die Festwochengäste treffen ein! Louis Stiens steht auch draußen in der Abendsonne. So cool, wie er aussieht, glaubt man ihm gleich, dass er in Discos auflegt. Aufgeregt? „Nööö! Solange es den Tänzern gut geht, geht’s mir auch gut!“

Und nun geht es endlich los, mit Roman Novitzkys Under the Surface. Am Anfang und am Ende stehen jeweils schnelle Trommelbeats, dazwischen tanzen die drei Tänzerinnen und fünf Tänzer zu Love Songs in verschiedenen Konstellationen Beziehungsgeschichten. Liebe, Eifersucht, schüchternes Kennenlernen, Verlassen. Ich freue mich besonders, wenn Jessica Fyfe in diesem Stück ein Solo hat oder einen Pas de deux tanzt. Vor zwei Jahren habe ich sie bei den Festwochen kennengelernt, da war sie erst ein paar Monate in Stuttgart. Die Australierin ist eine der wenigen Tänzerinnen des Stuttgarter Balletts, die von außen kamen, und sie hat sich toll entwickelt! Gut, dass Jason Reilly heute Abend tanzen kann, sonst hätten wir auf den ungeheuer schnellen Pas de deux in Fabio Adorisios Or Noir mit seiner Partnerin Anna Osadcenko verzichten müssen. Katarzynas Kozielska kann sich offensichtlich auf ihren Kopf verlassen, bei ihr bilden Licht, rot-schwarze Kostüme und Bewegungen eine atmosphärische Einheit, und Diana Inoescu und Daniele Silingardi tanzen den Pas de deux zur Musik von Bach, mit dem die Choreographie Take Your Pleasure Seriously fast unschuldig endet, zum Dahinschmelzen schön. Nun aber aufgewacht! Louis Stiens haut auf die Pauke. Harte Beats, Bewegungen wie Peitschenhiebe. Das erinnert an Dancefloor, Roboter, Techno, Michael Jackson, dazwischen ein bisschen Glitzerpuschel, und ganz am Ende der Kontrast, ein erstaunlich inniglich endender Pas de deux, großartig getanzt von Elisa Badenes und David Moore. Nein, das hier ist nicht Romeo und Julia, zeigt aber wieder einmal, wie wandlungsfähig die Tänzerinnen und Tänzer des Stuttgarter Balletts sind – sie können einfach alles tanzen! Und dann – der dramatische Schluss. Schüsse fallen, Nebel wabert, Baggerschaufeln kippen grobkörnigen Sand auf die Bühne. Vogelartige, abgehackte Bewegungen und Geräusche. Das kann nur Marco Goecke sein! „It’s so cold in here“, klagt der Tänzer. Herausragend: Alessandro Giaquinto. Hinterher wird eine Zuschauerin in der Reihe vor uns heraussprudeln, dass sie vor Goecke so müde war, dass sie beinahe heimgegangen wäre. Aber dann war sie total gebannt, von der ersten bis zur letzten Sekunde – „So etwas habe ich noch nie gesehen!“

Was für ein Abend! Was für eine Bandbreite! Was für Talente! Ich weiß, ich wiederhole mich: Für jedes Stück nicht enden wollender Applaus, strahlende Tänzerinnen und Tänzer, glückliches Publikum. Aber so ist es nun einmal. Und ich wage eine Prognose, die nicht sehr gewagt ist: Ich werde mich noch öfter wiederholen müssen, es wird den Rest der Woche so weitergehen. Keine Prognose wagen möchte ich, wie lange am Sonntag am Ende der Gala geklatscht werden wird. Falls Sie keine Karte haben, kein Problem: Schließlich gibt es Ballett im Park, am Samstagabend mit der John Cranko Schule, am Sonntag dann die Gala. Picknick einkaufen, Decke und Freunde unter den Arm klemmen, und nix wie hin!


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Kabatek bloggt!: Alicia probt im Treppenhaus

Bei der Premiere des Ballettabends Party Pieces läuft nicht alles nach Plan

Es ist ein Abend der Überraschungen, nicht alle davon sind schön – und trotzdem wird der Abend mit nicht enden wollendem Applaus enden. Doch der Reihe nach…

Die Opernterrasse vorm Opernhaus © Elisabeth Kabatek

Wer kurz vor sechs am Opernhaus vorbei Richtung Schauspielhaus schlendert, erlebt eine zauberhafte Überraschung. Da sitzen fünf Bläser auf einem Podest und spielen, dass es eine Wonne ist, und davor sitzen ganz viele Zuhörerinnen und Zuhörer und lauschen andächtig, an diesem wunderbaren Sommerabend. Am Tag zuvor hat Reid Anderson die gute Zusammenarbeit mit der Oper gelobt. Es endet ja nicht nur seine Intendanz, sondern auch die von Opernchef Jossi Wieler, der sich mit einer Opernterrasse vor dem Opernhaus verabschiedet. Genügend Publikum gibt es für beides, und nach der Ballettvorstellung wird sich das Ballettpublikum mit dem Opernpublikum im Park vermischen, denn beide Vorstellungen enden nahezu zeitgleich. Was für ein Glück, in einer Stadt zu leben, die so viel Kultur hat, und so viel Publikum, das sich daran freut – glückliches, glückliches Stuttgart, wo man nicht sagen muss, „In dieser Stadt ist kein Platz für uns beide, Cowboy!“ Schön wäre, wenn diese Stadt jetzt mal langsam in die Pötte kommen und eine Interimsspielstätte finden würde…

Wir schreiben Tag vier der Festwoche A Reid Anderson Celebration. Wir stehen im Schauspielhaus an der Treppe, es ist kurz vor sieben, und es passiert – nichts. Dabei ist heute Premiere von Party Pieces, auf dem Programm stehen zwölf Choreographien aus der Intendanz von Reid Anderson, die er selbst als „Gelegenheitsstücke“ bezeichnet. Es dauert. Endlich ist Einlass und dann steht er selbst auf der Bühne und sorgt erst einmal für schallendes Gelächter, als er das Publikum mit den Worten, „Mein Name ist Reid Anderson und ich bin noch der Intendant des Stuttgarter Balletts“ begrüßt. Ebenfalls für Gelächter sorgt die Information, dass sich der Beginn des Abends deshalb verzögert hat, weil niemand daran gedacht hat, die Feuerwehr zu bestellen. „Das ist uns noch nie passiert!“ Doch dann wird es ein wenig ernster. Zwei Tänzer sind verletzt, der zweite heißt Jason Reilly, und nein, man kann ihn leider nicht kurzfristig ersetzen, was bedeutet, dass sein Solo Ballet 101 von Eric Gauthier, auf das sich natürlich alle riesig gefreut haben, ersatzlos gestrichen ist. Das zweite Stück, auf das sich alle riesig gefreut haben, ist das Finale Mono Lisa mit Jason und Alicia Amatriain, ein Stück, auf das sich die beiden wochenlang vorbereitet haben. Jede andere Compagnie hätte vermutlich auch dieses Stück ersatzlos gestrichen. Nicht Stuttgart, nicht Reid Anderson, nicht Alicia Amatriain. Die probt gerade mit Damiano Pettenella im Treppenhaus – ein Stück, das sie seit fünf Jahren nicht getanzt hat, nämlich Allure von Demis Volpi mit Musik von Nina Simone…

Und dann, nachdem Reid Anderson das Publikum in bestem Denglish aufgefordert hat, es möge „enjoyen“, wird endlich getanzt. Und wie getanzt wird! Es gibt zwei emotionale Wiedersehen mit ehemaligen Publikumslieblingen, Marijn Rademaker und Daniel Camargo, die dem Stuttgarter Publikum nichts schuldig bleiben. Es gibt ein atemberaubendes Solo von Elisa Badenes in einer Choreographie, die noch nie in Stuttgart gezeigt worden ist, nämlich Limelight von Katarzyna Kozielska. Friedemann Vogel tanzt Fancy Goods von Marco Goecke, 2009 bei der Gala zu Reid Andersons 60. Geburtstag zum ersten Mal präsentiert. Friedemann setzt jeden Ton des Gesangs von Sarah Vaughan mit seinem Körper um, und der Applaus für ihn ist frenetisch. Nach der Pause darf bei Are you as big as me? erst einmal gelacht werden, bevor dann Hyo-Jung Kang und Martí Fernández Paixà zum Heulen schön den Pas de deux Arcadia von Douglas Lee tanzen. Ganz zum Schluss kommt Alicia, und wenn Reid Anderson es nicht verraten hätte, wäre kein Mensch auf die Idee gekommen, dass dieses Stück gerade noch im Treppenhaus geprobt worden ist. Denn natürlich ist Alicia perfekt! Dann kommen alle auf die Bühne zurück, und Reid Anderson verteilt Blumensträuße, die so groß sind, dass man die Tänzerinnen dahinter nicht mehr sieht, und es wird geklatscht und geklatscht und geklatscht…

Miriam Kacerova und Roman Novitzky in Come Neve al Sole, © Stuttgarter Ballett

Vor der Vorstellung habe ich Ballettmeister Rolando D’Alesio getroffen, der sieben der zwölf (ursprünglich vorgesehen) Stücke des Abends Party Pieces einstudiert hat. Eines davon, Como Neve al Sole, hat er selber choreographiert. In dem ungeheuer komischen Stück spielen die beiden roten T-Shirts, die Miriam Kacerova und Roman Novitzky anhaben, beziehungsweise die Dehnbarkeit des Stoffes, eine tragende Rolle.

Reid Anderson hat am Sonntag in seiner One-Man-Show über ihn gesagt, „Er ist einer der besten Ballettmeister, die ich je hatte, er hat Würde und Demut und Vergangenheit.“ Rolando D’Alesio hat hier natürlich als Tänzer begonnen, 1991/92 kam er zum Corps de ballet, im Jahr 2000 wurde er Halbsolist. An welche Rolle erinnert er sich besonders gern? „An den Lenski in Onegin und an Monsieur Duval, den Vater in Die Kameliendame. Für beide Ballette gilt, da stimmt alles, die Kombination von Musik und Choreographie ist einfach perfekt.“ Wie hat man sich einen typischen Arbeitstag eines Ballettmeisters vorzustellen? „Wir fangen um 10.30 Uhr mit dem Training an, dann kommt die erste Probe, dann eine Pause, dann geht das so weiter bis 18.30 Uhr, aber nicht jeder Tag ist gleich. Ich gebe nicht jeden Tag Training, vielleicht so drei-, viermal die Woche, mal mit den Jungs, mal mit den Mädels. Dann schaue ich mir Videos an, plane, was noch geprobt werden muss – heute beispielsweise habe ich zwischen 10.15 und 14 Uhr zehn verschiedene Ballette geprobt, manche für heute Abend, manche für die Gala. Es ist eine harte Woche, viele Sachen haben wir schon lange nicht mehr gemacht, da muss man auffrischen, außerdem sind manche Leute neu und haben die Sachen noch nie getanzt.“ Hat ihm der Film Romeo und Julia gefallen? –  „Es ist schwer für mich, Ballett im Kino zu sehen, mir fehlt da der Duft vom Theater. Ich habe es außerdem lieber, wenn man die Freiheit hat, dahin zu schauen, wo man will. Aber es war schon fantastisch zu sehen, wie Elisa und David getanzt haben.“

„Was mich fasziniert hat, ist diese ungeheure Präzision, die im Film noch mehr rauskam als auf der Bühne. Wie kriegt man so was hin?“
„Das ist einfach Übungssache. Wir gehen erst an das Technische dran, und sobald die Technik stimmt, arbeiten wir am Ausdruck, und dann bringt jeder Ballettmeister sein Gefühl hinein und man arbeitet mit den Tänzern, bis der Ausdruck passt. Wichtig ist auch, dass die Chemie zwischen den beiden Solisten stimmt. Sonst geht gar nichts.“
„Erkennen Sie sofort, ob es eine Tänzerin oder ein Tänzer einmal bis ganz nach oben schafft?“
„Es gibt immer wieder Ausnahmetänzer, man sieht das sofort. Sie sind schnell, sie sind motiviert, sie haben einen Fokus. Reid Anderson hat supergute Augen für so etwas, ich habe nie erlebt, dass er sich geirrt hat. Mit Alicia zum Beispiel habe ich am Anfang noch getanzt, The Cage, da war sie gerade im zweiten Jahr aus der Schule raus, da war ihre ungeheure Beweglichkeit schon offensichtlich. Bei Elisa hat man es auch gleich gemerkt.“ – Sind Tänzer heute anders als vor zwanzig Jahren? „Nein, es läuft nur alles viel schneller, es gibt mehr Vorstellungen, mehr Besetzungen, die müssen sehr fit sein und sehr flexibel.“
„Was ist das Besondere am Stuttgarter Ballett?“
„Da bin ich nicht objektiv!“
„Müssen Sie auch nicht sein.“
„Ich mag alles an Stuttgart! Zum Beispiel auch die Leute, die hinter der Bühne sind, Maske, Kostüme, Technik, Inspizient. Da ist so ein Teamgeist, eine Magie, wegen Cranko, wir tragen das in unserem Herzen und geben das weiter und es scheint zu funktionieren. Wir sind auch nicht so streng wie andere Compagnien, es ist lockerer.“
„Aber es braucht doch sicher einen Haufen Disziplin?“
„Natürlich! Nehmen wir eine Vorstellung wie heute. Am Tag danach fangen die Tänzer wieder an der Stange an, sie fangen wieder bei Null an. Es ist eine kontinuierliche Herausforderung.“

Während Sie dies lesen, sind die Tänzerinnen und Tänzer also wahrscheinlich schon wieder mit dem sympathischen Ballettmeister, dem man den großen Enthusiasmus für seinen Job anmerkt, beim Training an der Stange, oder sie proben für die Gala. Reid Anderson hat übrigens immer noch keine Ahnung, was bei der Gala getanzt wird, und er will es auch auf keinen Fall wissen, sollten Sie ihm also begegnen, verraten Sie bloß nichts, auch wenn es im Festwochen-Programm steht! Am Mittwoch wird Party Pieces übrigens wiederholt, und es gibt sogar noch Restkarten – und wir wünschen Jason Reilly gute Besserung und hoffen, dass er bald wieder tanzen kann!


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Kabatek bloggt!: „Stuttgart war und ist mein Leben“

Reid Andersons One-Man-Show wird zu einem sehr persönlichen Best-of aus 22 Jahren Intendanz

Roman Novitzky und Nikolai B. Forstbauer, © Elisabeth Kabatek

Es ist Sonntagnachmittag, dreizehn Uhr, es ist heiß, man könnte ins Freibad oder in einen Biergarten gehen, aber das Schauspielhaus ist voll. Roman Novitzky hat gerade im Foyer vor sehr viel Publikum seinen Fotoband Der tanzende Blick präsentiert. Das Multitalent ist nicht nur ein fabelhafter Tänzer – erst gestern Abend war er in Lulu zu sehen, in der Verfilmung von Romeo und Julia tanzte er Graf Paris – sondern auch ein hervorragender Fotograf. Hauptsächlich geht es heute aber um den, der geht: Reid Anderson, der scheidende Ballettchef. Er wird später sagen, dass er seinen Tänzerinnen und Tänzern einen freien Tag gönnen musste, bevor der Kraftakt der sieben kommenden Vorstellungen beginnt. Als ob diese Veranstaltung ein Lückenfüller wäre! Als ob nicht alle wüssten, dass eine One-Man-Show von und mit Reid Anderson eine fabelhafte Mischung aus kurzweilig, informativ und amüsant werden würde! Und ja, es wird viel gelacht in diesen zwei Stunden. Der Noch-Ballettdirektor betont am Anfang, dass sein Rückblick auf die 22 Jahre seiner Intendanz ein subjektiver und persönlicher ist, dass er nicht versucht hat, es jedem Recht zu machen: Er will seine persönlichen Highlights präsentieren.

Die nächsten zwei Stunden füllt Reid Anderson mit Filmclips – sehr kurzen, wie er betont – Anekdoten und Geschichten. Selbstverständlich haben die meisten hier das, was in den Filmausschnitten gezeigt wird, auf der Bühne gesehen. Reid Anderson beginnt mit der Anekdote, wie er innerhalb eines Tages zum Stuttgarter Intendanten gekürt wurde, nachdem er ein Gremium von 22 strengen Politikern überstanden hatte. Dann begann er seine Intendanz mit Romeo und Julia und feierte erste Erfolge mit Margaret Illmann, Robert Tewsley, Yseult Lendvai und Vladimir Malakhov. Es gibt ein Wiedersehen mit einem sehr jungen Eric Gauthier, einem ebenfalls sehr jungen Jason Reilly, dem tanzenden designierten Intendanten Tamas Detrich, mit Sue Jin Kang – die im Publikum sitzt! – mit Filip Barankiewicz, Bridget Breiner, Katja Wünsche und William Moore. Dann geht es um die Choreographen, um Christian Spuck, Marco Goecke, Edward Clug. Viele, viele weitere Namen fallen in diesen zwei Stunden, viele sehr kurz Filmausschnitte werden gezeigt, bis einem fast der Kopf schwirrt, und zu jedem Namen weiß Reid Anderson eine Anekdote zu erzählen, bis wir dann (fast) in der Gegenwart angekommen sind, bei Krabat von Demis Volpi, einem der größten Publikumsrenner des Balletts, permanent ausverkauft. Seinen Rückblick, ganz Teamplayer, beendet Reid Anderson mit Der Tod in Venedig und er betont, wie wichtig und großartig diese Kooperation von Oper und Ballett war, und wie fabelhaft der Sänger Matthias Klink.

Reid Anderson am Ende seiner One-Man-Show, © Elisabeth Kabatek

Es ist jetzt kurz vor drei, Reid Anderson erinnert an sein Versprechen, pünktlich Schluss zu machen und kickt einen imaginären Fußball in die Luft. „Sie hätten ja Ihre Zelte mitbringen können, dann wären wir eine Woche hiergeblieben.“ Man traut ihm das ohne Weiteres zu, dass er stunden- und tagelang so weiterplaudern könnte, ohne dass es einem auch nur eine Sekunde langweilig werden würde. Aber nun wird der scheidende Intendant ein wenig feierlich. „In fast jedem Interview, das ich in den letzten Tagen geführt habe, und es waren viele, kam die Frage nach dem berühmten Stuttgarter Publikum. Und jetzt möchte ich mich bei Ihnen bedanken, beim berühmten Stuttgarter Publikum. Ich bin nicht traurig, ich möchte aufhören. Aber Stuttgart war und ist mein Leben. Ich sage das nicht, um Ihnen zu schmeicheln, es ist die Wahrheit. Sie kennen alles, Sie wissen alles.“ Und dann geht er mit einem echt schwäbischen „Adele“ von der Bühne. Das Publikum aber springt auf und beginnt wie verrückt zu applaudieren. Reid Anderson kehrt zurück und nimmt gerührt die Standing Ovations des Stuttgarter Publikums, seines Stuttgarter Publikums entgegen, und nun müssen viele ein paar Tränchen verdrücken. Es ist ein bewegender, berührender und sehr intimer Moment. Eine Ära geht zu Ende, eigentlich ja erst am nächsten Sonntag bei der Gala, aber dieser Augenblick gehört nicht der Compagnie, nicht den Politikern und nicht den Gästen, er gehört Reid Anderson und SEINEM Stuttgarter Publikum.

Für unser kleines Interview setzen wir uns auf die Bänke vor dem Schauspielhaus. Auf dem Weg dorthin muss Reid Anderson immer wieder Fotos und Programmhefte signieren, Hände schütteln, Dankesworte entgegennehmen. Das Publikum beweist seine Treue, bis zum Schluss, und der scheidende Intendant ist bei jeder Begegnung gleichbleibend freundlich und nimmt sich Zeit, auch für unser Gespräch. Die Liste der Dinge, die ihm in den letzten 22 Jahren gelungen sind, ist lang, aber was erfüllt ihn am meisten mit Stolz? „Die Schule“, sagt er ohne Zögern. „Johns Name ist damit verbunden, und das Gebäude ist da und bleibt für immer. Das macht mich superglücklich. Es macht mir nichts aus, dass die Schule erst nach meiner Zeit als Intendant eingeweiht wird.“ Wir erinnern uns: Wie ein Löwe hat Reid Anderson gekämpft, bis er von der Politik die Zusage für den dringend notwendigen Neubau der John Cranko Schule bekam. Nicht nur die Bedingungen für den tänzerischen Nachwuchs werden damit verbessert, die Compagnie wird auch endlich einen Probenraum haben ohne Säulen im Weg, wie es bisher der Fall und eigentlich unvorstellbar ist für ein Ballett von Weltrang. Mich interessiert, was er aus seiner täglichen Routine im Opernhaus am meisten vermissen wird. „Kein Tag war wie der andere und der Fokus wechselte ständig. Man muss sich das so vorstellen, ich plane ein Gastspiel in Tokio in drei Jahren und dann gehe ich zum Training und sage zu einem Tänzer, dass er sein Bein mehr strecken soll. Das ging alles immer Schlag auf Schlag, den ganzen Tag durch. Jetzt kann ich mir vorstellen, nichts mehr zu machen. Mein neues Leben fängt an und ich freue mich drauf.“ Man kann sich nicht wirklich vorstellen, dass Reid Anderson nichts macht, zumal er Anfragen aus der ganzen Welt hat, Cranko-Ballette einzustudieren, und schon viele Verpflichtungen eingegangen ist. Auch wenn Stuttgart seine Heimat bleibt, wird er viel unterwegs sein. Wie sieht das aus, wenn jemand wie Reid Anderson nichts macht? „Ich habe in meiner ganzen Laufbahn in der spielfreien Zeit im Sommer nichts gemacht. Ich kann das gut.“

„Sind Sie dann viel gereist?“
„Nein, gar nicht! Ich habe dann viel gelesen, Fitness gemacht, war schwimmen. Und während der Spielzeit habe ich abends nie gearbeitet.“
„Aber es gab doch praktisch keine Vorstellung, bei der Sie nicht präsent waren!“
„Das zählt nicht. Das war für mich eine Berufung, kein Beruf, ich bin bezahlt worden für das, was ich liebe. Vorstellungen waren für mich immer sehr entspannt, ich bin da immer mit dem Gefühl reingegangen, jetzt kannst du eh nichts mehr machen. Aber wenn ich abends zu Hause war, habe ich nie gearbeitet!“ Und was hat ihm keinen Spaß gemacht? Erst fällt ihm nichts ein. Aber dann. „Sitzungen! Ich hasse Sitzungen. Eine Qual!“ Wird er denn nun ein neues Hobby anfangen? Er schüttelt vehement mit dem Kopf. „Ich hatte nie ein Hobby und brauche auch keins. Ich will schreiben. Mein Deutsch verbessern, meinen Wortschatz erweitern. Und lesen, viel lesen!“

Diesen Blog wird er übrigens nicht lesen. Reid Anderson ist berühmt dafür, dass er keinen Computer hat – der Qualität seiner Arbeit hat es keinen Abbruch getan. Sein einziges Zugeständnis an die modernen Technologien ist sein Smartphone. „Vielleicht werde ich mir jetzt einen Computer anschaffen. Großes Interesse habe ich ehrlich gesagt nicht. YouTube, Facebook, das war mir immer egal. Ich google auch fast nie etwas.“ Alle Fans von Reid Anderson müssen jetzt sehr stark sein: Einen twitternden Ex-Ballettchef wird es auch in Zukunft nicht geben.


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Kabatek bloggt!: Sag zum Abschied leise Lulu

Mit Christian Spucks erfolgreichem Handlungsballett beginnen die Vorstellungen der Festwoche

„Sie werden trotzdem einen schönen Abend haben“, verabschiedet Sonia Santiago die aufmerksamen Zuhörer trocken, nachdem sie im Opernhaus in Lulu eingeführt hat, und alle lachen. In der Tat. Die Handlung von Lulu, dem großen ersten Handlungsballett von Christian Spuck klingt mit ihren zahlreichen Toten und zwielichtigen Gestalten eher nach einem Splatter-Movie als nach einem stimmungsvollen Ballettabend. Tatsächlich geht es jedoch um eine Frau, eben jene Lulu, die dem Ballett seinen Namen verliehen hat, eine Figur, die bis zum Schluss schwer zu beschreiben, schwer zu greifen und noch schwerer zu begreifen ist. Sie mordet die Männer, im übertragenen wie im wörtlichen Sinne, und wird am Ende selber ermordet – nein, lustig ist das nicht.

Wir schreiben den zweiten Abend der Festwoche für Reid Anderson, und der scheidende Intendant hat sich von seinem ehemaligen Hauschoreographen Christian Spuck zum Abschied eines der ersten Handlungsballette, die er in Auftrag gegeben hat, gewünscht. 2003 wurde Lulu in Stuttgart uraufgeführt und war ein riesiger Erfolg, ein Erfolg, der auch dazu beigetragen hat, dass Christian Spuck mittlerweile selber Ballettdirektor in Zürich ist, und ein sehr erfolgreicher noch dazu. Er hat Reid Anderson seinen Wunsch erfüllt, sechs Wochen mit dem Stuttgarter Ballett gearbeitet und einige Dinge wie Kostüme und Bühne überarbeitet, wie Sonia Santiago berichtet. Am 6. Juni war die Premiere der Neufassung. Die Leute lauschen bei der Einführung so ernsthaft und so konzentriert, als würde der Stoff hinterher abgefragt. Ob es das in anderen Ballett-Städten wohl auch so gibt? Dass das Publikum nicht nur in die Vorstellungen strömt, sondern sich sogar um die Plätze bei der Einführung reißt, schon vor Öffnung der Türen im Foyer ansteht, um nur ja nichts zu verpassen? So sind sie eben, die Stuttgarter Ballettfans!

Ich habe Lulu damals mit Katja Wünsche gesehen und freue mich nun auf Alicia Amatriain in der Hauptrolle. Neben mir sitzen Maggie Foyer von Dance Europe und David Mead, Ballettkritiker des Londoner Online-Magazins Seeing Dance. „I love Christian’s work!“, schwärmt Maggie. Sie fängt an, mir von der Londoner Ballettszene zu berichten und von den Ängsten, dass der Brexit die Kulturlandschaft zerstört, aber nun geht das Licht aus und das Ballett beginnt. Es ist ein Ballett, das viele Momente hat, die schwer auszuhalten sind, vor allem, wenn man selber weiblichen Geschlechts ist. Lulu wird herumgeschubst, betatscht und missbraucht, ein Opfer der Männer, manchmal vieler Männer gleichzeitig, sie erscheint hilflos und ausgeliefert, und andererseits inszeniert sie sich und ihren Körper als sei sie eine Göttin, frivol, obszön und selbstbewusst. Sie treibt diejenigen, die sie lieben, in den Wahnsinn, ohne dabei allzu sichtbare Reue zu empfinden. Man kann es kaum in Worte fassen, dieses komplexe Ballett, in dem jeder letztlich versucht, den anderen zu manipulieren. Alicia Amatriain tanzt und verkörpert diese Rolle mit solcher Intensität und Verletzlichkeit, dass es beinahe quälend ist, ihr zuzuschauen.

Alicia Amatriain als Lulu © Carlos Quezada

Bis zum Schluss bleibt Lulu rätselhaft und widersprüchlich. Ihr Ende, die Ermordung durch Jack the Ripper, ist brutal anzuschauen. Es ist wie bei Romeo und Julia, man weiß es zwar vorher, aber das macht es nicht besser. „Nicht gerade ein Happy End“, murmelt Maggie Foyer neben mir. „Romeo und Julia war gestern auch kein Happy End vergönnt“, meine ich. „Aber die haben wenigstens vorher ein paar gute Zeiten!“, kontert sie. Ja, das stimmt. So richtig gute Zeiten hat Lulu nicht gehabt. Der Vorhang schließt sich, Applaus brandet auf, dann öffnet er sich wieder, und da steht sie, ganz allein, Alicia Amatriain als Lulu, sichtlich erschöpft, und Bravorufe schallen ihr entgegen. Was für eine Rolle! Was für eine Ausnahme-Tänzerin! Dann folgt die ganze Compagnie, und weiterer tosender Applaus, auch für das Staatsorchester Stuttgart unter James Tuggle, das an diesem Abend grandios die nicht unbedingt einfache Musik von Dmitri Schostakowitsch, Alban Berg und Arnold Schönberg gespielt hat.

Nachdem man sich nun einen ganzen Abend den Kopf über Lulu, diese schwer zu verstehende Frau zerbrochen hat, wird es spannend sein zu hören, wie die, die sich am intensivsten mit ihr auseinandersetzt und diese unfassbar anspruchsvolle Rolle so bravourös meistert, Lulu charakterisiert. „Ich denke, sie ist eine Frau, die im Kopf ein Kind ist, die nicht wirklich weiß, was sie tut. Sie kann gar nicht ohne Männer an ihrer Seite sein, sie braucht Männer, aber sie macht es nicht bewusst“, meint Alicia Amatriain nach der Vorstellung in einer Garderobe hinter der Bühne. Ihre langen blonden Haare sind nicht mehr unter der Pagenkopf-Perücke versteckt, sondern frisch gewaschen. Sie wirkt erstaunlich frisch nach dieser Anstrengung. Und wie ist es, die Körperlichkeit dieser Rolle auszuhalten? Schließlich wird sie ständig angefasst, oft sehr grob, oft sehr intim. Auch, wenn es eine Bühnensituation ist, ist das nicht brutal, selbst für einen Profi? „Das ist nun mal die Rolle“, meint sie achselzuckend. Gibt es etwas, das ihr hilft, sich vor der Vorstellung mental darauf vorzubereiten? „Ich habe immer die gleiche Routine vor jeder Vorstellung, egal, ob ich Julia oder Lulu tanze“, erklärt Alicia. „Ich bin immer zwei Stunden vor Vorstellungsbeginn im Theater. Dann mache ich mein Make-Up und meine Haare und dann ein paar Übungen an der Stange, dann gehe ich auf die Bühne und probiere ein bisschen was aus, dann gehe ich wieder zurück hinter die Bühne, das sind so meine Abläufe. Und wenn es dann losgeht, bin ich voll vorbereitet. Ich habe nie Hektik vor einer Vorstellung, ich bin nicht am Rennen. Ich brauche diese Zeit.“ Alicia Amatriain arbeitet nun seit zwanzig Jahren mit Reid Anderson zusammen, eine lange Zeit. „Ich werde alles an ihm vermissen“, sagt sie. „Ich bin mit ihm aufgewachsen, er ist meine ganze Karriere. Aber man muss immer nach vorn gucken! Reid geht uns ja nicht verloren, und wir haben jetzt einen spannenden und überraschenden Anfang mit Tamas Detrich vor uns, und ich bin offen für das, was kommt. Wobei…“, überlegt sie, „es ist ja eigentlich kein Anfang, es ist ein Weitergehen. Genau – das ist kein Ende und kein Anfang, das ist ein Weitergehen.“ Und mit diesen schönen, geradezu poetischen Worten verabschieden wir Alicia, die jetzt endlich ihre Freunde in der Kantine treffen und sich erholen will nach diesem Kraftakt und dieser grandiosen Vorstellung!

Heute Nachmittag geht es schon weiter – um 13 Uhr dreht sich bei der One-Man-Show im Schauspielhaus alles um den Mann, um den sich alles dreht – Reid Anderson, und es gibt sogar noch Karten für Spontanentschlossene. Auf das Gespräch mit ihm freue ich mich besonders! Davor präsentiert Roman Novitzky, der nicht nur ein ausdrucksstarker Tänzer ist, wie er gestern Abend in Lulu wieder einmal bewiesen hat, sondern das Ballett auch fotografisch in Szene setzen kann, um 12 Uhr im Foyer des Schauspielhauses seinen Fotoband Der tanzende Blick (Eintritt frei).