Stuttgarter Ballett Blog


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C wie Charakter

Onegin und Petruchio, der eine ein arroganter Dandy, der andere ein lebensfreudiger Macho; der verliebte Romeo und der brutale Stanley Kowalski; der zaudernde Königssohn Hamlet und der stolze Feldherr Othello – ein Repertoire wie dieses wirft Fragen auf. Muss man sich durch die großen Wälzer der Weltliteratur gewühlt haben, um ihre Charaktere zu verkörpern? Stapeln sich Puschkin und Shakespeare auf den Nachttischen der TänzerInnen? Bei Jason Reilly schon. Der Erste Solist hat sie alle getanzt: die Bösewichte und Träumer, die Gebrochenen und die Edlen. Sein Rezept lautet Recherche. Privat eher wie ein Hip-Hopper als ein Balletttänzer unterwegs bereitet er sich auf alle seine Debüts gründlich vor. Als er vor über 20 Jahren die Rolle des Benvolio in John Crankos Romeo und Julia übernehmen sollte, gab ihm die ehemalige Choreologin Georgette Tsinguirides eine Shakespeare-Ausgabe in die Hand. Sie, die in jeder von John Crankos Proben gesessen und seine Ballette aufgeschrieben hatte! An ihren Rat hat sich Jason Reilly gehalten.

Ein echter Charakter: Jason Reilly als Onegin (Foto: Roman Novitzky)

Mehr als jedes Stück Papier wiegt die Intention der ChoreographInnen. Oft deckt sie sich mit den Zeilen, manchmal liegt sie fernab der Buchdeckel. Bei den ganz Großen ihres Fachs sind es letztlich die Bewegungen selbst, die Geschichten erzählen. „Der Charakter liegt in den Schritten. Cranko war in dieser Hinsicht ein Genie, aber auch andere ChoreographInnen haben diese Gabe“, sagt Jason Reilly. „Das erste Solo von Hamlet in Kevin O‘Days Shakespeare-Version etwa birgt bereits alles.“ Und was, wenn das Stück keine Handlung vorgibt? Die klare Antwort des Ersten Solisten lautet: „Denk dir etwas aus!“ Den Bewegungen und der Musik folgend reimt er sich selbst eine Geschichte zusammen.

Jason Reilly will sich auf der Bühne in einer Figur verlieren. Egal wie schwierig eine Partie technisch ist, wenn er den Charakter in sich gefunden hat, lebt er ihn voll. „Ich hole die Figur für die Bühne heraus und stecke sie danach wieder zurück, wie in einen Rucksack“, meint der Kanadier. Doch so einfach, wie es klingt, ist die Rückkehr in die Realität nicht. Als der Vorhang nach seinem Auftritt als Stanley Kowalski in John Neumeiers Endstation Sehnsucht nach Tennesse Williams gefallen war, wusste Jason Reilly nicht, wohin mit seiner Wut und seinem Ekel vor der Rolle. Da hat er angefangen, auf jede Vorstellung ein 45-Minuten-Workout folgen zu lassen. Er schwitzt die Aggression raus und schüttelt den Charakter ab. Zurück kehrt der gutgelaunte Erste Solist in Baggy und mit Cappy. Er gibt alles, um mit seinem Rucksack voller Charaktere das Publikum berühren zu können; koste es, was es wolle. Ein Buch zur Hand zu nehmen und belesen die Proben im Ballettsaal zu starten, ist noch das Geringste.

Pia Boekhorst


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B wie Babybauch

Alicia Amatriain hochschwanger von hinten – niemand hätte gedacht, dass die Erste Solistin einen kugelrunden Bauch vor sich trägt. Nach zuletzt Anna Osadcenko und Miriam Kacerova hat die neueste Mama des Stuttgarter Balletts Ende März eine kleine Tochter zur Welt gebracht. Mütter waren beim Stuttgarter Ballett immer willkommen. Während andernorts das sakrosankte Credo „Tanz oder gar nicht“ erst in den letzten Jahren an Gewicht verlor, hätte man am Oberen Schlossgarten eine Krippe eröffnen können. Der ehemalige Ballettintendant Reid Anderson stand dem Kinderwunsch seiner Tänzerinnen nie im Weg, genauso wenig wie Tamas Detrich jetzt als Ehemann einer ehemaligen Ersten Solistin und Vater von Zwillingen. Sie wissen, dass es die Kunst befruchten kann, wenn sich eine Tänzerin aus der berühmten Ballettblase hinausbewegt – und mit neuen Erfahrungen zurückkehrt.

Ballerina mit Babybauch: Alicia Amatriain (Foto: Andreas Weidmann)

Was für jede Frau einen körperlichen Ausnahmezustand bedeutet, ist es erst recht für Tänzerinnen. Gertenschlank trainieren sie normalerweise wie im Hochleistungssport. Sie arbeiten ihr ganzes Leben daran, jede Faser ihres Körpers zu kontrollieren, der plötzlich ein Eigenleben entwickelt. Die Schwangerschaft erzwingt eine Pause, die eine Ballerina sich normalerweise nicht gönnt. Denn dafür ist die Karriere viel zu kurz! Doch nach § 11 (4) des Mutterschutzgesetzes darf der Arbeitgeber schwangere Frauen keine Tätigkeiten ausüben lassen, die eine Gefährdung für das Ungeborene bedeuten würde. Kurzum, werdende Mamas gehören nicht in den Ballettsaal. Das Regierungspräsidium in Stuttgart stuft das Risiko als zu hoch ein. „Am Anfang war es schwer, nicht mehr zu trainieren, aber Körper und Kopf passen sich an“, sagt Alicia Amatriain. Zuhause hat sie sich auch den kleinsten Ballettschritt verkniffen. Stattdessen hat sie auf achtsames Pilates und Gyrotonic unter der Anleitung ihrer ehemaligen Kollegin Oihane Herrero gesetzt. Am wichtigsten war für die Erste Solistin und Kammertänzerin jedoch das, was in den 20 Jahren ihrer Laufbahn hinten anstand: Entspannung! Die Techniken des sogenannten HypnoBirthing haben für Lockerheit in Körper und Geist gesorgt. Alicia Amatriain verschloss ihre Ohren vor Horrorstories anderer Mütter und schaute ohne Angst der Geburt entgegen. Die brauchte sie dann auch wirklich nicht zu haben.

Alicia Amatriains Rückblick fällt durchweg positiv aus. „Ich habe es genossen, es mir gut gehen zu lassen; essen zu können, was ich will. Schwer wird es jetzt!“, meint sie lachend mit der Aussicht auf die kommenden Monate. Denn sie will zurück in den Ballettsaal und auf die Bühne! Schon für das Wochenbett war die Spanierin zu ungeduldig; einen Tag nach der Geburt war sie wieder auf den Beinen. Wann sie einen Fuß ins Theater setzen wird, ist auch ohne Corona nicht abzusehen. Der Körper braucht Zeit, aber auf sein Gedächtnis ist Verlass. Am Tag X werden die Muskeln wissen, was zu tun ist. Und trotzdem ist Alicia Amatriain klar, dass die Schwangerschaft nicht spurlos an ihr vorbeigehen wird – zumal sie nicht mehr am Anfang ihrer Karriere steht. Die akrobatischsten Ballette überlässt sie nun gerne Jüngeren: „Ich muss nicht mehr alles tanzen!“ Viel mehr freut sie sich darauf, Rollen neu zu entdecken. Ihre Kolleginnen haben es vorgemacht. Anna Osadcenko und Miriam Kacerova beeindrucken seit der Geburt ihrer Kinder mit neuer Tiefgründigkeit, scheinen geerdeter, ausdrucksstärker zu sein. Selbst wenn der Babybauch längst verschwunden ist; er wirkt nach.

Pia Boekhorst


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A wie Anfang

Wo anfangen bei einem Ballett-ABC? Arabesque, Attitude, Adagio, Allegro – man hat die Qual der Wahl und ist verwirrt über das Sprachengewimmel. Arabesque und Attitude entspringen als „Ornament im spanischen Stil“ und „Haltung“ dem Französischen; Adagio und Allegro lassen als „bequem, gemächlich“ und „lebhaft“ Italienisch im Ballettsaal erklingen. Grund dafür ist die Geschichte des Balletts, das seinen Anfang als Gesellschaftstanz an den Adelshöfen im Italien und Frankreich des 15. Jahrhunderts nahm. Mit dem Sonnenkönig Louis XIV. und der von ihm initiierten Académie Royal de Danse wurde der Tanz kodifiziert. Die Technik wurde verfeinert, Schritte systematisiert. Gleichsam wurde der Grundstein für die Professionalisierung des Balletts und seiner Abnabelung vom Gesellschaftstanz gelegt. Seit Ende des 18. Jahrhunderts erhielt es seine weitere Ausformung in Russland, gelangte in die USA und war: überall!

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Arabesque neben Arabesque. Die Tänzerinnen kommen aus der ganzen Welt und sprechen doch eine Sprache (Foto: Roman Novitzky)

Heute kommen TänzerInnen aus der ganzen Welt und stimmen ein in das Sprachengesumm. Beim Stuttgarter Ballett sind aktuell 23 Nationen im Ensemble vertreten. Sie stammen aus Argentinien oder Australien, haben Ballettschulen in Bratislawa oder Córdoba besucht. Im Ballettsaal wissen sie alle, welche Pose mit Arabesque (Spielbein nach hinten ausgestreckt) und Attitude (Spielbein angewinkelt nach vorne oder hinten) gemeint ist, welche Stimmung bei Adagio und Allegro gefragt ist. Dass es eine „fremde“ Sprache ist, ist völlig vergessen. Als Lingua franca um die Ballettbegriffe herum dient Englisch, was den insgesamt 14 TänzerInnen aus dem englischsprachigen Raum zugutekommt. Doch halt! Hört man da nicht auch Deutsch, Italienisch und Spanisch? Wenn die starke Italo-Fraktion der Compagnie, immerhin zehn TänzerInnen, unter sich ist, unterhalten sie sich in der Muttersprache. Gleiches gilt für die gesprächigen Ensemblemitglieder aus Argentinien, Brasilien, Mexiko und Spanien. ¿Comprendes? Nö, nicht alles. Doch wer braucht schon das gesprochene Wort? Der Tanz sagt alles.

Pia Boekhorst