Stuttgarter Ballett Blog

Kabatek bloggt: Sommertrunken und ballettbeglückt

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Elisa Badenes in William Forsythes The Second Detail, Foto: Stuttgarter Ballett

Elisa Badenes in William Forsythes The Second Detail, Foto: Stuttgarter Ballett

„Ist das schön!“ Ausnahmsweise gilt der kollektive Ausruf nicht dem Tanz des Stuttgarter Balletts, sondern der lauen Stuttgarter Sommernacht. Als die BesucherInnen des Ballettabends Forsythe/Goecke/Scholz aus dem Opernhaus treten, da ist die Nacht mondhell, die Fontäne im Eckensee glitzert romantisch und der Abendstern leuchtet am wolkenlosen Himmel, in perfektem Abstand zum goldglänzenden Hirsch auf dem Kunstgebäude. Der Abend ist damit endgültig zur Gesamt-Choreographie geworden. Schon vorher haben plaudernde Menschen glücklich auf dem Balkon gestanden und hinabgeblickt auf den Eckensee. Sommertrunken und ballettbeglückt.

Die heutige Ballettvorstellung steht ganz im Zeichen der Hauschoreographen des Stuttgarter Balletts. Hauschoreograph, auch so ein Job wie Ballettdirektor, der in keiner Stellenausschreibung vorkommt. William Forsythe, der große Ballett-Revoluzzer, wurde von Marcia Haydée zum Hauschoreographen ernannt. Eine mutige Entscheidung, die einmal mehr beweist, dass die Stuttgarter BalettdirektorInnen nie allein vom Glanz John Crankos lebten, sondern immer auch in die Zukunft blickten. Acht Werke schuf Forsythe insgesamt für das Stuttgarter Ballett, einige davon schrieb er dem Tänzer Reid Anderson auf den Leib. Dass seine Choreographie „The second detail“ heute als Erstes auf dem Programm steht, macht einen Ballettbesucher aus Karlsruhe glücklich, der ein totaler Forsythe-Fan ist. Seit dreißig Jahren kommt er regelmäßig mit dem Zug von Karlsruhe nach Stuttgart, um sich Ballettvorstellungen anzusehen. „Forsythe hat etwas ganz Neues geschaffen, man erkennt ihn sofort“, befindet er. „Man erkennt auch sofort, wenn einer versucht, ihn zu imitieren.“ Leichte Kost ist Forsythe nicht, weder für die TänzerInnen noch für die Zuschauer. Die Musik von Thom Willems ist abgehackt, ohne durchgängiges Motiv oder erkennbare Struktur. Sich dazu zu bewegen, ist eine Herausforderung, die das Stuttgarter Ballett bravourös meistert, und beim tosenden Applaus ist die Anstrengung in den Gesichtern der TänzerInnen zu lesen. Doch gerade wegen dieser Herausforderung gibt es auch unter den TänzerInnen viele Forsythe-Fans.

Gut gelaunte Festwochen-Besucherinnen: Die Tanzgruppe des Hohenemser Tanzhauses, Foto: E. Kabatek

Gut gelaunte Festwochen-Besucherinnen: Die Tanzgruppe des Hohenemser Tanzhauses, Foto: E. Kabatek

“One of the greatest ballet companies in the world!” Das sagt einer über das Stuttgarter Ballett, der es wissen muss. Neben mir sitzt der kanadische Ballettkritiker Gary Smith. Aus Toronto ist er angereist und schreibt für das Dance International Magazine. Er reist durch die Welt und sieht sich Ballettvorstellungen an, letzte Woche war er in Hamburg bei John Neumeier, nächste Woche geht’s nach London zum Royal Ballet. Wieder so ein Job, der nicht in der Zeitung steht, leider. Seit zwanzig Jahren kommt Gary jedes Jahr nach Stuttgart. „Als Reid hier anfing, habe ich ihm einen Brief geschrieben“, erzählt er. „Eigentlich habe ich nicht mit einer Antwort gerechnet. Postwendend kam aber die Antwort aus Stuttgart.“ Er findet, dass sich das Publikum in Stuttgart besser auskennt als das Publikum in den USA und Kanada, und die Beziehung zwischen Ballett und Publikum erscheint ihm viel enger. Ich überprüfe das in der Pause. Ich laufe durch die verschiedenen Ränge und belausche die Gespräche, mit einem Drink in der Hand und scheinbar geistig abwesend, damit es keinem auffällt. Niemand redet hier über das Wetter oder Pokémon Go; alle reden übers Ballett. Eine Gruppe sehr gut gelaunter Damen mit unüberhörbarem österreichischen Akzent ist aus Hohenems in der Nähe von Bregenz angereist. Sie gehören zu einer Tanzgruppe des Hohenemser Tanzhauses. Dort tanzen Menschen mit und ohne Behinderung miteinander. Jetzt haben acht der Damen einen Ausflug zum Stuttgarter Ballett gemacht.

Roman Novitzky in Marco Goeckes Lucid Dream, Foto: Stuttgarter Ballett

Roman Novitzky in Marco Goeckes Lucid Dream, Foto: Stuttgarter Ballett

Das Stück des aktuellen Hauschoreographen ist in der Mitte des Abends platziert. Marco Goecke wurde 2005 von Reid Anderson zum Hauschoreographen ernannt, und wie Forsythe war auch er in den ersten Jahren umstritten. Heute zweifelt niemand mehr seine Fähigkeiten an. 2015 wurde Goecke von der Fachzeitschrift „Tanz“ zum Choreographen des Jahres gekürt. Fürs sehgewohnte Stuttgarter Publikum ist Goecke längst wie ein alter Bekannter, seine extrem expressiven Arm- und Handbewegungen, die mich oft an Vögel erinnern, sind dem Publikum vertraut. Ja, es ist doch erstaunlich, wie sehr dieses Stuttgarter Publikum immer wieder bereit ist, sich auf Neues einzulassen und darauf zu bauen, dass die Intendanz einen guten Geschmack beweist. Für „Lucid Dream“ gibt es langanhaltenden Applaus für die zehn fabelhaften Tänzer und eine Tänzerin (Agnes Su).

Sommerleicht endet der Abend mit Uwe Scholz‘ „Siebter Sinfonie“ zur Musik von Beethoven,1991 beim Stuttgarter Ballett uraufgeführt. Kostüme, Licht und Bühne – was für eine Augenweide! Was für ein Genuss auch für die Ohren! Jeder Schritt, jede Bewegung passt hier so perfekt zur Musik, als hätten Scholz und Beethoven das Stück gemeinsam komponiert und choreographiert. Besonders im Gedächtnis bleibt mir der erstaunliche Moment des Nichttanzens: 24 TänzerInnen stehen um einen Lichtkegel herum, ohne sich zu bewegen. Ein magischer Augenblick. Magisch auch das Solistenpaar, Anna Osadcenko und Constantine Allen. Großes Kino, großer Applaus.

Anna Osadcenko, Constantine Allen und Ensemble in Uwe Scholz' Siebte Sinfonie, Foto: Stuttgarter Ballett

Anna Osadcenko, Constantine Allen und Ensemble in Uwe Scholz‘ Siebte Sinfonie, Foto: Stuttgarter Ballett

Diese Compagnie kann einfach alles, die Moderne genauso wie die Klassiker von Cranko. Mit zunehmender Hitze steigt auch die Spannung: an den nächsten drei Abenden wird es Höhepunkte nur so hageln, wenn die drei großen Cranko-Handlungsballette hintereinander weg auf die Bühne des Opernhauses kommen. Es ist Sommer, am Mittwoch ist Vollmond, und Friedemann Vogel und Alicia Amatriain tanzen „Romeo und Julia“. Perfektes Timing! Als zusätzliches Schmankerl tritt Birgit Keil als Gast in der Rolle der Lady Capulet auf. Am Donnerstag gibt Constantine Allen sein Stuttgarter Rollendebüt als Petrucchio in der „Widerspenstigen“ und am Freitag kommt das große Heulen, wenn Sue Jin Kang nach 30 Jahren ihren Bühnenabschied in „Onegin“ gibt. Sie alle darf ich hinter der Bühne treffen und ich freue mich riesig darauf. Und nicht vergessen, heute Abend zeigt der SWR um 23.40 Uhr den Film über das Stuttgarter Ballett. Danach ist er 90 Tage in der Mediathek zu sehen. Und noch ein allerletzter Tipp: Die balletterfahrene Dame erkennt man daran, dass sie sich bei diesen Temperaturen einen Fächer mitbringt. Vor allem, wenn sie in der „Zwetschgendörre“ im 3. Rang sitzt.

 

Elisabeth Kabatek

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