Stuttgarter Ballett Blog

Kabatek bloggt: „Ich bin ein Stuttgarter!“

4 Kommentare

Schlussapplaus im Operhaus: Reid Anderson und Tamas Detrich auf der Bühne mit dem ganzen Ensemble, Foto: Elisabeth Kabatek

Schlussapplaus im Operhaus: Reid Anderson und Tamas Detrich auf der Bühne mit dem ganzen Ensemble, Foto: Elisabeth Kabatek

„20 Jahre“, wundert sich Reid Anderson im Gespräch mit Sonia Santiago auf der Bühne von Ballett im Park. „Die Tage gehen so wahnsinnig schnell vorbei!“ Da weiß er noch nicht, was der Abend an Überraschungen für ihn bereithält. Zum Beispiel, dass er zwei Stunden später Stuttgarter Bürger sein wird…

Der letzte Abend, die große Gala, Ballett im Park. Auch die Festwoche ist wahnsinnig schnell vorbeigegangen. Angelika Schröder ist mir fast täglich über den Weg gelaufen und hat immer wieder davon geschwärmt, wie toll jeder einzelne Abend war. Sie kommt aus Berlin und hat Balletturlaub in Stuttgart gemacht, mit drei Rauhaardackeln im Gepäck. Nein, die waren natürlich nicht mit im Opernhaus, haben aber dafür gesorgt, dass sie von den kommunikativen Stuttgartern ständig angesprochen wurde. „Ich bin ganz wehmütig, dass es heute Abend vorbei ist“, sagt sie. „Stuttgart ist halt viel schöner als Berlin“, meine ich. Sie lacht. „Was das Ballett angeht, auf jeden Fall!“ Der Park füllt sich langsam, die Stimmung ist wunderbar, die Sonne scheint. Heute kein Regen! Am Merchandising-Stand sind die T-Shirts der Renner.

Die Ballett-T-Shirts laufen gut am Merchandise-Stand! Foto: Elisabeth Kabatek

Die Ballett-T-Shirts laufen gut am Merchandise-Stand! Foto: Elisabeth Kabatek

Im Opernhaus treffen allmählich die Ehrengäste ein. Ich bitte Birgit Keil und Egon Madsen, zwei der vier großen Stars aus Crankos Zeiten, um ein Foto. „Georgette muss dazu!“, ruft Birgit Keil. Natürlich muss Georgette Tsinguirides mit aufs Bild. Was ist ihr Resumée der Woche? „Da fragen Sie mich was! Wir sind alle am Ende. Aber toll!“ Ausnahmsweise suche nicht ich meinen Platz, sondern ein Gast streckt mir hilfesuchend seine Karte unter die Nase. „Kennen Sie sich hier aus?“ Na ja, ein bisschen. Der Gast ist Johannes Öhmann, Direktor des Royal Swedish Ballett in Stockholm, eine der ältesten Ballettcompagnien Europas. Eigentlich ist er im Urlaub. Er zeigt mir Fotos von seinem idyllischen Sommerhaus in den Stockholmer Schären, von wo aus er heute Morgen aufgebrochen ist. Die Gala wollte er auf keinen Fall verpassen, Urlaub hin oder her. „We are all friends“, meint er, als ich ihn nach seinen Verbindungen nach Stuttgart frage, und dann lobt er den extrem hohen Standard der John Cranko Schule und des Stuttgarter Balletts.

Georgette Tsinguirides, Egon Madsen und Birgit Keil vor der Vorstellung, Foto: Elisabeth Kabatek

Georgette Tsinguirides, Egon Madsen und Birgit Keil vor der Vorstellung, Foto: Elisabeth Kabatek

Die Gala beginnt, Tamas Detrich begrüßt Publikum und Ehrengäste. Sichtlich bewegt dankt er seinem Chef: „Es ist nicht, WAS du in diesen 20 Jahren gemacht hast, es ist WIE du es gemacht hast!“ Er verbeugt sich und zieht einen silbernen Zylinder. „Chapeau!“ Da wissen wir noch nicht, welche Rolle dieser Zylinder am Ende der Gala spielen wird…

„Abbitte“ leistet Ministerpräsident Winfried Kretschmann bei Reid Anderson dafür, dass es mit dem Neubau der John Cranko Schule so lange gedauert hat. „Das Stuttgarter Ballett ist DAS kulturelle Aushängeschild Baden-Württembergs, ein Juwel in unserem Land!“ Als Nächstes werden Reid Anderson und Tamas Detrich vor den Augen des Publikums mal eben von Oberbürgermeister Fritz Kuhn eingebürgert. Kein Witz. Beide haben einen Antrag auf deutsche Staatsbürgerschaft gestellt (ohne die eigene abzugeben, natürlich), und Fritz Kuhn hat nicht nur eine Rede, sondern auch die Urkunden im Gepäck! Mit diesem Coup gelingt es dem Oberbürgermeister, dass es beiden für einen Augenblick die Sprache verschlägt. Sehr clever, das, „denn jetzt bleiben Sie uns erhalten!“ Reid Anderson kontert mit einem sehr überzeugenden, „Ich bin ein Stuttgarter!“ Sehr launig knüpft daran Bundestagspräsident Norbert Lammert an, ausgewiesener Tanzkenner und bekennender Fan des Stuttgarter Balletts. Nach 34 Jahren Stuttgarterfahrung, meint er, erst als Tänzer, dann als Intendant, gibt es „außer der Queen keine zweite Persönlichkeit, die es so lange an der Spitze eines Staatstheaters ausgehalten hat!“

Zwei glückliche neue Stuttgarter: Reid Anderson und Tamas Detrich mit Oberbürgermeister Fritz Kuhn, Foto: Stuttgarter Ballett

Zwei glückliche neue Stuttgarter: Reid Anderson und Tamas Detrich mit Oberbürgermeister Fritz Kuhn, Foto: Stuttgarter Ballett

Genug der Reden. Der Rest des Abends, der Großteil des Abends, gehört dem Ballett. Großartig, dass ich heute noch einmal alle TänzerInnen sehen darf, die die letzten Abende auf der Bühne gestanden sind, nur leider ohne Sue Jin Kang. Und wie sie tanzen und noch einmal das Beste geben, was sie haben, um ihrem Chef zu danken! Klassik und Moderne bunt gemischt, so wie es Reid Anderson immer gehalten hat. Das Erbe pflegen, neue Choreographien fördern. Und so gibt es an diesem Abend sogar vier großartige Uraufführungen, darunter In Short von Itzik Galili (getanzt von Anna Osadcenko und Jason Reilly) und Arcadia von Douglas Lee, getanzt von Alicia Amatriain und Constantine Allen. Der tanzt außerdem sein Rollendebüt im Pas de deux aus John Crankos Schwanensee, und wer die „Widerspenstige“ am Donnerstag verpasst hat, weiß spätestens jetzt, dass Elisa Badenes und Constantine Allen das neue Stuttgarter Tanz-Traumpaar sind.

Sommer, Sonne, Sonnenschein am Sonntag auf der Wiese bei Ballett im Park, Foto: Elisabeth Kabatek

Sommer, Sonne, Sonnenschein am Sonntag auf der Wiese bei Ballett im Park, Foto: Elisabeth Kabatek

In der 2. Pause bin ich bei Sonia Santiago auf der Bühne im Park zu Gast. Hinrennen, kurzes Interview zum Blog, zurückrennen. Ich darf doch auf keinen Fall den 3. Teil verpassen! Semyon Chudin, zum Beispiel, Star des Bolschoi Balletts, der mit Anna Osadcenko ein großartiges Dornröschen tanzt. Das große Finale vor dem Überraschungsschluss liefern Elisa Badenes und Friedemann Vogel in Tschaikowskys Pas de deux, in der Choreographie von George Balanchine. Die beiden drehen Pirouetten, dass ich schon beim Zugucken den Drehwurm kriege, und heben die Gesetze der Schwerkraft komplett auf. Atemberaubend! Das Publikum trampelt und tobt. Dann geht das Licht an. Was kann denn jetzt noch kommen, nach so einem Abend! Im Programm steht nur Finale. Knisternde Spannung.

Gala-Finale: Die Superhelden des Stuttgarter Balletts und das gesamte Ensemble, Foto: Stuttgarter Ballett

Gala-Finale: Die Superhelden des Stuttgarter Balletts und das gesamte Ensemble, Foto: Stuttgarter Ballett
Finale der Ballettgala: Erste Solisten des Stuttgarter Balletts als Superhelden, Ensemble des Stuttgarter Balletts
(c)Stuttgarter Ballett

He’s the one. Wann hat man schon einmal eine komplette Ballettcompagnie singen hören? Denn das ist die Überraschung. Im fulminanten Finale singt und tanzt das Stuttgarter Ballett das Finale des Musicals „A Chorus Line“, umgedichtet auf Reid Anderson. Dazu dreht sich eine Discokugel und auf die Wände des Opernhauses wird der Schriftzug „Reid – 20 years“ projiziert.

Lichtershow im Opernhaus: Danke, Reid! Foto: Elisabeth Kabatek

´Lichtershow im Opernhaus: Danke, Reid! Foto: Elisabeth Kabatek

Ja, sie singen, in glitzernden Kostümen mit silbernen Zylindern, so wie der, den Tamas Detrich am Anfang getragen hat, und sie machen das richtig gut! Und nun erscheinen auch noch die SolistInnen in ihren Superhelden-Kostümen, Wonderfeet, Elastorina, Captain Fantastic und alle anderen. Damit nicht genug, wird hinten ein Transparent entrollt: Lieber Reid, danke für 20 tolle Jahre, dein Stuttgarter Ballett. Der, um den sich alles dreht, kommt endlich auf die Bühne und kann endlich beklatscht werden. Aber nicht für lange, denn schließlich wartet das Publikum im Park!

Gute Stimmung auf dem Balkon: Schlussapplaus für die Ballett im Park-Besucher, Foto: Elisabeth Kabatek

Gute Stimmung auf dem Balkon: Schlussapplaus für die Ballett im Park-Besucher, Foto: Elisabeth Kabatek

Schnell rennen alle hinauf in den 3. Rang. Ich laufe mit und frage auf dem Weg Alexander McGowan, wie oft sie den Schluss geprobt haben. „Fünf, sechsmal vielleicht. Wir sind halt Tänzer, keine Sänger. Es war für ihn!“ ER weiß jetzt auch, warum man ihn in den letzten Tagen so oft in die Kantine zum Essen geschickt hat. Reid Anderson hält noch eine kurze Rede auf dem Balkon, nachdem sich die Compagnie den Jubel der BesucherInnen im Park abgeholt hat. „Das war wahrscheinlich die beste Gala, die ich in meinem ganzen Leben gesehen habe“, sagt er. „Alles, an was ich glaube, habe ich heute Abend auf der Bühne gesehen. Ihr habt einen sehr glücklichen Menschen aus mir gemacht.“

Der letzte Vorhang ist gefallen. Kein Stück Pizza mehr am Schlossplatz auf dem Heimweg, keine Nachtschichten mehr, um den Blog zu schreiben, die längste bis zwanzig nach drei. Die Festwoche ist vorbei. Wie konnte es so bloß so weit kommen? Was mache ich morgen Abend? Ich sehe schon das tiefe Loch gähnen, in das ich fallen werde. Das Leben wird wieder normal. Ich werde mich wieder mit Leuten unterhalten können, die nichts mit Ballett am Hut haben; in den letzten Tagen war die Kommunikation etwas schwierig.

Danke für alle Begegnungen, für alle Gespräche! Wenn es ein Leitmotiv gab für mich in diesen Tagen, dann das altmodisch klingende Wort Hingabe. In doppeltem Sinne: zum einen die des Stuttgarter Balletts an seine Arbeit. Damit meine ich gewiss nicht nur die, die vorne im Rampenlicht stehen, sondern alle, die hier am Gesamtkunstwerk stricken, auch die hinter den Kulissen, die normalerweise für das Publikum nicht sichtbar sind. Diese Hingabe gilt aber auch für das Stuttgarter Publikum. Egal, mit wem ich in den letzten zehn Tagen gesprochen habe – TänzerInnen, ChoreographInnen, DirektorInnen, KritikerInnen, sie alle sind einhellig derselben Meinung: Das Stuttgarter Publikum ist das beste der Welt!

Jetzt ist Sommerpause. Alle haben sie dringend nötig. Aber es geht ja weiter im Herbst! Noch zwei Jahre mit Reid Anderson, und dann übernimmt Tamas Detrich. Es geht weiter, in Stuttgart, und nicht nur hier, sondern an vielen anderen Orten in der Welt, die mit dem Stuttgarter Ballett vernetzt sind. Freuen wir uns drauf. Danke, Reid!

Advertisements

4 Kommentare zu “Kabatek bloggt: „Ich bin ein Stuttgarter!“

  1. „On Your Toes“ fiel mir auch sofort ein, als nach einer singenden kompletten Ballettcompagnie gefragt wurde. War anscheinend vor der Zeit von Frau Kabatek. Wollen wir aber nicht zu streng sein, ihre Beiträge zur Festwoche waren unterhaltsam geschrieben.

  2. Hm, ….. sex and drugs and rockn roll so sommertrunken und schon ist es vorbei. Die gehen einfach in Sommerpause …..

    Bleibt mir wohl nichts anderes uebrig als demuetig meinen Kopf zu senken.

    Danke Stuttgarter Ballett und Reid Anderson vor allem fuer Ballett im Park :-)

  3. „Wann hat man schon einmal eine komplette Ballettcompagnie singen hören?“
    1990-1994, das Stuttgarter Ballett in ca. 40 Vorstellungen von „On Your Toes“. 1991 das Hamburger Ballett in „On the Town“. Leute, habt Ihr wirklich niemand gefunden, der ein bisschen mehr Ahnung von Ballett hat?

  4. Liebe Frau Kabatek,

    vielen Dank für die wunderbaren Berichte zur Ballett-Festwoche, es macht Freude sie zu lesen.
    Natürlich auch ein ganz großer Dank an das Stuttgarter Ballett für das tolle Geschenk „Ballett im Park“.
    Ich freue mich schon auf die Fortsetzung.
    Herzliche Grüße
    Magdalena

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s