Stuttgarter Ballett Blog

Kabatek bloggt: „Alicia ist einfach meine Julia“

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Der Marktplatz von Verona, Foto: Stuttgarter Ballett

Der Marktplatz von Verona, Foto: Stuttgarter Ballett

Wie lange braucht man, um in ein Handlungsballett von John Cranko einzutauchen, auch wenn man es nicht kennt, in diesem Fall Romeo und Julia? Ein paar Minuten, nicht mehr. Das farbenfrohe Gewusel auf dem Marktplatz von Verona! Man will am liebsten in das Obst beißen. Und dann das Fest der Capulets! Wie mit einer Kamera schwenkt Cranko ins Innere des Palastes. Alle Leichtigkeit ist dahin. Prokofjews Musik ist plötzlich schwer und ernst, die Kostüme sind gar nicht mehr bunt und die Festgesellschaft tanzt nicht, sie schreitet. Soldaten schieben auf dem Balkon Wache: eine einzige Demonstration der Macht. Vollkommen hineingesogen in das Geschehen wird man spätestens, als Romeo und Julia sich zum ersten Mal begegnen. Vor allem dieser Romeo, Friedemann Vogel, und diese Julia, Alicia Amatriain. Die Balkonszene! Wie sie erst ein wenig schüchtern umeinander herumschleichen. Wie diese Schüchternheit bald einer großen Ernsthaftigkeit weicht, bei aller Verliebtheit. Hier sind zwei, die keine Spielchen miteinander spielen, hier sind zwei, die sofort wissen, dass sie füreinander bestimmt sind. „Schööön, nicht?“, seufzt es in der Reihe hinter mir, als der I. Akt vorbei ist.

Recherche in der Pause: Wie verständlich und universell sind Crankos Handlungsballette? Martin, der sich selber als Martin F. aus P. an der E. vorstellt, ist zum ersten Mal in seinem Leben im Stuttgarter Ballett, ein Geschenk zum 34. Geburtstag. Und, wie finden Sie’s? „Hochinteressant“, meint er, sein Ton klingt anerkennend. Für alle Nichtschwaben: Der Schwabe liebt das Understatement. Übersetzt heißt „hochinteressant“, dass Martin es ziemlich toll findet. „Wahnsinnig intensiv, wie Cranko eine Geschichte erzählt, und man versteht alles!“, ergänzt er. Auch Amir, der mit Martin und seinen Freunden gekommen ist, versteht alles. Er ist aus Afghanistan geflohen, seit 18 Monaten in Deutschland und war wie Martin noch nie im Ballett. „In Afghanistan gibt es kein Ballett“, meint er. „Und nicht so tolle Opernhäuser wie hier.“ Was es in Afghanistan sehr wohl gibt, ist die Liebesgeschichte von Leila und Madschnun, die der von Romeo und Julia sehr ähnelt. Amir ist völlig begeistert vom Ballettabend, der sich aus seiner Sicht völlig selbst erklärt, auch wenn die Kultur eine ganz andere ist. John Cranko, der begnadete Geschichtenerzähler! Und wer könnte die Geschichte von Romeo und Julia besser erzählen als Friedemann Vogel und Alicia Amatriain. Wollen Sie wissen, wie es den beiden geht, nachdem sie zweieinhalb Stunden Romeo und Julia getanzt haben? Aufgeputscht? Strahlend vom nicht enden wollenden Applaus des Stuttgarter Publikums, den vielen Vorhängen, den lauten Bravo-Rufen? Nein. Die beiden Ausnahmetänzer, eines der schönsten Romeo-und-Julia-Paare der Cranko-Ballettgeschichte, sind fix und fertig. „Ich habe alle meine Gefühle auf der Bühne gelassen“, sagt Alicia. „Ich bin vollkommen leer.“ Man spürt das, dass die beiden mit jeder Faser ihres Körpers Romeo und Julia sind. Dass sie sich lieben, als seien sie Romeo und Julia, und dass sie sterben, als seien sie Romeo und Julia. Was die beiden für eine besondere Beziehung zueinander haben, sieht man auch, als der Vorhang nach der letzten Szene aufgeht, sie sich vor dem Publikum inniglich umarmen, Alicia von den Gefühlen und der nachlassenden Anspannung überwältigt wird und Friedemann sie noch einmal in den Arm nimmt, fast beschützend.

Emotionen beim Schlussapplaus von Romeo und Julia, Foto: Roman Novitzky

Emotionen beim Schlussapplaus von Romeo und Julia, Foto: Roman Novitzky

Hinter der Bühne sieht man Friedemann Vogel die Emotionen und die Erschöpfung vielleicht nicht so deutlich an, aber er empfindet genauso wie seine Tanzpartnerin. „Ich weiß gar nicht, was ich jetzt sagen soll. Es ist zu viel passiert, auf der Bühne.“ Vielleicht nur so viel: Wie ist das, mit Alicia zu tanzen? „Wir verstehen uns blind, ich fühle sie blind. Nur ihre Hand auf meiner Schulter, das reicht schon. Ich kann das Ballett natürlich auch mit anderen Tänzerinnen tanzen, aber Alicia ist einfach meine Julia. Wir kennen uns, seit wir vierzehn sind, wir sind zusammen in der John Cranko Schule gewesen. Das ist fast wie eine Partnerschaft.“ Ich frage Alicia, was ihr durch den Kopf geht, wenn sie mit Friedemann einen Pas de deux tanzt. „Ich habe überhaupt nichts im Kopf“, sagt sie. „Ich bin nur Gefühl.“ Nehmen die beiden das Publikum überhaupt wahr? Spüren Sie die Begeisterung, das Mitfühlen und Mitleiden?

"Tu's nicht!" Friedemann Vogel als Romeo und Alicia Amatriain als Julia im 3. Akt von John Crankos Romeo und Julia, Foto: Roman Novitzky

„Tu’s nicht!“ Friedemann Vogel als Romeo und Alicia Amatriain als Julia im 3. Akt von John Crankos Romeo und Julia, Foto: Roman Novitzky

Wie alle aufspringen und „Nein, tu’s nicht!“, brüllen wollen, als Romeo sich den Dolch ins Herz stößt, obwohl Julia nur scheintot ist? „Für mich verschwindet das Publikum völlig“, sagt Alicia. „Ich spüre die Energie des Publikums“, meint dagegen Friedemann. „Aber ich tanze nicht, um dem Publikum zu gefallen. Ich tanze einfach, und gebe alles.“ Wir sitzen in einer Garderobe, die wir für leer gehalten haben. Stimmt nicht ganz, denn jetzt marschiert Birgit Keil im Bademantel herein und entschuldigt sich für die Störung, dabei ist es tatsächlich ihre Garderobe. Ja, Birgit Keil, Ballettstar unter Cranko, hat an diesem Abend die Rolle der Gräfin Capulet getanzt, und damit ist der Abend zu einem kleinen

Generationentreffen geworden. In der 2. Szene sind Birgit Keil als Gräfin Capulet, Sonia Santiago als Amme und Alicia Amatriain als Julia gleichzeitig auf der Bühne. Großartige Solistinnen aus drei Generationen, und mal wieder eines der berühmten Familientreffen des Stuttgarter Balletts, weshalb es sich sowohl Reid Anderson als auch Tamas Detrich nicht nehmen lassen, beim Schlussapplaus die Blumen an die Damen zu überreichen.

Drei Tänzerinnen-Generationen: Birgit Keil, Alicia Amatriain und Sonia Santiago, Foto: Stuttgarter Ballett

Drei Tänzerinnen-Generationen: Birgit Keil, Alicia Amatriain und Sonia Santiago, Foto: Stuttgarter Ballett

Das Ballett als Familienersatz. Gibt es ein Leben außerhalb des Balletts? Ja, das gibt es, und es ist sogar sehr wichtig, meint Alicia. Man kann sich nicht immer in diesem Kokon des Balletts bewegen. Und was macht sie dann? Sie liest gern, oder näht. Nähen? Irgendwie kann man sich Alicia Amatriain nicht so richtig beim Nähen vorstellen. „Ich entspanne mich, wenn ich etwas mit den Händen tue.“ Und natürlich geht sie auch aus, und macht mal mit den Freunden richtig einen drauf. Alles Vorurteile, dass Balletttänzer vor lauter Disziplin nicht richtig feiern können! Im Film des SWR hat man gesehen, wie die Fans vor lauter Begeisterung kreischen, wenn die Superstars des Stuttgarter Balletts nach der Vorstellung in Tokyo auf die Straße treten. Ist das nicht ein tolles Feedback? Schon, aber auf Dauer wäre ihr das zu anstrengend, meint sie. Dann schon lieber Stuttgart, wo sie sich nahezu unerkannt bewegen kann. Und der Schwabe an sich kreischt ja eher selten, ergänze ich im Geiste. Und wie kann sie sich nur all diese Choreographien merken, die sie parallel tanzt? Muss sie sich vor dem Ballett hinsetzen und im Geiste die Schritte wiederholen? „Nein, nein. Das geht alles in Fleisch und Blut über. Du hörst die Musik und weißt sofort, wie es sein muss.“ War

Erschöpft aber glücklich: Alicia Amatriain und Friedemann Vogel mit Elisabeth Kabatek, Foto: privat

Erschöpft aber glücklich: Alicia Amatriain und Friedemann Vogel mit Elisabeth Kabatek, Foto: privat

der heutige Abend im Rahmen der Festwoche etwas Besonderes? Jeder Abend ist etwas Besonderes, meint sie. Vor allem in Stuttgart, der Stadt mit dem besten Ballett-Publikum der Welt! Eine allerletzte Frage habe ich noch an Alicia. Was geht ihr durch den Kopf, wenn sie als scheintote Julia auf ihrem Bett liegt, während um sie herum die Hochzeitsvorbereitungen für die Hochzeit mit Graf Paris im Gange sind? Normalerweise nichts, antwortet sie. Nur einmal war sie kurz davor, niesen zu müssen. Das ist zum Glück nicht passiert… und endlich lacht sie. Genug jetzt der lästigen Fragen, ab in die Kantine mit den beiden. Dort warten die Freunde, und endlich, endlich dürfen unsere völlig unprätentiösen Superhelden sich entspannen und feiern und ganz normal sein, nach diesem beispiellosen Kraftakt.

 

Elisabeth Kabatek

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