Stuttgarter Ballett Blog


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Kabatek bloggt!: Sag zum Abschied leise Lulu

Mit Christian Spucks erfolgreichem Handlungsballett beginnen die Vorstellungen der Festwoche

„Sie werden trotzdem einen schönen Abend haben“, verabschiedet Sonia Santiago die aufmerksamen Zuhörer trocken, nachdem sie im Opernhaus in Lulu eingeführt hat, und alle lachen. In der Tat. Die Handlung von Lulu, dem großen ersten Handlungsballett von Christian Spuck klingt mit ihren zahlreichen Toten und zwielichtigen Gestalten eher nach einem Splatter-Movie als nach einem stimmungsvollen Ballettabend. Tatsächlich geht es jedoch um eine Frau, eben jene Lulu, die dem Ballett seinen Namen verliehen hat, eine Figur, die bis zum Schluss schwer zu beschreiben, schwer zu greifen und noch schwerer zu begreifen ist. Sie mordet die Männer, im übertragenen wie im wörtlichen Sinne, und wird am Ende selber ermordet – nein, lustig ist das nicht.

Wir schreiben den zweiten Abend der Festwoche für Reid Anderson, und der scheidende Intendant hat sich von seinem ehemaligen Hauschoreographen Christian Spuck zum Abschied eines der ersten Handlungsballette, die er in Auftrag gegeben hat, gewünscht. 2003 wurde Lulu in Stuttgart uraufgeführt und war ein riesiger Erfolg, ein Erfolg, der auch dazu beigetragen hat, dass Christian Spuck mittlerweile selber Ballettdirektor in Zürich ist, und ein sehr erfolgreicher noch dazu. Er hat Reid Anderson seinen Wunsch erfüllt, sechs Wochen mit dem Stuttgarter Ballett gearbeitet und einige Dinge wie Kostüme und Bühne überarbeitet, wie Sonia Santiago berichtet. Am 6. Juni war die Premiere der Neufassung. Die Leute lauschen bei der Einführung so ernsthaft und so konzentriert, als würde der Stoff hinterher abgefragt. Ob es das in anderen Ballett-Städten wohl auch so gibt? Dass das Publikum nicht nur in die Vorstellungen strömt, sondern sich sogar um die Plätze bei der Einführung reißt, schon vor Öffnung der Türen im Foyer ansteht, um nur ja nichts zu verpassen? So sind sie eben, die Stuttgarter Ballettfans!

Ich habe Lulu damals mit Katja Wünsche gesehen und freue mich nun auf Alicia Amatriain in der Hauptrolle. Neben mir sitzen Maggie Foyer von Dance Europe und David Mead, Ballettkritiker des Londoner Online-Magazins Seeing Dance. „I love Christian’s work!“, schwärmt Maggie. Sie fängt an, mir von der Londoner Ballettszene zu berichten und von den Ängsten, dass der Brexit die Kulturlandschaft zerstört, aber nun geht das Licht aus und das Ballett beginnt. Es ist ein Ballett, das viele Momente hat, die schwer auszuhalten sind, vor allem, wenn man selber weiblichen Geschlechts ist. Lulu wird herumgeschubst, betatscht und missbraucht, ein Opfer der Männer, manchmal vieler Männer gleichzeitig, sie erscheint hilflos und ausgeliefert, und andererseits inszeniert sie sich und ihren Körper als sei sie eine Göttin, frivol, obszön und selbstbewusst. Sie treibt diejenigen, die sie lieben, in den Wahnsinn, ohne dabei allzu sichtbare Reue zu empfinden. Man kann es kaum in Worte fassen, dieses komplexe Ballett, in dem jeder letztlich versucht, den anderen zu manipulieren. Alicia Amatriain tanzt und verkörpert diese Rolle mit solcher Intensität und Verletzlichkeit, dass es beinahe quälend ist, ihr zuzuschauen.

Alicia Amatriain als Lulu © Carlos Quezada

Bis zum Schluss bleibt Lulu rätselhaft und widersprüchlich. Ihr Ende, die Ermordung durch Jack the Ripper, ist brutal anzuschauen. Es ist wie bei Romeo und Julia, man weiß es zwar vorher, aber das macht es nicht besser. „Nicht gerade ein Happy End“, murmelt Maggie Foyer neben mir. „Romeo und Julia war gestern auch kein Happy End vergönnt“, meine ich. „Aber die haben wenigstens vorher ein paar gute Zeiten!“, kontert sie. Ja, das stimmt. So richtig gute Zeiten hat Lulu nicht gehabt. Der Vorhang schließt sich, Applaus brandet auf, dann öffnet er sich wieder, und da steht sie, ganz allein, Alicia Amatriain als Lulu, sichtlich erschöpft, und Bravorufe schallen ihr entgegen. Was für eine Rolle! Was für eine Ausnahme-Tänzerin! Dann folgt die ganze Compagnie, und weiterer tosender Applaus, auch für das Staatsorchester Stuttgart unter James Tuggle, das an diesem Abend grandios die nicht unbedingt einfache Musik von Dmitri Schostakowitsch, Alban Berg und Arnold Schönberg gespielt hat.

Nachdem man sich nun einen ganzen Abend den Kopf über Lulu, diese schwer zu verstehende Frau zerbrochen hat, wird es spannend sein zu hören, wie die, die sich am intensivsten mit ihr auseinandersetzt und diese unfassbar anspruchsvolle Rolle so bravourös meistert, Lulu charakterisiert. „Ich denke, sie ist eine Frau, die im Kopf ein Kind ist, die nicht wirklich weiß, was sie tut. Sie kann gar nicht ohne Männer an ihrer Seite sein, sie braucht Männer, aber sie macht es nicht bewusst“, meint Alicia Amatriain nach der Vorstellung in einer Garderobe hinter der Bühne. Ihre langen blonden Haare sind nicht mehr unter der Pagenkopf-Perücke versteckt, sondern frisch gewaschen. Sie wirkt erstaunlich frisch nach dieser Anstrengung. Und wie ist es, die Körperlichkeit dieser Rolle auszuhalten? Schließlich wird sie ständig angefasst, oft sehr grob, oft sehr intim. Auch, wenn es eine Bühnensituation ist, ist das nicht brutal, selbst für einen Profi? „Das ist nun mal die Rolle“, meint sie achselzuckend. Gibt es etwas, das ihr hilft, sich vor der Vorstellung mental darauf vorzubereiten? „Ich habe immer die gleiche Routine vor jeder Vorstellung, egal, ob ich Julia oder Lulu tanze“, erklärt Alicia. „Ich bin immer zwei Stunden vor Vorstellungsbeginn im Theater. Dann mache ich mein Make-Up und meine Haare und dann ein paar Übungen an der Stange, dann gehe ich auf die Bühne und probiere ein bisschen was aus, dann gehe ich wieder zurück hinter die Bühne, das sind so meine Abläufe. Und wenn es dann losgeht, bin ich voll vorbereitet. Ich habe nie Hektik vor einer Vorstellung, ich bin nicht am Rennen. Ich brauche diese Zeit.“ Alicia Amatriain arbeitet nun seit zwanzig Jahren mit Reid Anderson zusammen, eine lange Zeit. „Ich werde alles an ihm vermissen“, sagt sie. „Ich bin mit ihm aufgewachsen, er ist meine ganze Karriere. Aber man muss immer nach vorn gucken! Reid geht uns ja nicht verloren, und wir haben jetzt einen spannenden und überraschenden Anfang mit Tamas Detrich vor uns, und ich bin offen für das, was kommt. Wobei…“, überlegt sie, „es ist ja eigentlich kein Anfang, es ist ein Weitergehen. Genau – das ist kein Ende und kein Anfang, das ist ein Weitergehen.“ Und mit diesen schönen, geradezu poetischen Worten verabschieden wir Alicia, die jetzt endlich ihre Freunde in der Kantine treffen und sich erholen will nach diesem Kraftakt und dieser grandiosen Vorstellung!

Heute Nachmittag geht es schon weiter – um 13 Uhr dreht sich bei der One-Man-Show im Schauspielhaus alles um den Mann, um den sich alles dreht – Reid Anderson, und es gibt sogar noch Karten für Spontanentschlossene. Auf das Gespräch mit ihm freue ich mich besonders! Davor präsentiert Roman Novitzky, der nicht nur ein ausdrucksstarker Tänzer ist, wie er gestern Abend in Lulu wieder einmal bewiesen hat, sondern das Ballett auch fotografisch in Szene setzen kann, um 12 Uhr im Foyer des Schauspielhauses seinen Fotoband Der tanzende Blick (Eintritt frei).

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EMAIL AUS… MADRID (ALICIA AMATRIAIN)

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Alicia Amatriain während der Preisverleihung von El Ojo Crítico

Hallo an alle Stuttgarter,

gestern Abend war ein ganz besonderer für mich – ich habe den Preis El Ojo Crítico 2017 bekommen. :)) Jeder Preis ist immer etwas Besonderes, aber dieses Mal war es bei mir zu Hause in Spanien, was mir sehr viel bedeutet hat. Kurz und schön, wir sehen uns bald wieder.

Grüße aus Madrid
Alicia

Oh, und ps: Das Kleid ist aus meiner eigenen Kollektion – Wearing #AA


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EMAIL AUS … SAN SEBASTIÁN (ALICIA AMATRIAIN)

Alicia Amatriain bei ihrer Gala in San Sebastián.

Alicia Amatriain bei ihrer Gala in San Sebastián.

Hallo liebe Stuttgarter!

Alles verläuft wunderbar hier in San Sebastián, wo ich eine Gala mit dem Titel „Donostia Bihotzean“ (San Sebastián in meinem Herzen) präsentiere. Wir sind bereit für unsere erste Vorstellung und ich freue mich sehr, die Bühne mit meinen Stuttgarter Kollegen Friedemann Vogel und Martí Fernández Paixà sowie mit meinen internationalen KollegenInnen Marijn Rademaker, Daniel Camargo, Xander Parish, Aya Okumura Ekaterina Osmolkina, and Timothy van Poucke zu teilen.

Ich werde einen Pas de deux aus Onegin, Legende und Aus Holbergs Zeit von John Cranko tanzen, sowie einen Auszug aus Hans van Manen’s Frank Bridge Variations und Katarzyna Kozielskas Lightness in Spirit. Außerdem eine Uraufführung von Fabio Adoriso mit dem Titel Egurra.

Ich möchte meiner Geburtsstadt San Sebastián von ganzem Herzen für den sehr schönen und warmherzigen „Willkommensgruß“, den man mir gestern im Rathaus bereitet hat, danken.

Wie immer vermisse ich Euch, das Stuttgarter Publikum, und freue mich auf das Wiedersehen am Montag!

Küsschen,

Alicia Amatriain


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Singapur // Oktober 2017 (Tag 4)

Nach Aufbau, Bühnenproben und Generalprobe war es endlich soweit: die erste Vorstellung verlief sehr erfolgreich – eine tolle Stimmung herrschte auf der Bühne und im Zuschauerraum! Es gab viele Vorhänge für alle Tänzer und die Musiker des Singapore Lyric Opera Orchestra.

 


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EMAIL AUS … NEAPEL (ALICIA AMATRIAIN)

Alicia Amatriain auf der Bühne des Teatro di San Carlo  in Neapel, Foto: privat

Alicia Amatriain auf der Bühne des Teatro di San Carlo in Neapel, Foto: privat

Liebe Stuttgarter,

ich bin seit letzten Mittwoch in Neapel und genieße die wunderbare italienischen Sonne und das großartige Essen hier. Aber natürlich bin ich vor allem hergekommen, um zu arbeiten :)

Ich habe hier im wunderschönen Teatro di San Carlo für die Uraufführung von Gianluca Schiavonis Alice im Wunderland geprobt, die Premiere war gestern Abend – und morgen freue ich mich auf die zweite Vorstellung!

Ich hatte so eine schöne Woche hier! Die Tänzer sind so warmherzig, dass wir in kurzer Zeit wie zu einer Familie geworden sind :) Es war also tatsächlich wie ein „Abenteuer im Wunderland“!

Aber ich freue mich schon, euch auch bald wieder zu sehen!

Viele Küsse aus Italien

eure Alicia