Stuttgarter Ballett Blog


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Kabatek bloggt!: Danke, Reid!

Höhepunkt und Abschied: Der krönende Abschluss der Festwoche A Reid Anderson Celebration

Es ist nicht zu fassen. Kurz vor halb vier öffnen sich die Schleusen des Himmels. Platzregen! Der hält auch eine ganze Weile an. Und trotzdem gibt es viele, viele Tapfere, die sich davon nicht schrecken lassen und mit Schirm und Regencapes Ballett im Park genießen. Belohnt werden sie mit einem mehr als fünfstündigen, umwerfenden Programm!

Vor der Gala treffe ich mich mit der wunderbaren Sue Jin Kang. Vom Stuttgarter Publikum vergöttert, tanzte sie vor zwei Jahren bei der Festwoche zur 20-jährigen Intendanz von Reid Anderson ihre Abschiedsvorstellung – Onegin mit Jason Reilly. Wie ist es, zurück in Stuttgart zu sein?
„Immer schön“, lacht sie, diese wunderschöne Frau, die überhaupt nicht zu altern scheint. „Ich war so viele Jahre hier, Stuttgart ist immer noch meine zweite Heimat.“
Die zweite Frage, nämlich, ob die Leute sie immer noch erkennen, kann ich mir eigentlich sparen. Unser Gespräch wird nämlich ständig von Freudenschreien unterbrochen, und dann stürzen sich Ballettbesucher auf Sue Jin und küssen und umarmen sie. Keine Frage, das Publikum kennt und liebt sie noch immer!
„Tanzen Sie noch?“ Sie schüttelt den Kopf. „Die letzte Vorstellung hier, das war meine Abschiedsvorstellung. Das bleibt mir für immer. Wenn ich noch auf der Bühne stehen wollte, dann müsste ich viel trainieren, dann könnte ich meine Arbeit nicht machen. Ich trainiere für mich, dass schon, aber nur so viel, wie mein Körper braucht, und damit ich gegebenenfalls meiner Compagnie etwas vortanzen kann. Als ich früher beim Ballett war, habe ich immer sehr viele Übungen gemacht, und ich habe das als Gewohnheit beibehalten.“
Vermisst sie das Tanzen nicht? „Ich bin nicht traurig, dass ich nicht mehr tanze. Ich habe immer Schmerzen gehabt, als ich getanzt habe, aber das war nicht schlimm – ich wollte immer etwas weitergeben an die nächste Generation. Aber es ist schön, dass ich jetzt keine Schmerzen mehr habe!“ Nicht umsonst nannte Anderson Sue Jin seinen „Eisernen Schmetterling!“
„Wie geht es Ihnen in Korea, als Direktorin des Koreanischen Nationalballetts?“
„Es geht mir gut! Ich habe 90 Tänzerinnen und Tänzer und 120 Leute für das Drumherum. Ich bin jetzt gut ausgestattet, besser als am Anfang. Ballett wird in Korea immer mehr wertgeschätzt! Nicht ganz so wie Fußball, aber doch!“
„Ich habe mir mal das Repertoire angeschaut. Sie haben auch Christian Spuck im Programm. Wie kam das in Korea an?“
„Sehr gut! Bevor ich kam, wurden in Korea vor allem klassische Stücke wie Schwanensee getanzt. Die Tänzerinnen und Tänzer waren auch sehr klassisch, und sie mussten sich erst umstellen, dass sie nun ganz unterschiedliche Stücke machen – anfangs fiel ihnen das schwer. Jetzt sind sie viel flexibler. Christian Spucks Anna Karenina hat das Publikum sofort geliebt. Auch Der Widerspenstigen Zähmung kam sehr gut an, und den Tänzerinnen und Tänzern hat das sehr viel Spaß gemacht. Handlungsballette sind ein Geschenk für das Publikum!“
„Hat Reid Anderson Sie schon in Korea besucht?“
„Bisher hat er keine Zeit gehabt. Ich hoffe, er schafft es irgendwann!“
„Was geht Ihnen heute, bei seinem Abschied durch den Kopf?“
„Wir haben immer viel miteinander geredet, er war immer hilfsbereit. Ich kann nur ein Wort sagen: Danke! Das hat ganz viele Bedeutungen, nicht nur eine, und er weiß, was ich meine. Ich hoffe, er genießt das Leben jetzt, in dieser anderen Etappe. Ich wünsche ihm ein gesundes, ein happy life!“ Wir sind kaum aufgestanden, da strahlt ein älterer Herr Sue Jin an. „Sie waren die Allerbeste!“, ruft er aus.

Danke, Reid!, das wird das Motto des Abends. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Balletts tragen dieses Danke auf schwarzen T-Shirts. Tamas Detrich hat noch einen draufgesetzt, sein Danke-T-Shirt glitzert. Nach dem fulminanten Gala-Auftakt – die John Cranko Schule zeigt noch einmal einen Ausschnitt aus den Etüden, bevor die komplette Compagnie zum festlichen Defilee ganz in weiß auf die Bühne kommt – begrüßt der designierte Ballettdirektor die Galagäste. Er kündigt eine Retrospektive XXL an und bittet dann seinen Chef – „Ich sage ganz stolz: Er ist noch mein Boss!“ – auf die Bühne. „I’m going!“, ruft Reid aus der Königsloge, wo er heute zur Feier des Abends sitzt. Nicht in der üblichen Hausloge! Von dort winkt huldvoll Marcia Haydée herunter. Auf der Bühne stehen ein Rednerpult und zwei verschnörkelte Sessel. Reid nimmt Platz und Winfried Kretschmann dankt ihm als Ministerpräsident von Baden-Württemberg in einer sehr persönlichen Rede für die „Ära Anderson.“ Er bedankt sich für 2,5 Millionen Zuschauer, 94 Prozent Auslastung und dafür, dass 62 Prozent der Tänzerinnen und Tänzer „selbstgebacken“ aus der John Cranko Schule kamen. Er bescheinigt Reid Anderson, dass er Stuttgart durch die Internationalität offener und toleranter gemacht hat. „Und dass sich das Ballettwunder im protestantischen Schwaben ereignet hat, macht es noch größer!“ Zum Abschluss gelingt es Winfried Kretschmann nun sogar, den ansonsten wirklich nicht auf den Mund gefallenen Noch-Intendanten sprachlos zu machen – und gerührt. Er überreicht ihm nämlich die Große Staufermedaille in Gold – „Die seltenste Auszeichnung des Landes Baden-Württemberg!“

Als Nächstes – das Ballett wird zur einen Hälfte vom Land, zur anderen von der Stadt Stuttgart finanziert – bedankt sich Oberbürgermeister Fritz Kuhn für alles, was Reid Anderson für die Stadt getan hat. Er hofft, dass ihm noch ein langes Leben beschieden ist – „Aber wenn Sie dann in den Himmel kommen, dann werden Sie sicher als Erstes mit den Engeln eine Tanzcompagnie gründen!“

Dann hält Marcia Haydée eine Laudatio, in der sie sich nicht nur dafür bedankt, dass Reid Anderson sie nach dem offiziellen Ende ihrer Karriere von der Schwäbischen Alb zurück ans Ballett gelockt hat, und ihr mit Altersrollen wie der Amme in Onegin oder Romeo und Julia eine zweite Karriere beschert hat, sondern sie erzählt auch sehr lustige Anekdoten aus der Zeit, als sie mit Reid zusammen getanzt hat. Vor allem aber dankt sie ihm dafür, dass sie bis heute Teil des Stuttgarter Ballettwunders ist!

Alicia Amatriain und Friedemann Vogel nach Onegin, © Elisabeth Kabatek

Nun aber, endlich, nach all den Reden, wird getanzt! Und WIE getanzt wird. Um siebzehn Uhr hat die Gala begonnen; als die Gäste das Opernhaus verlassen, ist es kurz vor dreiundzwanzig Uhr! Wenn man alle Stücke dieses Abends zusammenzählt, kommt man auf zweiundzwanzig. Zweiundzwanzig Stücke für zweiundzwanzig Jahre Intendanz, chronologisch mit Romeo und Julia (1996/97) beginnend und (nicht chronologisch) mit Onegin endend, bevor das rauschende Finale beginnt. Es sind zu viele Stücke, um sie einzeln zu beschreiben. Es sind überwiegend Pas de deux, zu jeder Choreographie wird ein riesiges Foto mit Namen und Bild der ursprünglichen Besetzung projiziert. Dies ist der Abend, an dem vor allem die Solistinnen und Solisten Reid Anderson ihre Referenz erweisen. Eine Leistungsschau sondergleichen, und das nach einer kräftezehrenden Festwoche! Aber niemand wirkt an diesem Abend müde. Nicht Hyo-Jung Kang und Jason Reilly, die die Balkonszene aus Romeo und Julia auch ohne Balkon herzzerreißend tanzen. Nicht Alicia Amatriain, Roman Novitzky und Martí Fernández Paixà, die in der Suite von Uwe Scholz einen wunderschönen Pas de trois tanzen, in dem Alicia wie das Bindeglied zwischen den beiden Männern wirkt, eine Choreographie, die mit einem wunderschönen Moment der Verbundenheit endet. Und schon gar nicht Elisa Badenes und Gasttänzer Daniel Camargo, die das Publikum gleich zweimal zu Begeisterungsstürmen und lauten Bravo-Rufen hinreißen, einmal in Maximiliano Guerras Don Quijote und einmal in Crankos Der Widerspenstigen Zähmung. Wie Daniel springt und wie Elisa Pirouetten dreht – das ist einfach sensationell! Dies ist ein Abend der Höchstleistungen, und man spürt, wie hier alle noch einmal ihre Kräfte mobilisieren, um sich bei ihrem geliebten Intendanten zu bedanken und zu verabschieden. Der Gänsehaut-Moment des Abends ist der Pas de deux aus John Neumeiers Othello, getanzt von Gast-Tänzerin Anna Laudere und Jason Reilly. Kann man die Liebesbeziehung zweier Menschen zärtlicher und anrührender darstellen – und tanzen? Wohl kaum! Jedenfalls hält das ganze Publikum hörbar den Atem an.

Elisa Badenes und Jason Reilly, © Elisabeth Kabatek

In der zweiten Pause bin ich kurz hinter der Bühne, für ein kurzes Interview mit Sonia Santiago, die Ballett im Park moderiert. „Noch immer nicht im Tutu?“, fragt mich Friedemann Vogel grinsend. Äh – nein, und das ist auch besser so! Haben Sie sich schon einmal gefragt, was Ballettstars in der Pause machen? Hängen sie erschöpft in der Ecke und saugen an ihrer Wasserflasche? Nein, sie sind alle irgendwo auf der Bühne und dehnen, und sie sehen kein bisschen müde aus! Nach der zweiten Pause geht es Schlag auf Schlag: Friedemann Vogel tanzt ein Solo aus Marco Goeckes Orlando, das Publikum tobt, und so geht es nun weiter bis zum Schluss, denn nach jedem Stück gibt es Grund zu toben. Natürlich darf Die Kameliendame nicht fehlen, Roman Novitzky tanzt die Rolle des Vaters, die John Neumeier 1978 für Reid Anderson kreierte. Übrigens wird die Kameliendame in der nächsten Spielzeit wieder aufgenommen! Kurz vor Schluss gibt es noch das saukomische Spuck-Stück Le Grand Pas de deux. Man merkt Elisa Badenes und Jason Reilly an, was sie für einen Riesen-Spaß haben. Elisa tanzt mit Brille und Handtäschchen und macht mit ihrem Tanzpartner, der sie auch mal reichlich unsanft über die Bühne schleift, so einiges mit. Humor im Ballett, das ist sauschwer, hat Rolando D’Alesio vor ein paar Tagen zu mir gesagt. Die Mischung aus Komik und tänzerischer Höchstleistung machen das Stück zu einem der umjubelsten des Abends. Das letzte Stück vor dem Finale ist der Schluss von Onegin, getanzt von Alicia und Friedemann. Wie die beiden es schaffen, von Null auf Hundert in diese hochdramatische Szene einzutauchen und das Publikum zu Tränen zu rühren – unfassbar!

Unfassbar ist auch das Programm, das Tamas Detrich zusammengestellt hat, um seinem Chef zu danken und ihn zu verabschieden. Wie im Flug ist der Abend mit diesen Weltklasse-Tänzerinnen und – Tänzern vergangen. Beim rauschenden Finale, mit dem Tamas Detrich den Bogen schlägt zur Gala vor zwei Jahren, erweist die ganze Compagnie ihrem scheidenden Intendanten singend und tanzend die Referenz, bevor die Solistinnen und Solisten im Hintergrund aufmarschieren. „Danke, Reid!“, wird in riesigen Buchstaben auf die Decke des Opernhauses projiziert, und nun, endlich, darf sich auch das Publikum bedanken, mit den Plakaten, die es Reid entgegenstreckt, und auf denen – wie könnte es anders sein – Danke, Reid!, steht. Der kommt endlich auf die Bühne, und nun wird umarmt und geküsst und gelacht und sicherlich auch geweint, bevor viele Gäste und Wegbegleiter Reid mit einer Rose und einer Umarmung verabschieden – Sue Jin, Bridget Breiner, Christian Spuck. Eric Gauthier wirft sich vor Reid auf den Boden, und der wiederum schnappt sich Georgette Tsinguirides und hebt sie hoch und drückt sie. All dies unter dem tosenden Applaus des Publikums, das längst aufgesprungen ist, auch den Ministerpräsidenten und den Oberbürgermeister hält es nicht mehr auf ihren Sitzen, und noch immer streckt das Publikum Reid seine Dankes-Herzen entgegen – und der bedankt sich schließlich mit einer sehr, sehr komischen, selbstironischen Stepp-Improvisation zwischen Luftballons beim Publikum, bis zum Schluss der perfekte Entertainer.

Schlussapplaus, © Elisabeth Kabatek

Und nun ist alles gut. Es ist gut, dass es ein Ende gefunden hat, denn irgendwann muss auch die schönste Festwoche zu Ende gehen, auf Dauer hält das ja kein Mensch durch, der scheidende und der neue Intendant nicht, die Tänzerinnen und Tänzer nicht, die Leute hinter den Kulissen nicht, das Publikum nicht, und auch nicht die Bloggerin. All die Emotionen der vergangenen Tage, sie müssen erst einmal verarbeitet und verdaut werden, all diese traumhaft schönen Momente im Ballett. Es wird gut sein, wieder zu normalen Zeiten ins Bett gehen zu dürfen. Auch wenn ich schon befürchte: Morgen wird etwas fehlen, es wird ein wenig leer sein und ein wenig melancholisch. Aber die gute Nachricht ist: Es ist ein Abschied. Kein Ende! Ein Neuanfang im Herbst mit Tamas Detrich. Oder, um Alicia Amatriain noch einmal zu zitieren: Ein Weitergehen. Danke, Reid. Alles Gute! Und alles Gute, Tamas Detrich – wir freuen uns drauf!

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Kabatek bloggt!: Wer sind die Superstars von morgen?

Bei der Gala der John Cranko Schule gibt der Nachwuchs alles

Es ist der Morgen vor der Gala der John Cranko Schule, und es regnet. Nach all den trockenen Tagen, ausgerechnet heute! Den Tänzerinnen und Tänzern, die gestern Abend größtenteils auf der Bühne standen, um einen grandiosen Onegin abzuliefern, war nur eine kurze Nacht beschieden. Praktisch die komplette Compagnie steht hinter der Bühne parat – Generalprobe für die Gala! Sie sind alle in voller Montur und perfekt geschminkt und warten auf ihren Auftritt, die Generalprobe ist wie der Ernstfall, und es ist gar nicht so einfach, über die Bühne zu kommen, denn Tutus benötigen ziemlich viel Platz um sich herum, wie ich schnell lerne. Tadeusz Matacz, der Direktor der John Cranko Schule, braucht noch ein paar Minuten. Er kann sich gerne Zeit lassen, so lange darf ich im Parkett bei der Generalprobe zuschauen – und natürlich nichts davon verraten! Die Luft knistert geradezu vor Anspannung und Konzentration, ein ganzer Trupp von Leuten beobachtet die Probe, Tamas Detrich gibt per Mikrofon Anweisungen auf Englisch und ruft einmal „Ruhe, bitte!“ Er ist schließlich für die komplette Gala verantwortlich, Reid Anderson wurde in Urlaub geschickt, damit er nicht einmal die Musik zu den Proben durch die Gänge des Opernhauses schallen hört, denn dann wüsste er natürlich sofort, was heute getanzt wird! Und außerdem soll das Wetter bis zum Nachmittag gut werden!

Am Samstag aber geht es erst einmal um den Nachwuchs – um die John Cranko Schule und ihren Direktor Tadeusz Matacz. Wir sitzen im Foyer im 1. Rang, im Hintergrund ist noch immer die Musik für die Gala zu hören. Vor zwei Jahren hat er mir erzählt, dass er sich beim Bau der Schule fühlt wie eine Mischung aus Architekt, Bauingenieur und Handwerker. Wie sieht es heute aus? Er seufzt. „Es ist nicht besser geworden. Wissen Sie, ich arbeite schon mein ganzes Leben am Ballett. Da geht es immer um schnelles Verarbeiten, um Reaktion, um Geschwindigkeit. Meine Arbeit gleicht der Arbeit in einem Bienenschwarm, man muss unglaublich wach sein. Beim Bau der Schule geht alles viel schleppender, das ist eine ganz andere Herangehensweise, und die Mühlen mahlen langsam. Das ist für mich eine Geduldsprobe. Ich bin der einzige Ballettspezialist in der Runde, seit der Jahrtausendwende versuche ich Architekten und Handwerkern und dem Hochbauamt in endlosen Sitzungen unsere Nutzungsanforderungen zu vermitteln. Wenn ich eines gelernt habe, dann dies: Für mich heißt optimieren, die beste Lösung zu finden. Wir brauchen das, was wir brauchen. Aber mir wird ständig vermittelt, dass die optimale Lösung die billigste ist. “
Und wenn es dann hoffentlich irgendwann geschafft ist, worauf freut er sich dann am meisten?
„Zunächst müssen wir den Umzug schaffen, das wird noch einmal ein riesiges Logistik-Problem. Aber dann haben wir acht Ballettsäle, vier große mit je 210 Quadratmetern und vier kleine mit je 135 Quadratmetern – die kleinen sind so groß wie unser jetziger großer Raum.“
„Und ohne Säulen!“ Diese Säulen, die Reid Anderson in den Wahnsinn getrieben haben!
„Genau, ohne Säulen! Das ist dann Weltniveau, endlich. Die Probebühne wird genauso groß sein wie die Bühne im Opernhaus, wir können dann 1:1 proben. Ich habe gesagt, die Dimensionen müssen so groß sein wie das größte Bühnenbild im Opernhaus, das ist im Moment Lulu, und das könnten wir dort in der Schule machen. Jetzt geht es an das Feintuning, das ist auch nicht so einfach. Stellen Sie sich vor, jetzt wollen die Bauherren spezielle Stühle für die Compagnie gestalten – dabei hocken die bei der Probe immer nur auf dem Boden! Ich habe ja keine Vorbilder, es ist die einzige Ballettschule weltweit, die neu gebaut wird, alle anderen Schulen sind in Gebäuden untergebracht, die umgenutzt wurden. Mit der neuen Schule sind wir endlich konkurrenzfähig.“
„Konkurrenzfähig? Reißt sich der Nachwuchs denn nicht darum, nach Stuttgart zu kommen?“
„Es ist nicht so, dass der Name Stuttgart allein genügt! Weltweit reißen sich alle Ausbildungsstätten um Talente. Wir sprechen hier ja von 14- bis 16-Jährigen. Ein Umzug nach Stuttgart ist für viele ein größeres Problem als ein Umzug in ein englischsprachiges Land, wegen der deutschen Sprache. Wir dürfen uns nicht darauf verlassen, dass wir der Nabel der Welt sind, es ist keine Selbstverständlichkeit.“
„Wenn Sie einen Schüler oder eine Schülerin für die Schule in Betracht ziehen, schauen Sie da auch nach der Persönlichkeit?“
„Heute suchen wir den Nachwuchs vor allem bei Wettbewerben. Die tanzen da vierzig Sekunden bis maximal zwei Minuten. Da muss ich blitzschnell entscheiden. Vortanzen, hier bei uns, das machen wir praktisch nicht mehr, die Bewerbungen kommen alle per Videos. Bei 14-, 15-, 16-Jährigen kann man noch nicht von Persönlichkeit sprechen, die Reife kommt später mit der Erfahrung. Was mich erschreckt: Das technische Niveau klettert immer weiter in die Höhe. Wo sind die Grenzen des menschlichen Könnens? Und dann schauen Sie sich an, was aus Stars wie Michael Jackson wird, wenn man sie zu sehr pusht. Nicht so sehr pushen, nicht so viel anheizen! Ich bremse eher. Unser erster Job ist die Ausbildung.“
Und worauf freut er sich am meisten bei der Gala?
„Ich habe bei der Auswahl natürlich an Reid gedacht. Aber das ist kein Programm, um das Publikum zu blenden, sondern um zu zeigen, wo wir stehen. Vergessen Sie nicht: Das sind Kinder und Jugendliche! Auch wenn sich jetzt schon abzeichnet, dass in den nächsten Jahren drei, vier Superstars aus der Schule kommen.“

Die Superstars von morgen, wird man sie bei der Gala entdecken? Ob das Stuttgarter Publikum mit seinem geschulten Blick schon gesehen hat, wo die Talente schlummern? Zum Glück regnet es abends nicht mehr, die frühere Solistin Sonia Santiago verbreitet bei Ballett im Park als Moderatorin gute Laune. Im Opernhaus sind heute auffällig viele Kinder, wahrscheinlich haben sie Geschwister in der John Cranko Schule oder träumen von einer Karriere beim Ballett. Die Stimmung ist festlich, jeder Platz ist besetzt. Der Abend beginnt mit den älteren Tänzerinnen und Tänzern, die die wunderschöne Choreographie Air! von Uwe Scholz tanzen. Erst dreiundzwanzig Jahre alt war Uwe Scholz, als er dieses zeitlos ästhetische Stück 1982 für das Stuttgarter Ballett (damals unter Marcia Haydée) schuf. Sechs Paare in den Farben Vanille, Schoko und Rost stehen auf der Bühne und tanzen mit großer Leichtigkeit und Freude auf die Musik von Johann Sebastian Bach, die sich ganz wunderbar fürs Ballett eignet. Im zweiten Satz entstehen immer neue, wunderschöne Bilder, die man wegen des langsamen Tempos so richtig auskosten kann – im dritten Satz gibt es eine erste Kostprobe davon, was die Männer an gewaltigen Sprüngen draufhaben! Nach diesem fulminanten Auftakt gibt es eine sehr kurze, sehr bewegende Rede von Tadeusz Matacz.

Reid Anderson, Tadeusz Matacz und SchülerInnen der John Cranko Schule, © Elisabeth Kabatek

„Wie kann man einen langjährigen Freund verabschieden? Alle Worte scheinen mir so unpassend, bis auf diese“ – er deutet auf sein T-Shirt, auf dem „Danke, Reid“, steht. Dann erzählt er die Anekdote, wie er in seiner Anfangszeit als Direktor der John Cranko Schule zum Intendanten ging und ihm tausend Fragen stellte. „Das ist deine Schule, mach, was du willst!“, war die Antwort. Es ist dieser Rückhalt, die Loyalität von Reid Anderson, die Tadeusz Matacz besonders herausstreicht.

Nun aber weiter im Programm, und jetzt gibt es gleich einen Knaller. Aina Oki und Motomi Kiyota tanzen Sylvia Pas de deux von George Balanchine, und die beiden aus Japan stammenden Tänzer sind einfach atemberaubend! Aina dreht Pirouetten, dass einem schon beim Zuschauen schwindlig wird, und Motomi beeindruckt nicht nur in diesem Stück mit ungeheuer hohen und kraftvollen Sprüngen. Dann geht es gerade so weiter, mit Marco Goeckes A Spell on You, von drei Tänzern und einer Tänzerin in rasendem Tempo so unfassbar perfekt getanzt, dass man nicht glauben mag, dass man es hier nicht mit alten Hasen zu tun hat – besonders Navrin Turnbull reißt das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin. Dann kommt schon der nächste Höhepunkt, Wiktoria Byczkowska mit Henrick Erickson und Alexander Smith in Lamento della ninfa. Die norwegische Sängerin Ane Brun hat aus Monteverdis Original einen wunderschönen „barocken Popsong“ gemacht, und man hält den Atem an, wie akrobatisch und gleichzeitig ungeheuer ausdrucksstark vor allem Wiktoria dieses Stück von Stephen Shropshire interpretiert.

Aber dann! Nach der Pause! In den Etüden geben alle noch einmal alles. Es geht Schlag auf Schlag. Alle zusammen, dann die Kleinen (und es fällt schwer, sich ein „Hach, sind die süß“, zu verkneifen), dann die Großen, dann wieder bunt gemischt. In unterschiedlichen Konstellationen zeigen alle noch einmal, was sie draufhaben, bis zum großen gemeinsamen Finale vor einem Banner, auf dem natürlich „Danke, Reid“, steht. Leider fällt der Applaus sehr kurz und verhalten aus. Schade. Man geht ein wenig betrübt nach Hause.

Das haben Sie jetzt nicht wirklich geglaubt, oder? Es gibt natürlich Standing Ovations, für alle Schülerinnen und Schüler, für alle, die sich um ihre Ausbildung kümmern, für Tadeusz Matacz und natürlich Reid Anderson. Nein. Man muss sich um die Zukunft des Stuttgarter Balletts, das seinen Nachwuchs aus der John Cranko Schule rekrutiert, nicht die geringsten Sorgen machen. Im Gegenteil. Auf diesen Nachwuchs darf man sehr gespannt sein und sich riesig freuen! Wir drücken Tadeusz Matacz die Daumen, dass der Neubau zu einem guten Ende findet – der Tag der Einweihung wird ein guter Tag für Stuttgart sein.

Das Wetter hat gehalten, auf meinem Nachhauseweg fängt’s wieder an zu regnen. Glück gehabt! Und nun alle mit dem Picknick und der Decke und vielleicht einem Regenschutz, nur so für alle Fälle, zum Ballett im Park! Zur Gala!


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Kabatek bloggt!: Happy-End hinter dem Vorhang

Mit Onegin auf die Zielgerade

Wir sind auf der Zielgeraden. Der Countdown läuft! Noch drei Abende. Drei, zwei, eins: Drei, Onegin, zwei, Gala der John Cranko Schule und Ballett im Park, eins, Gala des Stuttgarter Balletts, viele Tränen und Ballett im Park. Dass auf Platz drei des Finales ein Cranko-Handlungsballett stehen musste: Keine Frage. Aber warum ausgerechnet Onegin? Ganz einfach: Es ist eines der Lieblingsballette, wenn nicht gar das absolute Lieblingsballett des scheidenden Intendanten. Er hat es zudem nicht nur selbst getanzt, sondern während der letzten 25 Jahre weltweit einstudiert. Im Programmheft zur Festwoche – übrigens ein absolutes Muss für jeden Ballettfan! – steht ein ganz wunderbares Zitat. Als Reid Anderson 1969 als Ballettabsolvent aus London nach Stuttgart kam, sah er das erste Mal Onegin auf der Bühne: „Das war das Schönste, was ich je gesehen hatte. Ich habe geweint, weil ich in so einer Compagnie gelandet war, wo die Leute so tanzen können.“ Reid Anderson selbst tanzte zunächst den Fürsten Gremin, obwohl der eigentlich altersmäßig nicht so recht zu ihm passte, und dann die Titelrolle. Das Programmheft zeigt einen wunderbar blasierten Onegin mit sehr starken Koteletten und dicken Augenbrauen, und dahinter eine vollkommen entsetzt-verzweifelte Marcia Haydée als Tatjana – was für ein Bild! Was für ein Schnösel! Einfach großartig.

Nicht zuletzt spielt Onegin auch in der Geschichte des Stuttgart Balletts eine entscheidende, wenn nicht sogar die entscheidende Rolle: Beim Gastspiel in New York 1969 brachte das Stück den entscheidenden Durchbruch für das Stuttgarter Ballett. Ein Wunder geschah, das Ballettwunder, und es hält bis heute an! Am 22. Juli, bei der Festwoche „20 Jahre Intendanz Reid Anderson“ gab Sue Jin Kang ihren Abschied mit Onegin. Was war das für ein Abend, als das ganze Opernhaus Herzen in die Luft hielt: Danke, Sue Jin! Ich habe das kleine Plakat noch heute. Ihr Partner damals: Jason Reilly. Und damit sind wir in der Gegenwart angekommen – denn wer tanzt heute Abend Andersons Abschieds-Onegin? Natürlich Jason Reilly, nach seiner kurzen Verletzungspause in Topform. Seine Partnerin heute: Hyo-Jung Kang, die vor zwei Jahren die Olga tanzte!

Es geht los. Hach, wie wunderbar gibt Jason Reilly den arroganten Onegin! Wie er über die Bühne schreitet, mit diesem verächtlichen Mir-kann-keiner-was-Blick! Man möchte ihm ihn den Hintern treten, als er den Liebesbrief Tatjanas vor ihren Augen zerreißt und ihr die Papierschnipsel verächtlich in die Hand drückt. Was für eine große Kunst beherrschte Cranko, eine Geschichte zu erzählen, ohne dass man eine Inhaltsangabe braucht! Auf der ganzen Welt wird jede/r, der/die schon einmal unglücklich verliebt war – und ich wage zu behaupten, dass ein Großteil der Weltbevölkerung diese Erfahrung schon einmal gemacht hat – ohne Worte begreifen, wie verletzend sich dieser Onegin von Anfang an benimmt. Tatjana schmachtet ihn an, aber Onegin nimmt sie zerstreut nur am Rande wahr und widmet sich stattdessen ganz seinem eigenen Weltschmerz und seiner Melancholie. Man könnte auch sagen, der Typ ist auf einem gnadenlosen Ego-Trip. Mit ihren großen Augen und ihren zarten Gesichtszügen passt Hyo-Jung Kang ganz wunderbar in die Rolle der sensiblen Tatjana, die ihr Herz ausgerechnet leider an den völlig Falschen verliert. Das Kontrastprogramm bieten die extrovertierte Olga, federleicht getanzt von Elisa Badenes, und ihr Verlobter Lenski, getanzt von David Moore. Die beiden haben in den vergangenen Tagen nahezu jeden Abend auf der Bühne gestanden, immer zauberhaft, immer perfekt, ein wunderschönes Paar – was für ein Mammutprogramm!

Höhepunkt des I. Aktes: Der Pas de deux von Tatjana und Onegin in Tatjanas Schlafzimmer. Wie tragisch, dass die einzige wirkliche Liebesszene zwischen Tatjana und Onegin nur eine geträumte ist! Jason und Hyo-Jung tanzen das so großartig, dass die Augen förmlich an ihnen festkleben, damit man nur ja keine Sekunde verpasst. Ehrlich gesagt habe ich mich immer gefragt, wie die Spiegelszene eigentlich funktioniert. Sie wissen schon, Tatjana erblickt erst ihr eigenes Spiegelbild, dann erscheint ihr Onegin im Spiegel, schreitet durch das Glas und tanzt mit ihr. Heute Abend habe ich dann aus sicherer Quelle erfahren, dass es keinen Spiegel gibt. Auf der anderen Seite des nicht vorhandenen Glases tanzt eine zweite Tänzerin. Wahrscheinlich war das allen Zuschauern außer mir längst klar (aber ich kapiere auch nie, wie Zaubertricks funktionieren).

Reid Anderson am Signierstand, © Elisabeth Kabatek

In der ersten Pause signiert der Intendant persönlich. Die Schlange ist lang. „I’m a people person“, hat er am Mittwoch vor der Vorstellung von Party Pieces gesagt, ich kann gut mit Leuten, und genau so ist es. Hier ist keiner, der sich abschottet, hier ist einer, der gern mit den Zuschauern quatscht, der alle gleichbehandelt, geduldig signiert. Zwei Besucherinnen, die Reid Anderson noch als Tänzer gesehen haben, diskutieren darüber, in welcher Rolle er ihnen damals am besten gefallen hat. Sie einigen sich auf den Vater in Die Kameliendame und William Forsythes Orpheus. Die Dame mit den Dackeln, die aus Berlin, ist übrigens auch wieder da. Ich habe sie vor zwei Jahren bei der Festwoche kennengelernt. Damals hatte sie drei Dackel, jetzt vier. Die bleiben brav und ganz leise im Hotel, erzählt sie mir, während sie die ganze Festwoche abends ins Ballett geht; Liebe zu Dackeln und Liebe zum Ballett, das muss sich nicht gegenseitig ausschließen. Sehr hübsch ist auch der Kommentar einer Besucherin auf der Terrasse in der zweiten Pause. „Jetzt isch der au he“, kommentiert sie Lenskis tragischen Duell-Tod. Für alle, die des Schwäbischen nicht mächtig sind: „Jetzt ist der auch tot.“ Ja, der schwäbische Dialekt verfügt über erstaunliche Fähigkeiten, wenn es darum geht, den Tatsachen ins Auge zu sehen und grausame Fakten in nüchterne Worte zu fassen. Übrigens ist der Prozentsatz an eleganten Kleidern an diesem Abend im Vergleich zu den letzten Tagen deutlich nach oben gegangen. Da sich am Sonntag Ballett-, Politik- und Kulturprominenz die Ehre geben wird, darf man gespannt sein, was dann klamottentechnisch alles geboten wird. Solider Schick, vermutlich. Wir sind ja nicht so extrovertiert wie die Münchner. Ich werde berichten.

Aber nun naht das Ende. Kann es einen tragischeren Schluss geben für ein Stück als den von Onegin? Nun liegt er ihr zu Füßen, verzweifelt um ihre Liebe bettelnd, nun könnten die beiden zusammenfinden, endlich! Sie lieben sich doch! Aber Tatjana weist Onegin zurück, freilich erst nach einem grausamen Kampf mit sich selbst und mit Onegin. Wie Hyo-Jung Kang und Jason Reilly diesen Kampf miteinander ausfechten, wie sie miteinander ringen und leiden und zwischendurch winzige Momente des Glücks erleben, bis zum bitteren Ende, bis sie ihm die Tür weist, das ist ganz, ganz großes Kino. Der Applaus erklärt sich von selbst.

Hinter der Bühne herrscht Tohuwabohu. Auf der Hauptbühne wird in Windeseile ab- und umgebaut, auf der Seitenbühne steht das komplette Ballett versammelt und verabschiedet die, die das Stuttgarter Ballett mit dem Ende der Spielzeit verlassen: Elena Bushuyeva, Katarzyna Kozielska und Daniela Lanzetti, alle drei Halbsolistinnen; Kirill Kornilov und Ludovico Pace vom Corps de ballet sowie der Ballettmeister Thierry Michel. Alle sind sichtlich bewegt, es werden Reden gehalten, und es fließen Tränen. Nicht der beste Moment für ein Interview, zumal Hyo-Jung Kang und Jason Reilly von allen Seiten beglückwünscht werden. Wie fühlen sie sich?

„Ich bin fix und fertig“, meint Jason Reilly, und dabei lacht er so, dass man ihm das kaum glauben kann. Am vergangenen Sonntag hat Reid Anderson Jason Reilly und Eric Gauthier als seine „beiden Lausbuben“ bezeichnet, und man kann sich vorstellen, warum. „Ich habe immer noch einen Kloß im Hals“, sagt Hyo-Jung. „Da ist noch ein totales Gefühlsdurcheinander.“
„Wie fühlt sich das an, wenn der Vorhang aufgeht, und die Leute da draußen toben?“
Die beiden schauen mich an, ehrlich überrascht.
„Wir kriegen das am Anfang gar nicht mit“, meint Jason. „Wir sind da noch komplett mit uns selber beschäftigt.“
Hyo-Jung nickt. „Wir gehen ja zwei Stunden komplett in die Rolle rein. Und wenn sich dann der Vorhang schließt und Jason kommt wieder auf die Bühne und wir umarmen uns, das ist ein ganz besonderer Augenblick, nach dieser emotionalen Achterbahn.“
„Der beste des Abends!“, lacht Jason. „Es ist vorbei! Nein, natürlich ist es nicht der beste Moment des Abends. Aber es ist ein sehr, sehr schöner Moment. Wir haben in letzter Zeit einige Sachen miteinander getanzt, wir kennen uns jetzt gut. Wir tanzen diese Geschichte, als wäre sie unsere, und dass wir dann ganz am Ende auf der Bühne zusammenfinden, nachdem sie mich rausgeschmissen hat, das ist wie…“
„Wie ein Happy-End?“
„Ja, genau.“
Wie schön! Noch einmal für alle zum Mitschreiben: Onegin endet nicht tragisch. Er und Tatjana finden doch noch zusammen! Leider erst, nachdem der Vorhang gefallen ist.
„Waren Sie sehr nervös, heute, an so einem besonderen Abend?“
„Ach was“, antwortet Jason grinsend. „Diese Woche tanzen wir so wahnsinnig viel, das ist eher so, ach, was ist heute nochmal dran? Und dann raus auf die Bühne und los. Nein, im Ernst, die Nervosität hilft eigentlich, sie macht einen wacher.“
„Kurz bevor der Vorhang aufgeht, das ist ziemlich schrecklich“, meint Hyo-Jung. „Danach geht’s.“
Und was werden die beiden an Reid Anderson vermissen?
„Just him“, sagt Jason, plötzlich ganz ernst. „Ihn, eben. Ich kenne ihn, seit ich neun Jahre alt bin, ich tanze seit 21 Jahren hier in Stuttgart. Ich habe die Befürchtung, dass ich ab und zu an seine Bürotür klopfe, um mit ihm zu plaudern, und er ist nicht mehr da, und ich habe es vergessen.“ Und Hyo-Jung ergänzt: „Er war immer wie ein Stützpfeiler. Ein sehr solider Stützpfeiler.“

Nun wollen die beiden nach dieser Höchstleistung aber endlich ihre scheidenden Kolleginnen und Kollegen verabschieden. „It’s party time!“, hat Reid Anderson schon vor zehn Minuten ausgerufen. Und heute Abend ist das kleine Finale mit der Gala der John Cranko Schule und Ballett im Park!


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Kabatek bloggt!: Mit Friedemann an der Stange

Beim Ballettabend Begegnungen stehen (fast) alle Stars des Balletts gleichzeitig auf der Bühne

Vielleicht haben Sie gestern nach einem neuen Blog gesucht und sich gewundert, dass es keinen gab. Das lag ganz einfach daran, dass am Mittwoch das Programm von Montag, also die Party Pieces, wiederholt wurde. Ich hatte also einen ballettfreien Abend. Ein freier Abend! Toll! Endlich mal früh ins Bett! Theoretisch. Aber dann fühlte es sich irgendwie so seltsam an, nicht zum Ballett zu gehen. Irgendwie leer. Außerdem würde Jason Reilly nun doch noch Mono Lisa mit Alicia Amatriain tanzen. Und da ein Leben ohne Ballett möglich, aber irgendwie sinnlos ist, habe ich mir die Party Pieces noch einmal angeschaut, und was soll ich sagen? Es war noch großartiger als am Montag! Die Tänzer waren noch besser, wenn das überhaupt geht, und der Applaus noch länger, und allein das Finale mit Jason und Alicia wäre es wert gewesen, noch einmal hinzugehen! Danach gab es Standing Ovations für Reid Anderson und alle Tänzerinnen und Tänzer, und der Applaus wollte nicht enden, aber das können Sie sich eh schon denken.

Gestern Abend nun stand der Ballettabend BEGEGNUNGEN auf dem Programm. Raten Sie mal, wie der Applaus ausgefallen ist. Das lag unter anderem daran, dass praktisch sämtliche Ersten Solistinnen und Solisten auf der Bühne standen, in Jerome Robbins‘ Dances at a Gathering. Ein Staraufgebot sondergleichen! Heute Abend wird nicht gekleckert, sondern geklotzt! In immer neuen Konstellationen finden sich die Tänzerinnen und Tänzer zusammen. Alicia Amatriain und Jason Reilly. Jason allein. Friedemann Vogel und Anna Osadcenko. Hyo-Jung Kang in einer urkomischen Szene, in der sie vergeblich versucht, männliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. David Moore, der übrigens sein Rollendebut gibt, in einem inniglichen Pas de deux mit Alicia. Elisa, Anna und Alicia. Das alles ist sehr fröhlich und federleicht, in pastellfarbenen Kostümen, im Walzertakt vor einem frühlingsblauen Himmel mit ein paar Wölkchen. Ein wenig so, als gingen die Solistinnen und Solisten sonntags im Schlossgarten spazieren, oder wie in einer Jane-Austen-Verfilmung. Am Ende verharren alle wie in einem Stilleben, bevor sie in Paaren abgehen. Eine Choreographie, deren fröhliche Grundstimmung aufs Publikum überschwappt!

Mitglieder der John-Cranko-Gesellschaft, © Elisabeth Kabatek

Wie immer versammeln sich in der Pause die Mitglieder der John-Cranko-Gesellschaft im 1. Rang, um über die Vorstellung zu diskutieren. Das tun die immer. Das ist nämlich eine tolle Truppe aus sehr unterschiedlichen Menschen, die eines gemeinsam haben: eine grenzenlose Leidenschaft fürs Ballett! Ich habe den Eindruck, sie verbringen ihre komplette Freizeit dort, und brauchen in ihrer Wohnung mindestens ein Zimmer mehr, um Programmhefte zu stapeln. Diese Woche hätten sie Reid Anderson beim Wort nehmen und zwischen Schauspielhaus und Oper zelten können, denn natürlich kommen sie jeden Abend. Ich glaube, ich war noch nie im Ballett, ohne mindestens vier, fünf Leute der John-Cranko-Gesellschaft zu treffen. Die glühen förmlich für das Ballett! Sie schauen sich alles an, natürlich in sämtlichen Besetzungen. Sie kennen sich hervorragend aus. Sie kennen die Tänzerinnen und Tänzer persönlich, weil diese zu ihren Treffen kommen. Wenn ich irgendwas – egal was! – übers Ballett wissen will, frage ich dort in der Pause nach. Sie können zu allem Auskunft geben, haben einen unglaublich geschulten Blick, und dann sind sie auch noch – nett! Wenn Sie sich also etwas hilflos fühlen oder Fragen haben, hier wird Ihnen geholfen! Im 1. Rang gegenüber vom Merchandising-Stand! Dort hat in der Pause außerdem Anna Osadcenko signiert, und entsprechend war der Stand von Autogrammjägern umlagert. Heute Abend hat sie die Tänzerin in Mauve getanzt, letzten Samstag hat sie mich sehr beeindruckt in der tragischen Rolle der Gräfin Geschwitz in Christian Spucks Lulu.

Alicia Amatriain, Friedemann Vogel und Ensemble beim Schlussapplaus nach Initialen R.B.M.E., © Elisabeth Kabatek

Nach der Pause geht es weiter mit Crankos Initialen R.B.M.E. Heute Abend tanzt Daniel Camargo als Gast das R von Richard Cragun, Elisa Badenes das B wie Birgit Keil, Alicia Amatriain das M wie Marcia Haydée und Alessandro Giaquinto das E von Egon Madsen. Und Cranko geht gleich in die Vollen – da ist richtig was los und nun wirbelt praktisch das ganze Stuttgarter Ballett über die Bühne. Es wie bei seinen Handlungsballetten: Vor lauter Action weiß man gar nicht, wo hinschauen. Das Kraftpaket Daniel Camargo reißt das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin. Für mich ist der schönste Moment des Stücks, ja, des ganzen Abends, wie Alicia und Friedemann im III. Satz den Pas de deux tanzen. Wie sie sich anschauen! Wie sie tanzen! Die beiden sind einfach pure Magie. Zwei Ausnahmetänzer, deren besondere Beziehung zueinander in jeder Sekunde spürbar ist: Zum Heulen schön! Das Thema Applaus lassen wir jetzt mal weg. Sie können sich’s denken.

Nach der Vorstellung treffe ich Friedemann Vogel hinter der Bühne. Dort herrscht das übliche Nach-Vorstellungs-Durcheinander, ein Huschen und Flattern schmalgliedriger und muskulöser Gestalten in den Gängen, zwischen Duschen und Garderoben. Anspannung und Konzentration haben sich in fröhliches Geschnatter und Gelächter verwandelt. Reid Anderson umarmt Friedemann Vogel. „You were exquisite“, strahlt er. „Exquisite!“

„Wir machen das Foto im Ballettsaal, an der Stange“, beschließt Friedemann Vogel spontan. Äh. Stange? Ballettsaal? Offensichtlich kennt Friedemann Vogel meinen allerschlimmsten Albtraum nicht: Ich finde mich auf der Bühne des Opernhauses wieder, trage Spitzenschuhe und ein dünnes Kleidchen, Hunderte von Zuschauern sehen mich erwartungsvoll an, das Orchester fängt an zu spielen und ich – muss tanzen… Ich kann nicht tanzen!! Es ist dann aber sehr lustig, mit Friedemann an der Stange, vor allem, als ich versuche, seine Position nachzuahmen.

Friedemann Vogel und unsere Autorin

Heute Abend hat er Crankos Initialen getanzt. Was bedeutet ihm Cranko?
„Ich bin mit Cranko aufgewachsen. Mein Bruder war ja Tänzer, und meine Eltern haben mich schon mit fünf Jahren ins Ballett mitgenommen, und dann fast jede Woche. Da war damals schon diese Faszination, und mir war immer klar, dass ich Tänzer werden wollte, auch wenn meine Schulkameraden das ziemlich seltsam fanden. Das heute, das sind so Momente, die bleiben für immer bei mir.“ Er legt beide Hände aufs Herz, und seine Augen leuchten. „Mit Alicia, diese Innigkeit, das sind Momente, die bleiben.“
Diese Innigkeit, die niemandem entgeht, der die beiden tanzen sieht.
„Am Montag und am Mittwoch haben sie bei den Party Pieces mit dem Goecke-Stück Fancy Goods abgeräumt. Worin liegt die besondere Herausforderung, wenn Sie Goecke tanzen?“
„Das kann ich gar nicht so sagen. Das Schwierige ist der Wechsel. Wir haben Goecke geprobt und dann musste ich gleich rein in die Initialen, weil der Durchlauf schon fertig war – diese schnelle Umstellung, das ist dann eine echte Herausforderung.“
„Und was heißt das für den Körper?“
„Ich denke nie an den Körper. Man muss sich einfach in jede Bewegung reinschmeißen. Im Moment sind wir alle sehr müde, es ist nun mal wahnsinnig viel, aber das ist auch eine Kopfsache. Man kann sich total verausgaben und dann trotzdem wieder Energie und Kraft sammeln, beim Tanzen, dann geht es auch wieder.“
„Gibt das Publikum, der Applaus Energie?“
„Vielleicht nicht unbedingt Energie – das Tolle ist, wenn Publikum da ist. Das ist anders als bei der Generalprobe, ohne Publikum. Bei der Vorstellung kommen noch einmal Kräfte dazu, die man bei der Probe in der Form so nicht entwickelt.“
„Im Herbst tanzen Sie wieder in Tokio – dort sind Alicia und Sie Superstars. Wie fühlt sich das an?“
„Das ist ganz toll! Es ist völlig crazy.“
„Damit können die eher nüchternen Schwaben nicht mithalten, oder?“
„Wir können uns hier ja nun wahrlich nicht über das Publikum beklagen. Von so einer Reise bringt man vor allem seine Erfahrungen mit, Erfahrungen, die man nicht vergisst. Je mehr man erlebt, desto mehr kann man dann auch einbauen.“
„Und zum Schluss: Was verbinden Sie vor allem mit Reid Anderson?“
„Er hat mich meine ganze Karriere hindurch betreut, das ist die persönliche Ebene. Aber wenn ich das jetzt mal allgemeiner betrachte: Er hat das richtige Gespür für das, was das Publikum sehen will. Man muss sich ja nur die Auslastung des Stuttgarter Balletts anschauen. Er hat das Gespür für Kunst!“

Nun ist es aber höchste Zeit für den Feierabend dieses wunderbaren, unprätentiösen Tänzers! Vor der Pforte des Balletts stehen die Tänzerinnen und Tänzer noch in Grüppchen zusammen und besprechen den Abend nach, einige hocken auf dem Boden. Ganz normale junge Leute, die chillen, könnte man denken, wenn man es nicht besser wüsste!

Morgen macht die Ausnahmetruppe weiter, und Hyo-Jung Kang und Jason Reilly tanzen Onegin, das Lieblingsballett von Reid Anderson,  und ich darf beide hinterher treffen, hurra! Leider ist die Vorstellung ausverkauft, aber Ballett im Park naht!


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Kabatek bloggt!: „Körpersprache ist unsere Sprache“

Katarzyna Kozielska, eine der „Fantastischen Fünf“, verrät, wie eine Choreographie entsteht

Um es gleich vorweg zu sagen: An diesem Abend gibt es keine Katastrophen. Alles klappt wie am Schnürchen, und auch Jason Reilly steht zur allgemeinen Freude wieder auf der Bühne des Schauspielhauses. Heute Abend wird Die Fantastischen Fünf gezeigt, fünf Choreographien von Roman Novitzky, Fabio Adorisio, Katarzyna Kozielska, Louis Stiens und Marco Goecke. Alle fünf Stücke sind erst am 23. März dieses Jahres uraufgeführt worden, und sie werfen ein Schlaglicht auf das, was Reid Anderson 22 Jahre lang gemacht hat: Nämlich nicht nur das Erbe Crankos zu bewahren, sondern auch junge Choreographen, bevorzugt aus den eigenen Reihen, zu fördern. Einer dieser Choreographen heißt Marco Goecke und ist heute weltberühmt, ein anderer Christian Spuck, eine dritte Bridget Breiner, und die Liste ließe sich jetzt seitenlang fortführen, so wie im Programmheft zur Festwoche. Das zählt nämlich – festhalten – zwischen 1996 und 2018 insgesamt 131 Uraufführungen auf! Nun genügt es jedoch nicht, den Ballettchef dafür zu loben, dass er Talente gesucht und gefunden und gefördert hat. Nein, schließlich braucht jedes Stück auch Publikum, und hier kommt wieder einmal das absolut fa-bel-haf-te Stuttgarter Publikum ins Spiel! Reid Anderson hat immer wieder betont, dass er keine Stadt kennt, wo das Publikum so offen ist für Neues – ein Publikum, das sich alles anschaut, mit großem Interesse und großer Neugierde und ohne jeden Vorbehalt. Dass ein Abend wie Die Fantastischen Fünf ständig ausverkauft war, obwohl es ein Überraschungsei war, wo vorher keiner wusste, was drin ist, das gibt es nur in Stuttgart!

Vor der Vorstellung treffe ich Katarzyna Kozielska, Halbsolistin und eine Choreographin, die in den letzten Jahren immer erfolgreicher geworden ist, gestern bei der Premiere von Party Pieces waren gleich zwei Stücke von ihr im Programm, heute Abend ist ihre Choreographie Take Your Pleasure Seriously zu sehen. Was mich am meisten interessiert: Ich kann mir einfach überhaupt nicht vorstellen, wie man eine Choreographie entwickelt. Ich selbst habe gerade ein Theaterstück geschrieben, das ist etwas Konkretes; aber eine Choreographie! Vor allem, wenn sie abstrakt ist, so wie die meisten Stücke von Katarzyna?

„Darauf gibt es eine ganz einfache Antwort. Ich spreche vier Sprachen, aber ich habe noch eine weitere: Körpersprache.“
Aha. Ich kann es mir immer noch nicht vorstellen.
„Ich fange mit Musik an. Ich höre sie hundert, hundertfünfzig Mal, und dann kommt die Bewegung von alleine, die Musik setzt sich in Körpersprache um.“
„Im Ballettsaal?“
„Nein, ich gehe nicht in den Ballettsaal, das passiert alles in meinem Kopf. Manchmal weiß ich nicht, ob das, was mein Kopf denkt, auch funktioniert, ich probiere es dann mit den Tänzern aus. Bisher hat es aber immer funktioniert.“
„Schreiben Sie es dann auf?“
„Nein, ich schreibe das nicht auf, ich habe das im Kopf. Dann gehe ich in den Ballettsaal und tanze es vor, und die Tänzer tanzen es nach, und manchmal passieren Fehler, und ich sehe, dass der Fehler besser ist, als das, was ich ursprünglich wollte, und dann ändere ich es entsprechend.“
Katarzyna muss einen erstaunlichen Kopf haben.
„Wie fühlt sich das dann an, wenn man das, was einmal nur im Kopf war, auf der Bühne sieht?“
„Cool! Gestern Abend zum Beispiel, da haben Elisa Badenes in Limelight und Daniel Camargo mit Firebreather eine Top-Leistung gezeigt. Die Tänzer brauchen Solos, mit denen sie zu Galas gehen können, und manchmal bleiben sie unter ihren Möglichkeiten, deshalb macht es ihnen Spaß, wenn man Solos entwickelt, wo sie bis an die Grenzen gehen. Dann können sie zeigen, was sie draufhaben!“
„Haben Sie von Anfang an gewusst, dass Choreographie Ihr Ding ist?“
„Nein, überhaupt nicht! 2009 habe ich meine Tochter bekommen, habe eine Babypause gemacht und wollte nicht „nur“ Hausfrau sein. Früher habe ich gemalt und Skulpturen gemacht, aber es kam nie so raus, wie ich wollte. Also habe ich gedacht, jetzt mache ich 2011 bei Noverre mit. Das hat unheimlich Spaß gemacht, von Anfang an! Reid Anderson hat nach dem ersten Stück gesagt, nächstes Jahr bist du wieder dabei. Er hat mich immer motiviert, neue Stücke zu machen.“
„Sie waren viele Jahre Halbsolistin beim Stuttgarter Ballett und hören jetzt mit dem Tanzen auf, um ganz als freie Choreographin zu arbeiten. Sind Sie nicht ein bisschen traurig?“
„Es fällt mir nicht so schwer, weil ich weiter für den Tanz arbeite. Tänzerisch habe ich für mich das Maximum erreicht. Ich freue mich vor allem, mehr Zeit mit meiner Tochter zu verbringen!“
„Ihre Tochter wird neun – hat sie Interesse am Ballett? Ihr Mann, Damiano Pettenella, war schließlich auch Tänzer, sie ist also mit Ballett aufgewachsen?“
„Wissen Sie, was meine Tochter vor allem mit Ballett verbindet? Arbeit! Du arbeitest immer, Mama! Andere Eltern hatten am Wochenende Zeit für ihre Kinder, und Mama und Papa gehen zum Ballett – um zu arbeiten! Deshalb freue ich mich so auf mehr Zeit mit ihr.“

Wir wünschen Katarzyna Kozielska alles Gute. Auch, wenn sie als Tänzerin fehlen wird! Aber man kann sie sich ja noch im Film ansehen, in der Verfilmung von Romeo und Julia gibt sie eine hinreißende Zigeunerin ab. Und in der nächsten Spielzeit wird es eine neue Choreographie im Rahmen des Ballettabends AUFBRUCH! von ihr geben!

Louis Stiens, © Elisabeth Kabatek

Auf dem Weg zurück ins Schauspielhaus schlendert ein braungebrannter Christian Spuck vorbei – die Festwochengäste treffen ein! Louis Stiens steht auch draußen in der Abendsonne. So cool, wie er aussieht, glaubt man ihm gleich, dass er in Discos auflegt. Aufgeregt? „Nööö! Solange es den Tänzern gut geht, geht’s mir auch gut!“

Und nun geht es endlich los, mit Roman Novitzkys Under the Surface. Am Anfang und am Ende stehen jeweils schnelle Trommelbeats, dazwischen tanzen die drei Tänzerinnen und fünf Tänzer zu Love Songs in verschiedenen Konstellationen Beziehungsgeschichten. Liebe, Eifersucht, schüchternes Kennenlernen, Verlassen. Ich freue mich besonders, wenn Jessica Fyfe in diesem Stück ein Solo hat oder einen Pas de deux tanzt. Vor zwei Jahren habe ich sie bei den Festwochen kennengelernt, da war sie erst ein paar Monate in Stuttgart. Die Australierin ist eine der wenigen Tänzerinnen des Stuttgarter Balletts, die von außen kamen, und sie hat sich toll entwickelt! Gut, dass Jason Reilly heute Abend tanzen kann, sonst hätten wir auf den ungeheuer schnellen Pas de deux in Fabio Adorisios Or Noir mit seiner Partnerin Anna Osadcenko verzichten müssen. Katarzynas Kozielska kann sich offensichtlich auf ihren Kopf verlassen, bei ihr bilden Licht, rot-schwarze Kostüme und Bewegungen eine atmosphärische Einheit, und Diana Inoescu und Daniele Silingardi tanzen den Pas de deux zur Musik von Bach, mit dem die Choreographie Take Your Pleasure Seriously fast unschuldig endet, zum Dahinschmelzen schön. Nun aber aufgewacht! Louis Stiens haut auf die Pauke. Harte Beats, Bewegungen wie Peitschenhiebe. Das erinnert an Dancefloor, Roboter, Techno, Michael Jackson, dazwischen ein bisschen Glitzerpuschel, und ganz am Ende der Kontrast, ein erstaunlich inniglich endender Pas de deux, großartig getanzt von Elisa Badenes und David Moore. Nein, das hier ist nicht Romeo und Julia, zeigt aber wieder einmal, wie wandlungsfähig die Tänzerinnen und Tänzer des Stuttgarter Balletts sind – sie können einfach alles tanzen! Und dann – der dramatische Schluss. Schüsse fallen, Nebel wabert, Baggerschaufeln kippen grobkörnigen Sand auf die Bühne. Vogelartige, abgehackte Bewegungen und Geräusche. Das kann nur Marco Goecke sein! „It’s so cold in here“, klagt der Tänzer. Herausragend: Alessandro Giaquinto. Hinterher wird eine Zuschauerin in der Reihe vor uns heraussprudeln, dass sie vor Goecke so müde war, dass sie beinahe heimgegangen wäre. Aber dann war sie total gebannt, von der ersten bis zur letzten Sekunde – „So etwas habe ich noch nie gesehen!“

Was für ein Abend! Was für eine Bandbreite! Was für Talente! Ich weiß, ich wiederhole mich: Für jedes Stück nicht enden wollender Applaus, strahlende Tänzerinnen und Tänzer, glückliches Publikum. Aber so ist es nun einmal. Und ich wage eine Prognose, die nicht sehr gewagt ist: Ich werde mich noch öfter wiederholen müssen, es wird den Rest der Woche so weitergehen. Keine Prognose wagen möchte ich, wie lange am Sonntag am Ende der Gala geklatscht werden wird. Falls Sie keine Karte haben, kein Problem: Schließlich gibt es Ballett im Park, am Samstagabend mit der John Cranko Schule, am Sonntag dann die Gala. Picknick einkaufen, Decke und Freunde unter den Arm klemmen, und nix wie hin!