Stuttgarter Ballett Blog

Kabatek bloggt: Der Große Multiplikator

Hinterlasse einen Kommentar

(Fast) alle Balletdirektoren mit ihren Tänzern und Reid Anderson nach der Vorstellung, Foto: Stuttgarter Ballett

(Fast) alle Balletdirektoren mit ihren Tänzern und Reid Anderson nach der Vorstellung, Foto: Stuttgarter Ballett

Erst ganz am Schluss kommt er auf die Bühne. Als Reid Anderson am Ende des Ballettabends „Next Generation“ ganz vorne an den Rand der Bühne tritt, nur für ein paar Momente, da hält es niemanden mehr auf den Sitzen. Stehende Ovationen für den Intendanten, dem diese Festwoche gilt. Stehende Ovationen, Toben und Trampeln aber auch für die fünf Tanzcompagnien, die da auf der Bühne versammelt sind, und die sieben Ballettdirektoren, die alle eines gemeinsam haben: Sie alle haben einmal unter Reid Anderson getanzt.

Jetzt geht sie richtig los, die Festwoche. Sie hat zwar schon am Freitag begonnen, mit dem SWR-Film übers Stuttgarter Ballett, aber nun wird endlich getanzt. Die Stuttgarter Compagnie darf nochmal pausieren und im Publikum sitzen. Christian Spuck kommt direkt aus Moskau. Kaum hat er das Opernhaus betreten, da wird er schon von Jason Reilly gepackt und zu einer Hebefigur verdonnert, was ziemlich komisch aussieht. Heute tanzen die Gäste. Ein Abend, den es in dieser Form nur einmal geben wird, wie Tamas Detrich in seiner Begrüßung sagt. Und einmalig wird es in der Tat. Dieser Abend gehört der Nächsten Generation. Bridget Breiner, Sue Jin Kang, Filip Barankiewicz, Ivan Cavallari, Robert Conn, Eric Gauthier und Christian Spuck: sie alle haben in Stuttgart glänzende Karrieren als TänzerInnen hingelegt, sie alle waren Publikumslieblinge, und irgendwann sind sie einfach gegangen. Sie sind gegangen und leiten jetzt eigene Compagnien. Reid Anderson hat sie nicht nur ziehen lassen, ohne ihnen Steine in den Weg zu legen. Er hat sie gefördert, bestärkt, bei den Bewerbungen unterstützt, und wenn sie Hilfe oder einen Rat brauchen, dann greifen sie bis heute zum Telefon und rufen Reid an. Das ist, im besten Sinne, großmütig und großzügig. Anstatt Ballett in Stuttgart zu bunkern, wird multipliziert. In die Welt hinausgetragen: Nach Gelsenkirchen, Augsburg, Korea, Tschechien, Zürich. Und an den Pragsattel.

Eric Gauthier mit seinen Tänzern nach einem erfolgreichen Gastspiel im Opernhaus, Foto: Stuttgarter Ballett

Eric Gauthier mit seinen Tänzern nach einem erfolgreichen Gastspiel im Opernhaus, Foto: Stuttgarter Ballett

Der Ballettabend beginnt mit einem Heimspiel. Eric Gauthier und die Erfolgsgeschichte von Gauthier Dance im Theaterhaus Stuttgart sind der beste Beweis dafür, dass Reid Andersons Philosophie funktioniert, nicht etwa in Western-Manier zu sagen, „diese Stadt ist zu klein für uns beide, Cowboy.“ Nein. Reid Anderson hat Eric Gauthier von Anfang an darin unterstützt, am Theaterhaus Stuttgart eine zweite Tanzszene aufzubauen und zu etablieren. Es hat funktioniert. Längst füllt Gauthier Dance im Theaterhaus Pragsattel den Saal T1. 1630 Plätze, und ständig ausverkauft! Am Pragsattel trifft sich ein jüngeres, tanzungewohnteres Publikum als am Eckensee, und wie selbstverständlich pilgern Stammgäste des Stuttgarter Balletts auch ins Theaterhaus. Unser Eric! Unser Schätzle! Völlig wurscht, dass er Kanadier ist, wir lieben ihn, er ist längst einer von uns, auch wenn es mit seinem Schwäbisch noch ein wenig hapert. Entsprechend umjubelt sind die beiden frech-frivolen Auftritte seiner Truppe an diesem Abend.

Filip Barankiewicz mit den Tänzern des Tschechischen Nationalballetts Giovanni Rotolo, Alina Nanu und Mathias Deneux und Ballettdirektor Petr Zuska, Foto: Stuttgarter Ballett

Filip Barankiewicz mit den Tänzern des Tschechischen Nationalballetts Giovanni Rotolo, Alina Nanu und Mathias Deneux und Ballettdirektor Petr Zuska, Foto: Stuttgarter Ballett

Das Tschechische Nationalballett, das zur Spielzeit 2017/18 von Filip Barankiewicz übernommen wird, zeigt dagegen ungemein komisch die ganze Bandbreite einer Beziehung: Sie lieben sich, sie trennen sich, sie pfeffert ihm die Ballettschuhe hinterher, sie sind allein, sie treffen sich wieder und streiten sich – wie im richtigen Leben eben.

Bridget Breiner (im Hintergrund) mit ihren Tänzern und Reid Anderson nach der Vorstellung, Foto: Stuttgarter Ballett

Bridget Breiner (im Hintergrund) mit ihren Tänzern und Reid Anderson nach der Vorstellung, Foto: Stuttgarter Ballett

In der Pause bietet die lange Schlange am Damenklo die ideale Gelegenheit, ein Stimmungsbild einzufangen. Allgemeine Begeisterung. Sehr kurzweilig findet Nadine Richter den Abend, der innige Pas de Deux des Koreanischen Nationalballetts hat ihr im ersten Teil am besten gefallen. Sie war sogar mal bei Bridget Breiners „Ballett im Revier“ in Gelsenkirchen. Begeisterung auch bei der Dame, die mir an der Sektbar im 1. Rang erzählt, dass ihre Liebe zum Stuttgarter Ballett Anfang der siebziger Jahre mit Marcia Haydée begann. Karten für die Festwoche hat sie gleich am ersten Vorverkaufstag ergattert. „Da standen alte Damen an, die hatten sich um sieben Uhr früh verabredet und frühstückten in der Schlange, damit sie Karten in der 3. Reihe kriegen“, erzählt sie. Stuttgarter Publikum eben. Es bejubelt jedes Stück an diesem Ballettabend, auch die Videobotschaft des Züricher Balletts. Weil in Zürich schon Theaterferien sind, kann Christian Spuck seine TänzerInnen nicht persönlich nach Stuttgart schicken. Aber die Züricher grüßen mit einem Video, und das bietet ein Wiedersehen mit den Stuttgarter Publikumslieblingen Katja Wünsche und William Moore. Fulminant endet der Abend mit dem Koreanischen Nationalballett. Es folgt dem Puls einer Trommel, tanzt sich in rauschhafte Ekstase, und verharrt dann wieder, unbeweglich. Tanzbilder wie Gemälde. Nicht endenwollender Applaus, und alle auf die Bühne!

Sue Jin Kang mit ihren Tänzern vom Koreanischen Nationalballett und Reid Anderson nach der Vorstellung, Foto: Stuttgarter Ballett

Sue Jin Kang mit ihren Tänzern vom Koreanischen Nationalballett und Reid Anderson nach der Vorstellung, Foto: Stuttgarter Ballett

Der Vorhang ist gefallen, aber dahinter ist der Teufel los. Die TänzerInnen der verschiedenen Compagnien fallen sich in die Arme, machen Gruppenfotos und Selfies. Bridget Breiner muss erst einmal losgeeist werden für unser kurzes Gespräch. Seit 2012 ist die ehemalige erste Solistin des Stuttgarter Balletts Direktorin des Ballett im Revier Gelsenkirchen. Heute Abend hat ihre Compagnie zwei umjubelte Auftritte hingelegt. Sie kam 1996 nach Stuttgart, mit Reid Anderson. Und wie fühlt es sich jetzt an, zwanzig Jahre später? „Alles wie früher, und doch wieder nicht. Ich war sehr nervös, und meine Tänzer auch. Ich kenne nur noch ein gutes Viertel der Stuttgarter Compagnie. Eric und Christian kenne ich natürlich von damals.“ Was hat sie von Reid Anderson mitgenommen nach Gelsenkirchen? „Man muss Chancen geben, ein Risiko eingehen. Die Tänzer wachsen mit ihren Rollen.“ Fehlt ihr das nicht, sich ganz auf den Tanz zu konzentrieren, so wie früher in Stuttgart? „Manchmal wünsche ich mir, mehr tanzen zu können. Aber ich hätte niemals geglaubt, dass es so viel Spaß macht, all das zu tun, was ich jetzt mache. Tanzen, choreographieren, Direktorin sein. Wir haben in Gelsenkirchen mehr Grenzen als in Stuttgart, finanziell zum Beispiel. Aber Grenzen geben Freiheit. Man sucht dann eben andere Wege.“ Und jetzt habe ich sie genug aufgehalten, jetzt soll sie endlich feiern. Mit ihren Tänzern, den alten Weggefährten und dem Intendanten, der sie ziehen ließ.

Schnappschuss nach dem Gespräch hinter der Bühne: Bridget Breiner und unsere Autorin Elisabeth Kabatek

Schnappschuss nach dem Gespräch hinter der Bühne: Bridget Breiner und unsere Autorin Elisabeth Kabatek

Elisabeth Kabatek

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s