Stuttgarter Ballett Blog


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27. Juni 2001: Junge Choreographen

HEUTE VOR 19 JAHREN landeten gleich mehrere Künstler bei dem Junge Choreographen-Abend der Noverre-Gesellschaft einen Volltreffer. Der heutige Ballettmeister des Stuttgarter Balletts Rolando D’Alesio schuf bei der Nachwuchsplattform am 27. Juni 2001 Come neve al sole für Bridget Breiner und Friedemann Vogel, was später bei zahlreichen Galas für Pärchen-Spannung sorgte. Weitere erfolgreiche Pas de deux steuerten Alejandro Cerrudo und Peter Quanz mit Beige and Brown bzw. La route des rencontres bei. Doch denkwürdig wurde der Abend vor allem durch Chicks von Marco Goecke. Der junge Wuppertaler präsentierte dem Stuttgarter Publikum erstmalig seine ungewöhnliche Ästhetik, mit der er zuvor anderenorts vergeblich auf Resonanz gehofft hatte. In Stuttgart jedoch erkannte der damalige Ballettintendant Reid Anderson in der fiebrigen Tanzsprache Talent. Goecke öffnete sich das Tor zum Choreographieren und über die kommenden Jahre verfeinerte er als Hauschoreograph der Compagnie seinen Stil. Für alle drei Künstler wurde Noverre zum Sprungbrett in die internationale Tanzwelt.

Marco Goecke © Carlos Quezada


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26. Juni 1973: Todestag John Cranko

HEUTE VOR 47 JAHREN verstarb John Cranko auf dem Rückflug von einem Gastspiel aus den USA. Zwei Tage zuvor hatte die Compagnie noch seinen Schwanensee in Philadelphia zum Besten gegeben und war mit der Aussicht auf Sommerferien an Bord gegangen. Der plötzliche Tod des Direktors und Choreographen hinterließ eine am Boden zerstörte Compagnie – doch mehr als der tragische Verlust wiegt sein Vermächtnis.

John Crankos Spirit auf der Bühne: Anna Osadcenko und Jason Reilly in Onegin (Foto: Roman Novitzky)

Mit seinem Amtsantritt 1961 baute er das Fundament, auf dem das Stuttgarter Ballett bis heute steht. Was er in den nur zwölf Jahren seiner Direktion auf die Beine gestellt hat, bleibt selbst mit heutigem Blick unglaublich: Er schuf ein Ensemble, das seines Namens wert war, kämpfte für bessere Arbeitsbedingungen für seine TänzerInnen, förderte junge ChoreographInnen, baute die Ballettschule auf, die heute seinen Namen trägt, und nicht zuletzt kreierte er Ballette, die nicht nur in Stuttgart, sondern bis heute weltweit getanzt werden. Die, die das Glück hatten, diesen außergewöhnlichen Menschen und Künstler kennenzulernen, schwärmen noch immer von ihm. Wer ihm nicht persönlich begegnen konnte, spürt den Menschen durch sein Œuvre – und in den Fluren des Stuttgarter Balletts weht noch immer sein Geist.

John Cranko ist im Hintergrund immer dabei; Anna Osadcenko und Jason Reilly bei Proben (Foto: Carlos Quezada)


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D wie Dutt

Was wäre eine Ballerina ohne Spitzenschuhe, Tutu und Dutt? Der strenge Knoten am Hinterkopf symbolisiert die klassische Tänzerin wie das Schuhwerk und der typische Rock. „En pointe“ schwebt sie über die Bühne; der passende Schuh verlängert optisch das Bein und der Haarknoten legt den Blick auf den grazilen Hals frei. Idealerweise offenbart sich dem Publikum eine anmutige Linie von Kopf bis Fuß. Und zwar bei jeder einzelnen Tänzerin des Corps de ballet, das seinem Namen gerecht werden soll: als einem einheitlichen Körper mit homogenem Look.

Die gefederte Variante aus Schwanensee (Foto: Roman Novitzky)

Doch auch den Tänzerinnen selbst ist das festgesteckte Haar von Nutzen. Wer hat bei Pirouetten schon gerne Haare im Auge? Und wer die Strähne seiner Partnerin im Mund? Nicht nur machen sich die Tänzerinnen eine Hochsteckfrisur, wenn es die Optik klassischer Ballette erfordert, auch im Training und bei Proben wird das Haar zusammengehalten. Ob mit gedrehtem oder geflochtenem Schopf, etwas höher am Hinterkopf oder tief im Nacken, als ordentliche Schnecke oder zerzaustes Gesteck. Zuweilen lässt sich im Ballettsaal eine Frisur bewundern, die einen Galaabend im Anschluss vermuten lässt. Woanders mag hingegen ein pragmatisches „ich knuddel alles zusammen und stecke vier Haarnadeln rein“ an den Tag gelegt worden sein. Seit der Haarknoten sich zur Trendfrisur gemausert hat, lassen sich beide Versionen problemlos auch nach Probenende tragen. Umgekehrt schaffen der Half Bun (nur die Hälfte der Haare), der Hipster-Dutt (hoch auf dem Scheitel) und der Dounut Bun (mit Kissen) selten den Sprung von der Stuttgarter Königstraße in den Ballettsaal.

Die simple Version für Training, Probe und Pause (Foto: Roman Novitzky)

Als Modeerscheinung wie als effektive Bändigung der Haarpracht kann der Dutt auf eine lange Geschichte blicken, die bereits in der griechischen Antike beginnt. Eine Hochphase erlebte der Haarknoten in der Renaissance: Königin Elisabeth I. von England und die schottische Königin Maria Stuart trugen ihre Häupter als Trendsetterinnen voran. Doch auch niederes Personal hatte in der folgenden Zeit das Haar fest gebunden. Zweckdienlich zeigte sich der Dutt selbst im 20. Jahrhundert, während ansonsten Bubikopf und Dauerwelle die Mode-Schlagzeilen des Jahrhunderts prägten. Ungeschlagen ist der Knoten im Ballett, aber auch im Kunstturnen, beim Voltigieren oder in der rhythmischen Sportgymnastik; zu gut verbinden sich Optik und Nutzen. Wie praktisch, dass man für Ballett und Freizeit theoretisch nur eine Frisur braucht!

Pia Boekhorst


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10. Juni 1969: Erste Vorstellung in New York

HEUTE VOR 51 JAHREN trat das Stuttgarter Ballett zum ersten Mal in New York auf. Am 10. Juni 1969 gab John Crankos Onegin den Startschuss für ein fast drei Wochen dauerndes Gastspiel im Metropolitan Opera House. Auf Einladung des Impresarios Sol Hurok reiste die Compagnie mit dem Wissen über den großen Teich, dass die erste Vorstellung ein Erfolg werden musste – ansonsten hätten sie sofort wieder abreisen müssen. Nach einer Zitterpartie bei der Generalprobe nahm das Ensemble bei der Eröffnungsvorstellung das zunächst verhaltene New Yorker Publikum für sich ein. Dank der Berichterstattung in der New York Times wurde das „Stuttgarter Ballett Wunder“ ausgerufen und die TänzerInnen wurden über Nacht zu Stars. Insbesondere Marcia Haydée wurde als Tatjana (als Onegin Heinz Clauss) gefeiert und bewies kurz darauf in Der Widerspenstigen Zähmung ihr komisches Talent. Die insgesamt 24 Vorstellungen in New York – von Onegin, Romeo und Julia und Der Widerspenstigen Zähmung bis hin zu Einaktern wie Jeu de Cartes oder Présence – wurden ein Triumph und legten den Grundstein für den weltweiten Erfolg des Stuttgarter Balletts.


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C wie Charakter

Onegin und Petruchio, der eine ein arroganter Dandy, der andere ein lebensfreudiger Macho; der verliebte Romeo und der brutale Stanley Kowalski; der zaudernde Königssohn Hamlet und der stolze Feldherr Othello – ein Repertoire wie dieses wirft Fragen auf. Muss man sich durch die großen Wälzer der Weltliteratur gewühlt haben, um ihre Charaktere zu verkörpern? Stapeln sich Puschkin und Shakespeare auf den Nachttischen der TänzerInnen? Bei Jason Reilly schon. Der Erste Solist hat sie alle getanzt: die Bösewichte und Träumer, die Gebrochenen und die Edlen. Sein Rezept lautet Recherche. Privat eher wie ein Hip-Hopper als ein Balletttänzer unterwegs bereitet er sich auf alle seine Debüts gründlich vor. Als er vor über 20 Jahren die Rolle des Benvolio in John Crankos Romeo und Julia übernehmen sollte, gab ihm die ehemalige Choreologin Georgette Tsinguirides eine Shakespeare-Ausgabe in die Hand. Sie, die in jeder von John Crankos Proben gesessen und seine Ballette aufgeschrieben hatte! An ihren Rat hat sich Jason Reilly gehalten.

Ein echter Charakter: Jason Reilly als Onegin (Foto: Roman Novitzky)

Mehr als jedes Stück Papier wiegt die Intention der ChoreographInnen. Oft deckt sie sich mit den Zeilen, manchmal liegt sie fernab der Buchdeckel. Bei den ganz Großen ihres Fachs sind es letztlich die Bewegungen selbst, die Geschichten erzählen. „Der Charakter liegt in den Schritten. Cranko war in dieser Hinsicht ein Genie, aber auch andere ChoreographInnen haben diese Gabe“, sagt Jason Reilly. „Das erste Solo von Hamlet in Kevin O‘Days Shakespeare-Version etwa birgt bereits alles.“ Und was, wenn das Stück keine Handlung vorgibt? Die klare Antwort des Ersten Solisten lautet: „Denk dir etwas aus!“ Den Bewegungen und der Musik folgend reimt er sich selbst eine Geschichte zusammen.

Jason Reilly will sich auf der Bühne in einer Figur verlieren. Egal wie schwierig eine Partie technisch ist, wenn er den Charakter in sich gefunden hat, lebt er ihn voll. „Ich hole die Figur für die Bühne heraus und stecke sie danach wieder zurück, wie in einen Rucksack“, meint der Kanadier. Doch so einfach, wie es klingt, ist die Rückkehr in die Realität nicht. Als der Vorhang nach seinem Auftritt als Stanley Kowalski in John Neumeiers Endstation Sehnsucht nach Tennesse Williams gefallen war, wusste Jason Reilly nicht, wohin mit seiner Wut und seinem Ekel vor der Rolle. Da hat er angefangen, auf jede Vorstellung ein 45-Minuten-Workout folgen zu lassen. Er schwitzt die Aggression raus und schüttelt den Charakter ab. Zurück kehrt der gutgelaunte Erste Solist in Baggy und mit Cappy. Er gibt alles, um mit seinem Rucksack voller Charaktere das Publikum berühren zu können; koste es, was es wolle. Ein Buch zur Hand zu nehmen und belesen die Proben im Ballettsaal zu starten, ist noch das Geringste.

Pia Boekhorst